Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Ronald Scholz – Sherpa.Dresden

Ronald Scholz Sherpa.DresdenWer ist Ronald Scholz? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Mit Mitte 40 habe ich mich von meinem Vorstandsjob bei der sehr erfolgreichen GK Software AG verabschiedet und begonnen, Software-Startups mitzugründen. Es gibt aus meiner Sicht jede Menge belastbarer Geschäftsideen, die aber oft und aus den verschiedensten Gründen auf der Strecke bleiben: Mich treibt an, aus diesem Potenzial heraus erfolgreiche Unternehmen zu entwickeln. Um dieses Co-Founding systematisch machen zu können, wurde 2014 Sherpa.Dresden gegründet; und wenn die Gründer die Asse im Spiel sind, dann sind wir der Joker, der ein Gründungsteam in einer ganzen Reihe von Aspekten perfekt verstärken kann.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich liebe es, mich mit der klassischen Eisenbahn in der Zeit ihrer größten Bedeutung zu befassen – und muß dazu auch ab und an mal am Regler einer Dampflok stehen… Eine solche besondere Maschine zu steuern und mit allen Sinnen wahr zu nehmen ist einfach grandios. Es ist auch ein totaler, willkommener Kontrast zu den digitalen Welten, in denen ich mich sonst täglich bewege.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Sherpa.Dresden tut als Co-Founder alles, was ein Unternehmer (r!) tun muß, um erfolgreich zu sein. Jedes Startup hat irgendwo seine speziellen Herausforderungen oder auch Lücken – und Sherpa.Dresden ist in der Lage, diese zu adressieren und zu beheben. Dazu decken wir vom Entwickeln des Business Models, über den Zugang zum Markt bis zur Organisation der Finanzierung alle Facetten ab. Der wichtigste Punkt ist dabei sicher, daß für Sherpa.Dresden in der Business Welt fast jede Tür offen steht, weil die Gründer vorher extrem erfolgreich waren. Wir vererben sozusagen einen exzellenten Track Record weiter an unsere Startups …

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum?

Unser Business hat eine gewisse Nähe zu Inkubations- und Accelerationskonzepten – stimmt aber nur teilweise mit ihnen überein. Für Sherpa.Dresden und unseren Anspruch als „Mitgründer“ ist deshalb ein ganz klares Profil entscheidend. Darum haben uns Anspruch und Umsetzung von Lars Hinrichs HACKFWD extrem inspiriert: Grundparadigmen wie „Coders Matter“, „Mentorship Is Worth more Than Money“ oder sein Engagement in Pre-Seed / Early Stage sehen wir so wie er. Sein Engagement in Startups war immer ein sehr persönliches, aktives – getragen von den Erfahrungen eines großen, eigenen Erfolgs. Auch wir sind davon überzeugt, daß dieser Aspekt am Ende entscheidend ist.

Kapital ist unverzichtbar, wenn man ein Unternehmen entwickelt – aber es hat eine spezifische Rolle bei der Umsetzung von Ideen. Geld kann Kreativität, technologische Brillanz und Entrepreneurship nicht generieren. Selbst viel Geld kann Erfolge nicht allein erzwingen: Erfolg tritt ein, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, keinen Tag eher. Finanzierungen legen Maßstäbe an Entwicklungs-Zeiträume, die von objektiven (fachlichen, technischen oder vertrieblichen) Einflüssen weitgehend entkoppelt sind: Oft führt dies zu existenziellen Konflikten für die Startups – und meist gewinnt dabei die Renditeperspektive und Teams scheitern eventuell zu früh. Ganz klar ist aber auch, daß in der globalen Arena VC mit entsprechendem Volumen eine andere Bedeutung hat.

Auch für uns spielt der Austausch der Teams und Gründer untereinander eine große Rolle: Die Startup-Welt ist inzwischen voll von Formaten – und wir probieren hier viel aus. Wichtig war bei HACKFWD, daß man es tut, fördert und einfordert – das ist eine extrem wichtige Erkenntnis, die wir von Anfang an aufgegriffen haben.

Als Lars seinen Inkubator für neue Teams geschlossen hat, haben wir natürlich sehr genau hingeschaut. Der rechtzeitige Rückzug aus einem Vorhaben wird sicher auch für uns ein Riesen-Thema werden, zumal wenn man sich (so wie wir auch) vorher aktiv engagiert hat. Unsere Erwartungen an Exits oder einen wie auch immer gearteten Return haben wir von vornherein sehr langfristig abgesteckt – eher 7 Jahre als 3. Schauen wir mal… Der IPO der GK Software AG war deutlich mehr als 15 Jahre nach ihrer Gründung.

Auf jeden Fall an dieser Stelle ein Riesen-Kompliment an Lars Hinrichs – und vor allem ein großes Danke dafür, daß er seine Learnings mit uns allen geteilt hat.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Demokratie

Sicher wiederhole ich hier Statements, die schon gemacht worden sind: aber Demokratie ist nunmal ein zentrales Element unseres Zusammenlebens: Die Digitalisierung, deren Schnelllebigkeit und Komprimierung von Aussagen auf Headlines, führt zu einer völlig anderen Qualität von Wahrnehmung und Wertung unserer Realität. Und da Meinungsbildung auch vom Kontext abhängt, in dem sie erfolgt (Foren, Gruppen, Gleichgesinnte), werden sich viel stärker als in der Print-Ära gleichzeitig viele, gefestigte Meinungen bilden, die nicht mehr über einen nachhaltigen, inhaltlich getragenen Diskurs ausgeglichen werden können und so auch seltener zu notwendigen Veränderungen führen. Wir müssen also bestehende Mechanismen der Demokratie ergänzen. In unserem zunehmend komplexen Zusammenleben müssen diese vor allem wesentlich näher an den Menschen wirken, das heißt wir müssen wieder dezentraler  entscheiden und verändern. Momentan sind Verwerfungen zwischen zentral und lokal sehr gut zu erkennen, ohne daß ich das Gefühl habe, daß wir dazu ein Konzept haben – nehmen wir als Beispiel die aktuelle Diskussionen zur Herausforderung der Flüchtlingsfrage in Deutschland.

Wirtschaft

Unsere Gesellschaft muß auch Herausforderungen durch die Digitale Transformation in der Wirtschaft anders lösen: So ist es z.B. in der Sache wenig hilfreich, den Energiemarkt und Smart Grid gesetzlich zu regeln. Dies stärkt etablierte, große Player zu Lasten von Innovationen z.B. durch Startups. Die Folge ist, dass Deutschland in diesem Thema links und rechts überholt wird. Ein Smart Grid Startup ist derzeit in Estland besser aufgehoben… Das ist doch keine akzeptable Situation. Wir müssen beginnen, die Eigenschaften vernetzten Denkens auch für die nicht-technischen Herausforderungen, z.B. der Energiewende, zu nutzen. Der Schwarm vieler kleiner, kluger Marktteilnehmer ist alles andere als dümmer als zentralisierte Regulierungsgremien, die neben der technischen Wahrheit auch handfeste, globale Unternehmensinteressen repräsentieren. Wir sind es nur nicht gewohnt, so zu denken…

Ich bin da kein Fachmann: Aber die Antwort auf zunehmend komplexe Systeme ist sicher nicht die Digitalisierung von Hierarchien mit Supercomputern, sondern eher die Selbstorganisation von Subsystemen auf Basis von passenden Regeln in und zwischen ihnen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Ich bin überzeugt, daß sich das Internet in der heutigen Form dramatisch weiterentwickeln muß, um den „Dingen“ die Möglichkeit zu geben, sich im „Internet der Dinge und Dienste“ zusammen zu finden. Es ist für mich nicht plausibel, daß dies alles in derselben Infrastruktur statt finden muß, d.h. daß sich Streaming und sicherheitskritische Anwendungen über Priorisierungen austauschen müssen. Meines Erachtens müssen dedizierte Infrastrukturen für bestimmte Zwecke entstehen, so wie vor 100 Jahren auch für den Straßenverkehr. Vielleicht ist es dann für qualitätsabhängige Nutzer einfacher, sich umfassend den notwendigen Digitalisierungen im Business zuzuwenden, wo Security, Latenzzeiten und Bandbreiten erheblich bedeutender sind als bei uns Konsumenten.

Der digitale Wandel führt uns inzwischen intensiv vor Augen, daß wir mit den gewohnten Vorgehensweisen zur Regelung der Wirtschaft nicht mehr hilfreich sind, sondern eher bremsen oder zur Wahrung von Bestitzständen beitragen. Den Energiesektor habe ich als Beispiel schon genannt. Regeln müssen überschaubar bleiben, und der Markt ist ein ausgezeichneter Regulator, der auch Foulspiel aussortieren kann. Komplexe Regelwerke dienen im Grunde nur den Playern, die auch die Ressourcen haben, um diese umzusetzen – und sind damit eine hohe Eintrittsbarriere für Innovation in Märkte.

Herausforderung für unseren Markt:

Startups sind ein Hypethema in Deutschland geworden. Es wird – bis in die höchsten politischen und wirtschaftlichen Ebenen – viel gesprochen, aber gemessen daran vergleichsweise wenig bewegt. Ein Aspekt ist die Notwendigkeit einer besseren Differenzierung und klarere Profilierung der Akteure. Startups sind in der Breite ein extrem kleinteiliges und vielschichtiges Thema. Leider helfen uns die „großen“ Instrumente wenig. Vor 20 Jahren war Industriepolitik unter anderem das Lenken mächtiger Förderinstrumente und -volumina. In der digitalen Wirtschaft funktioniert das nicht mehr, schließlich bauen IT-Firmen insbesondere keine großen Industrieanlagen auf…

Ich denke, daß unser Business von Kollaboration, Interaktion und Austausch geprägt sein muß– anstatt von Wettbewerb und Abschottung. Dementsprechend müssen eher Startup-Ökosysteme entstehen, für die es wiederum neue und sinnvolle Handlungsoptionen für die Gestalter der Rahmenbedingungen gibt. In Deutschland haben wir hier eine große Aufgabe noch weitestgehend vor uns.

Herausforderung für unsere Firma:

Sherpa.Dresden ist noch sehr jung und muß sich deshalb zunächst um eine gute Sichtbarkeit und eine klare Erkennbarkeit ihres Profils kümmern. Unser Angebot an Gründer ist monetär kaum bewertbar und entzieht sich den üblichen Vergleichen nach der Faustregel X Shares für Y Money. Unser Wert ist das nachhaltige, langfristige Engagement in eine Geschäftsidee. Das muß durch erfolgreiche Beispiele erlebbar gemacht werden.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Mich begeistert am Internet immer wieder, dass es durch seine Universalität und die extrem einfachen und belastbaren Standards praktisch keine Limitierungen kennt. Durch die realtime Verfügbarkeit von auf dieser IT-Infrastruktur aufbauenden Diensten besteht für digitale Angebote und Geschäftsmodelle grundsätzlich eine Chancengleichheit,  wie sie in der physischen Welt nicht vergleichbar anzutreffen ist. Auch wenn z.B. die Rolle von Google im Netz dies einschränkt: das Internet wie wir es heute kennen bietet eine unüberschaubare Menge an Chancen. Das freut mich am Internet, ich denke da positiv.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Ich wünsche mir eine Aufgabenplanung, die eine Planung vom strategischen Package bis zum einzelnen Task in entsprechenden Hierarchien ermöglicht, einfache und flexible User Interfaces rollenspezifisch anbietet, Aufwände und Realisierungszeiten erfassbar und transparent macht, mit der ich in verschiedenen zeitichen Ebenen (um-) planen kann und dies für alle sichtbar wird.

Bisher haben wir viel getestet, aber noch nichts Passendes gefunden. Ich ahne, dass wir das irgendwann mal selber machen werden, zumal ein solches Tool fuer die Orga unseres Alltags existentiell ist…

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Handelsblatt und Manager Magazin passen für mich bzgl. Aktualität, Recherche und Aufbereitung nach wie vor sehr gut. Das ist vielleicht auch etwas Gewohnheit – aber schlussendlich muß unsere Startup-Welt sehr schnell „in sync“ mit der old economy kommen, denn davon hängt auch ein Gutteil der Digitalen Transformation in Deutschland und Sachsen ab.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

Eine grandiose Zusammenfassung, warum wir schleunigst mit dem Wandel in unseren Köpfen und unserer Gesellschaft beginnen müssen hat der Soziophysiker Dirk Helbing in der Sonntagszeitung gegeben:

http://www.sonntagszeitung.ch/read/sz_04_01_2015/gesellschaft/Menschheit-steht-vor-dem-groessten-Umbruch-seit-der-industriellen-Revolution-23180

Das liest sich wie ein Manifest, das ich sofort unterschreiben würde. Unbedingt lesen!

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Absolut wichtig war „Silicon Valley“ von Christoph Keese, der auf einer konkreteren Ebene, mit einer wie ich finde guten Systematisierung, beschreibt, wie das Valley aus seiner Sicht funktioniert. Die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen sind logisch und konsistent – und er formuliert Zusammenhänge, die prinzipiell wirken und nicht nur im konkreten Umfeld von Stanford und Big Money. Das ist spannend, weil es Ansatzpunkte liefert, wie ein Startup-Ökosystem auch in einem Umfeld entwickelt werden kann, wo z.B. VC fehlt (wie bei uns). Von der Gestaltung und Visibilität eines solchen Ökosystems hängt auch der Erfolg von Sherpa.Dresden langfristig ab – deshalb ist es ein Thema, um das wir uns kümmern.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

Ich war 2014 auf meinem ersten Startup Weekend und habe dort viel Praktisches über Design Thinking und entsprechende Methoden gelernt. Entscheidende Erkenntnis dort (und auch bei jeder neuen Auflage) war aber, dass Business heute anders gedacht werden muss als vor 10 oder 20 Jahren. Seitdem haben wir bei Sherpa.Dresden ein, inzwischen wesentlich ausgebautes, großartiges und zeitgemässes methodisches Setup fuer unser Startup Business. Über unser Format „Business Innovation Challenge“ verstetigen wir das Generieren von Geschäftsideen, zusammen mit Mitmachern aus der „old economy“.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

… in Summe war und ist es bei mir ganz einfach Excel.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Mein Favorit ist Alex Osterwalder. Er schafft es exzellent, Themenfelder zu systematisieren und zu strukturieren. Seine Konzepte und Methoden rund um den Business Model Canvas sind optimal auf den Punkt gebracht und machen Freude beim Anwenden. Gratulation! Ich würde gern einmal mit ihm an einem konkreten Vorhaben zusammenarbeiten.

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