Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Philipp Depiereux – etventure

Wer ist Philipp Depiereux? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

39 Jahre, Diplom-Betriebswirt, glücklich verheiratet, 4 Kinder, BVB-Mitglied seit 22 Jahren. Geboren und aufgewachsen in Düren, seit rund 15 Jahren in München lebend. Privat als Familienvater bin ich Anhänger der Rudolf-Steiner-Lehre, d. h. zuhause gibt es für die Kids weder TV, noch iPad, noch anderen Medienkonsum. Beruflich digitalisiere ich dennoch mit großer Passion Wirtschaft und Gesellschaft, möchte aufrütteln und die Notwendigkeit des digitalen Wandels begreifbar machen.

Nach Stationen in der Beratung und als CEO eines mittelständischen Unternehmens habe ich 2010 gemeinsam mit zwei Partnern die Digitalberatung und Startup-Schmiede etventure gegründet. Mein Ziel ist es, mit etventure nicht nur der ideale Partner für die Digitalisierung von Unternehmen und den Aufbau von Startups zu sein. etventure soll ein Unternehmen sein, in dem jeder seine Ideen einbringen kann, in dem Menschen passioniert und motiviert zusammenarbeiten. In einer Arbeitsatmosphäre, die geprägt ist von Offenheit, gegenseitigem Respekt, dem Willen zu ständigem Lernen und vor allem Spaß. Aus einem solchen Umfeld ergeben sich hohe Qualität, unternehmerischer Erfolg und zufriedene Kunden ganz automatisch.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Die Familie ist für mich das wichtigste. Als Gründer und Geschäftsführer von etventure bin ich fast täglich in Deutschland und auch Europa auf Reisen. Mein Ziel ist es trotzdem, abends immer wieder bei der Familie zu sein. Und am Wochenende ist Arbeit bei mir übrigens ein absolutes „No-Go“.

Elevator Pitch! Was macht etventure? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Seit mehr als sechs Jahren begleiten und unterstützen wir Unternehmen bei der Digitalisierung ihres Geschäftsmodells. Was uns von den anderen Beratungen da draußen unterscheidet: Wir reden nicht nur über die digitale Transformation, sondern setzen sie tatsächlich um! Gemeinsam mit dem Kunden – u.a. Wüstenrot & Württembergische Versicherungen, Klöckner & Co, Daimler, SMS group, Haniel uvm. – entwickeln wir mithilfe von Innovationsmethoden wie Lean Startup und Design Thinking neue Digitalideen und bauen innerhalb kürzester Zeit erste Prototypen und validierte Geschäftsmodelle, die echten Umsatz am Markt generieren. Mit 100-prozentigem Fokus auf den Nutzer, zu 100 Prozent unternehmerisch.

Unternehmerisch auch deshalb, weil wir als Company Builder selbst erfolgreich Startups aufbauen. Durch die Erfahrungen aus unserem eigenen Startup-Business wissen wir, worauf es ankommt, wenn man digitales Neugeschäft entwickelt, was die Erfolgsfaktoren und Fallstricke sind. Durch diese Projekte verfügen wir nicht nur über echtes unternehmerisches Know-how, sondern auch über ein europaweites Netzwerk in die Startup- und Digital-Branche, von dem nicht zuletzt unsere Unternehmenskunden enorm profitieren.

Diese Kombination aus Digitalexpertise und Unternehmertum ist unsere Superpower und macht uns einzigartig am Markt. Auch die Nachfrage von Kundenseite und unser enormes Wachstum in den vergangenen Jahren bestätigt diesen Kurs: Allein im letzten Jahr sind wir um rund 100 Mitarbeiter auf mittlerweile über 250 Digitalexperten und Unternehmer im etventure Team gewachsen.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Eines unserer interessantesten Best Practices ist unsere Arbeit mit und für den Stahlhändler Klöckner & Co. Denn das Beispiel zeigt, wie viel man durch Digitalisierung innerhalb kürzester Zeit erreichen kann. Und zwar in konkreten Zahlen.

2014 sind wir mit dem Projekt gestartet. Damals hatte Klöckner keinen einzigen digitalen Kanal zum Kunden. Bestellungen wurden ausschließlich über Telefon oder Fax abgewickelt. Um das so schnell wie möglich zu ändern, haben wir für Klöckner die Digital-Einheit kloeckner.i in Berlin als „geschützten Raum“ aufgebaut. „Geschützter Raum“, weil wir dort außerhalb der Kernorganisation und unabhängig von bestehenden Prozessen, Hierarchien und internen Widerständen digitale Geschäftsmodelle für das Unternehmen entwickelt haben. Mit Erfolg: 2016 hat Klöckner bereits 700 Mio. Euro Umsatz und damit rund 10 Prozent des Gesamtumsatzes über digitale Kanäle generiert. Klöckner-CEO Gisbert Rühl hat ein klares Ziel: Bis 2019 soll die Hälfte aller Umsätze über Digitalkanäle erzielt werden.

Kaum ein CEO in Deutschland hat die Digitalisierung seines Unternehmens so entschieden vorangetrieben wie Rühl. Das zeigt Wirkung: Mittlerweile entwickelt Klöckner nicht nur im „geschützten Raum“ der Digital-Einheit neue Ideen. Auch in der Kernorganisation ist die Digitalisierung in vollem Gange. Die Mitarbeiter haben es verstanden und unterstützen den digitalen Wandel aktiv.

Das alles macht Klöckner zum Paradebeispiel für unser Erfolgsrezept: Die Digitalisierung im Kleinen starten, anhand von Prototypen erste, schnelle Erfolge erzielen und mit diesen Leuchtturmprojekten – und dem CEO als klarem Fürsprecher – dann die Kernorganisation überzeugen.

Zum Journal „Dax Digital“.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Eine der größten Herausforderungen – und zwar für Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt – ist, dass die Digitalisierung enorme Auswirkungen auf die Arbeitsplätze und die Anforderungen an Mitarbeiter und Führungskräfte haben wird. Viele Jobprofile wie wir sie heute kennen, wird es so in wenigen Jahren nicht mehr geben.

Ein paar Beispiele: Statt von Sachbearbeitern werden Policen und Schadensfälle bei den Versicherungen bald nur noch von Computern bearbeitet. Gleiches gilt für die Banken. Dort geht schon jetzt der Trend klar zum Online-Banking, die klassische Bankfiliale als solche wird ins Netz verlegt. In Sachen Mobilität und Logistik werden LKW- und Bus-Fahrer genauso wie Zugführer künftig durch das autonome Fahren abgelöst. Selbst vor der Medizin macht die Digitalisierung nicht Halt. Bei der Krebsdiagnostik sind schon heute intelligente Maschinen dem Menschen weit überlegen: Während der Radiologe mit einer Trefferquote von 50 Prozent einen Tumor erkennt, erzielt der Computer eine Quote von 90 Prozent. Und so kann man in jeder Branche, in jedem Bereich Tätigkeiten finden, die zukünftig von Maschinen verrichtet werden, sowohl in der Produktion als auch in klassischen „White Collar“ Sektoren wie Verwaltung oder Controlling.

Was bedeutet das für uns? Unternehmen müssen jetzt reagieren und ihre Mitarbeiter auf den digitalen Wandel vorbereiten, durch Weiterbildung oder Umschulung. Trotzdem: Wir werden es nicht schaffen, alle Menschen mitzunehmen. Einige werden durch den rasanten technologischen Wandel „abgehängt“. Politik und Gesellschaft müssen deshalb schon heute Lösungsansätze entwickeln. Eine dieser Möglichkeiten wird ja bereits kontrovers diskutiert: das bedingungslose Grundeinkommen.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Die größte Errungenschaft des Internets ist, dass es Menschen auf der ganzen Welt miteinander verbindet. Kommunikation und Zusammenarbeit sind um ein Vielfaches leichter geworden. Damit steigt auch das Verständnis für andere Kulturen und Denkweisen. Außerdem hat das Internet zu einer Demokratisierung von Wissen geführt. Informationen und Bildung sind heute nicht mehr nur einem privilegierten Teil der Gesellschaft vorbehalten, sondern universell verfügbar. Gleichzeitig enthüllt diese Transparenz im Netz Lügner und Blender. Und natürlich macht es den Alltag jedes Einzelnen einfacher: Egal, ob wir in unserer Navigations-App nach dem kürzesten Weg suchen, online einkaufen oder im Urlaub mal schnell einen Schnappschuss mit der Familie zuhause teilen wollen.

Die große Freiheit im Internet hat aber auch ihre Schattenseiten: Gerade als Familienvater sehe ich, dass Kinder häufig viel zu früh und unkontrolliert mit dem Internet konfrontiert werden und allzu leicht mit gewaltverherrlichenden oder pornographischen Inhalten in Berührung kommen. Auch Internet-Mobbing wird gerade bei Kindern und Jugendlichen ein immer größeres Problem. Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche Stück für Stück an den Umgang mit dem Netz heranzuführen.

Ein weiteres großes Problem und derzeit aktueller denn je: Fake News. Das Netz ermöglicht es jedem, Informationen zu teilen und seine Meinung zu äußern. Das ist zunächst eine enorme Chance. Leider missbrauchen viele Menschen, auch hochrangige Personen, diese Freiheit und nutzen das Internet zum gezielten Streuen von Fake News und Propaganda – ein besorgniserregender Trend.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

…einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Netzökonom“ von Digitalexperte und Handelsblatt-Kolumnist Dr. Holger Schmidt – informiert extrem vielfältig und vor allem fundiert über sämtliche Aspekte der Digitalisierung

…einen Artikel / ein Video / …, den / das Du Deinen Kunden empfiehlst

http://bit.ly/1glxE90

…ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

rework – weil es im Gegensatz zu den zahllosen Business-Ratgebern tatsächlich eine völlig neue Herangehensweise hat. Für mich die zentrale Aussage: „Entwickle Produkte oder Dienstleistungen, die du selbst nutzen willst.“ Das klingt banal, ist aber noch längst nicht in allen Köpfen angekommen.

…das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

slack.com – das WhatsApp im Unternehmen. Erleichtert uns bei etventure tagtäglich die Kommunikation über Standorte und Länder hinweg.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal einen Tag zusammenarbeiten und warum?

Ist leider nicht mehr möglich, da viel zu früh verstorben: Steve Jobs. Der frühere Apple-Chef ist für mich nicht nur einer der größten Innovatoren und Visionäre, die es je gegeben hat. Was ihn einzigartig macht, ist, dass er es geschafft hat, ein Unternehmen und seine Produkte zu einer Marke, zum Identifikations- und Statussymbol zu machen. Diese geniale Verbindung aus intuitiver Technik, unverwechselbarem Design und cleverem Marketing ist Jobs’ großer Verdienst und macht den Erfolg von Apple noch heute aus.