Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Martin Schrüfer – JM Fachmedien

Martin Schrüfer JM FachmedienWer ist Martin Schrüfer? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin gelernter Redakteur: Volontariat bei der ostbayerischen Tageszeitung „Passauer Neue Presse“, danach frühe Kontakte zum WWW als Online-Redakteur der Zeitung und das zu einer Zeit, als HTML4 noch als Maß aller Dinge galt. Anfang 2000 folgte der erste große Schwenk in meiner Laufbahn in Richtung Fach- und Kulturjournalismus. Zunächst als Redakteur, dann Ressortleiter, stellvertretender Chefredakteur und später Chefredakteur den Magazinen „MusikWoche“ (Entertainment Media Verlag, München), „Musikmarkt“ (Keller Verlag, Starnberg) und „event“ (KPS Verlagsgesellschaft; München und Bremen). Neben dem eigentlichen recherchieren und schreiben hat mich bei diesen Aufgaben immer gereizt, Neues voranzutreiben und die Medien weiterzuentwickeln. Im Laufe der Jahre geschah dies mit immer mehr Pragmatismus, sprich dem Blick für das Machbare. Den sollte man als Leitender Redakteur immer haben, denn trotz aller Visionen muss der Wurm dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.

www.kasse4.de), Moderator und Beobachter.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich habe immer noch nicht aufgegeben, an das Gute im Menschen zu glauben. Ich leiste mir auch nach bald 20 Jahren im Beruf den unverändert naiv-neugierigen Blick auf Menschen und ihre Meinungen.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Abgesehen davon, dass ich als Verfechter der deutschen Sprache mit Elevator Pitches auch grundsätzlich zunächst meine Bauchschmerzen habe, denke ich auch, dass gute Ideen Zeit brauchen. Wer sich nicht ausreichend Zeit nimmt, um mit mir über die Superpower unseres Verlags zu sprechen, für den werde ich halt nicht die Welt retten, um in diesem leicht debilen Bild zu bleiben. Ok, ja, überredet: Wir sind erfahrene Blattmacher durch und durch. Wir konzipieren Ihre Medien – vom Buch über den Ausstellungskatalog bis zur Teenie-Postille und begleiten Sie zielorientiert vom Entwurf bis zum fertigen Printprodukt. Unsere jahrzehntelange Erfahrung hilft Ihnen, während der Produktion die richtigen Entscheidungen zu treffen. Interessiert? Dann lassen sie uns mal aus dem Aufzug aussteigen …

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Die Digitalisierung ist im Verlagswesen seit rund 15 Jahren ein oder besser gesagt mittlerweile kein Thema mehr. Es hatte durchaus seinen Charme, Schwarz-Weiss-Bilder zunächst selbst im der Redaktion eigenen Fotolabor (sprich Besenkammer) zu entwickeln und diese dann am Abend 25 Kilometer zum nächstgelegenen Bahnhof im Bayerischen Wald zu fahren und dem Schaffner in die Hand zu drücken. Am Zielort angekommen, brachte ein Rentner die Bilderkiste tagtäglich zur Druckerei. Kein Flachs! Seitdem hat sich einiges getan, die Auswertung der Texte und Bilder in Richtung Internet ist ebenfalls gelebte Praxis, aber nicht im Mittelpunkt unserer Verlagsaktivitäten. Um die Marken „Materialfluss“ und „LT-manager“ zu stärken, flankieren die jeweiligen Websites im Internet die Magazine, wir twittern und facebooken News und weiche Nachrichten aus den Redaktionen. Daran finden mittlerweile einige tausend Follower Vergnügen, was uns sehr stolz macht. Diese Aktivitäten aber groß herauszustellen, ist aber nicht mein Ding.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Kritisch sehe ich hier nach wie vor das Thema Datenschutz, das nach den entsetzlichen Anschlägen von Paris nun noch schneller von dem guten Weg, auf den es einmal war, abkommen wird.Wie soll ich derzeit ernsthaft jemanden raten und wie argumentieren, Threema zu benutzen, damit seine Konversation auch sicher vor staatlicher Kontrolle ist? Als Chance ist hier jegliche Form von Aufklärung zu nennen: Nie war es einfacher, mit gut gemachten Inhalten so viele Menschen zu erreichen, wie in diesen Jahren. Niemand wünscht sich ernsthaft Zeiten zurück, in denen die Recherche eines Zugfahrplans ein Abenteuer und die Abwicklung von Käufen kurze oder lange Reisen bedeutete. Jetzt geht es darum, dass diejenigen, die mehr über das Thema Internet und Datenschutz wissen – beziehungsweise wie man sich schützt – dieses Wissen nicht nur für sich selbst nutzen, sondern auch der breiten Öffentlichkeit die Dimension der Bedrohung vermitteln.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Der Kampf gegen die großen Vier der Internetwirtschaft mag zwar vielleicht längst entschieden sein, dennoch ist es wichtig, sich hier national nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen respektive die Entscheidung, was auf das Brot kommt. Damit steht es in Sachen schräger Bilder in diesem Interview nach dem Elevator Pitch, den Sie ins Spiel brachten, 1:1. Das Appeasement – denn nichts anderes ist es letztlich – der europäischen und deutschen Politik gegenüber Google, Apple, Amazon und Facebook wird langfristig weitaus schlimmere Auswirkungen haben, als sich im Moment in entgangenen Steuermilliarden zählen lässt. Ja, es droht die Aufgabe jeglicher staatlicher Autorität zugunsten transnationaler Konzerne, deren Unternehmensführung Werten frönt, die ich nicht erkennen kann. Damit muss sich sowohl die Netzwirtschaft als auch die Politik beschäftigen. Jetzt.

Herausforderung für unsere Firma:

Ein tragfähiges Erlösmodell zu finden, das die Wünsche der Leser unserer Publikationen nach nichtgedruckten Informationen erfüllt. Web-Content bedeutet für Fachzeitschriften derzeit allein eins: draufzahlen. Ohne wenn und aber. Warum also nicht das Modell umdrehen und den zahlenden Abonnenten (bei Fachzeitschriften ist dieses Thema ja eine weitere Baustelle, aber das würde hier zu weit führen) die Printinhalte kostenlos digital in den Formen zu liefern, die sie wirklich brauchen.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Nachdem die Zeiten langer Ladezeiten weitestgehend vorbei sind und mich an sich im Moment nur noch raubritterartige Bandbreitenbegrenzungen der Mobilfunkanbieter nerven, ärgert mich im Moment nichts „am Internet“. Was nervt, ist das Katz- und Mausspiel zwischen Adblockern und sehr kreativen – in dicken Anführungszeichen – Werbetreibenden. Man sehnt sich die Zeiten zurück, als es nicht an allen Ecken blitzte und blinkte und man nicht mit fancy tricks zum Betrachten der Werbung gezwungen wurde. Am meisten erfreuen mich Dienste im Internet wie setlist.fm, die in ihren jeweiligen Bereichen unerhörten Nutzwert generierten.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen eine Newsseite und ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

nzz.ch, der Blick der Nachbarn auf uns und vor allem die Weltpolitik ist oft so ganz anders, als der der sogenannten deutschen Leitmedien.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/die-stimmen-des-digitalen-untergrunds-1.18627359 war ein echter Augenöffner für mich. Der Autor beschäftigt sich mit einer Frage, die in deutschen Medien weitestgehend untergeht: Der Frage, ob die Medien, wie wir sie alle kennen, wirklich noch Leitmedien genannt werden können. Oder ob sich die Gesellschaft längst von anderen Websites und Medien informieren und lenken lässt. Äußerst spannend.

 ein spannendes Buch, das Dich inspiriert hat

Der Essay „Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation“ von Michel Serres, erschienen im Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. Der französische Philosoph beschreibt dabei die Anatomie und das Denken der digitalen Generation, die er liebevoll „Däumlinge“ nennt, da es hauptsächlich der Smartphone-bedienende Daumen sei, der ihre Geschicke lenken würde. Die Gedanken des mittlerweile 83 Jahre alten Philosophen kann ich jedem, der Kinder hat oder öfters mit Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu tun hat, wärmstens empfehlen. Die digitalen Däumlinge ticken in der Tat anders und werfen Fragen auf, mit denen sich die Gesellschaft beschäftigen muss. Heiter und gelassen geschrieben, intellektuell scharf und einfach hinreissend.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

Bislang bei nahezu jedem Konzert, das ich besucht habe: Der Blick auf das Publikum, der Genuss von Musik, ohne den in der Tat das Leben ein Irrtum wäre, die unterschiedlichen Stimmungen und Umgebungen auf, vor und hinter der Bühne inspirieren mich jedes Mal wieder auf das Neue. Was will man schon groß auf einer Veranstaltung lernen, wenn man das Wesentliche, was uns Menschen ausmacht, nicht verstanden hat?

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Mein E-Mailprogramm. Genauer gesagt die Suchfunktion dieses Programms. Mitunter bekomme ich weit mehr als 200 E-Mails pro Tag und damit auch regelmäßige Nachfragen wie diese:

XY (meistens eine junge, weibliche Stimme, mehr flötend als fragend): Haben Sie denn meine Mail bekommen?

Me: Welche meinen Sie denn?

XY: Na unsere, in der wir Produkt X (… Unwichtigkeit Y, Langweiler Z) angekündigt haben!

… und jetzt kommt mein Liebling, die Suchfunktion, ins Spiel, die diese Mail in Sekundenbruchteilen findet ….

Me: Ach so, ja klar, die Info von Me-Too-Produkt X, Unwichtigkeit Y, Langweilerkonferenz Z … (siehe oben) ist da.

XY: Und?

Me: Wie und?

XY: Was machen Sie denn nun damit?

Me: Das werden wir sehen.

XY: Schön. Bis wann?

Undsoweiter. Undsofort.

Und genau deswegen liebe ich das Programm.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal einen Tag zusammenarbeiten, und warum?

Nachdem meine eigentlichen Favoriten Lisbeth Salander und Elliot Alderson leider gerade unabkömmlich und unauffindbar sind, wähle ich einen anderen diskreten Zeitgenossen: John Twelve Hawks. Der im Verborgenen lebende Schriftsteller hat mit seiner dystopischen „Traveler“-Romantriologie (erschienen in den Jahren 2005, 2007 und 2009) weite Teile der durch Edward Snowden in die Diskussion gebrachten Elemente der staatlichen Überwachung eindringlich beschrieben und in drei actiongeladene Romane verpackt. Und das weit vor den jetzigen Schlagzeilen. Das weckt meine Neugier auf ihn: Den Tag mit ihm würde ich nutzen, um so viel wie möglich über seine Vergangenheit, sein Leben im Untergrund und seine Gegenstrategien zu erfahren.

Weitere exklusive Interviews aus der Netzwirtschaft gibt es hier.