Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Patrick Markowski – Axel Springer

Patrick Markowski Axel SpringerWer ist Patrick Markowski? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

BILD. Der ideale Ort um kreative Ideen optisch umzusetzen. Über die Sport-Redaktion kam ich zur Titelseite der Deutschland-Ausgabe und bin heute als „Leitender Chef vom Dienst“ Bindeglied zwischen Redaktion und Verlag und (mit)verantwortlich für Layouter und Workflows. Privat bin ich pathologischer early adopter, der seine Familie mit ambitionierter Technik nervt und den Ärger über Bugs mit viel Sport ausgleicht (Tennis, Ski, Laufen).

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Alle wollen ins Silicon Valley – ich war schon da, als das Internet noch Arpanet hieß. 1990 Schüleraustausch in der Bay-Area. Aber statt eines Startups habe ich nach meiner Rückkehr nur ein Baseball-Team gegründet, die Pinneberg Pirates.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Unsere Superpower ist journalistischer Content – was ein großer Unterschied zu normalem Content ist. Es gibt den treffenden Satz: „Journalismus heißt, etwas zu drucken, von dem jemand will, dass es nicht gedruckt wird. Alles andere ist Public Relations“. Das gilt heute mehr denn je, wo Branded Content eine der wenigen Erlösquellen neuer trendiger Journalismus-Portale ist. Darüber hinaus wollen wir auf allen Kanälen als BILD-Content erkennbar bleiben. Das macht die Gestaltung zwar aufwändig, aber unterscheidet uns von standardisierten Websites, verwechselbaren Tageszeitungs-Layouts und responsive Apps. Unser Team gewann in den letzten Jahren nicht umsonst alle relevanten Layout-Preise Deutschlands: Lead Award, Art Directors Club, European Newspaper Award.

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum? 

Faszinierend finde ich den Reichweiten-Erfolg von Buzzfeed, Vice und dem deutschen Heftig. Da hat sich in wenigen Jahren ein Segment von konsequentem Unterhaltungs-Journalismus gebildet, der die digitalen Reichweichten jahrzehntealter großer Medienmarken übertrifft. Auch wenn wir Journalisten darüber gerne die Nase rümpfen, zeigen sie uns drei Dinge: 1. Emotionen sind menschliches Grundbedürfnis 2. Listings gehen immer 3. Reichweite kann auch rein viral zustande kommen. Während Buzzfeed sich aber schon 2009 vom Clickbaiting verabschiedet hat, setzt Heftig weiter auf kalkulierte Produktenttäuschung. Ob das noch lange gutgeht?

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Die Frage ist, wie viel Deutungshoheit haben die Medien tatsächlich verloren? Jeder hat heute das Gefühl, die früher geheimen Zutaten des Journalistenberufs selbst zu besitzen:

Alle haben Zugriff über das gesamte Wissen, alle können sich aus beliebig vielen Meinungen ein Bild machen, alle können publizieren und Debatten anstoßen.

Am Ende überleben deshalb nur Marken, die konsequent veröffentlichen, was sich abhebt: Durch Meinung, durch Qualität (textlich wie gestalterisch), durch Exklusivität, durch aufwändige Recherche.

Die absurden Rufe wie „Lügenpresse“ oder „Systempresse“ sollten wir übrigens keinesfalls hinnehmen. Eine beängstigende Zahl dazu: Österreichs „Die Presse“ hat festgestellt, dass die Verwendung des Begriffs Lügenpresse in deutschen Büchern bislang zwei Kulminationspunkte hatte: 1914/15 und 1939/40.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Wenn man in Tschechien oder in Südschweden eine stabile LTE-Verbindung hat und im ICE zwischen Hamburg und Berlin nur Edge, dann läuft etwas mit unseren Netzen falsch.

Und ja, wir brauchen die Investitionskultur und den Mut aus dem Silicon Valley. Aber wir fordern gerne Startup-Kultur und vergessen, dass es die nette Umschreibung für eine chaotische, junge Firma ist, die nicht weiß, ob es sie in einigen Monaten noch gibt. Ich persönlich finde auch den Begriff „minimum viable product“ grausig, weil der Kunde ein „maximum perfect product“ verdient hat. Genau das könnte unsere Chance in Deutschland sein. Wir können Ideen und wir können Qualität. Wo wir besser werden müssen, ist im Erkennen von Trends, der Vermarktung und GUIs ohne Anleitungsbuch. Genau diese Punkte beherrscht Apple perfekt.

Herausforderung für unseren Markt:

Siehe oben.

Herausforderung für unsere Firma:

Wir müssen unsere Inhalte noch besser auf die verschiedenen Oberflächen und Nutzungssituationen zuschneiden. Geschichten dürfen in unterschiedlichen Kanälen ruhig komplett anders gestaltet sein: Überschrift, Fotoauswahl, Video hoch oder quer, Textlänge – alles wird dadurch bestimmt, wie und wo die Zielgruppe ihren Kanal nutzt. An der Kernaussage darf das nichts ändern, aber unser Snapchat-Fan muss nicht die Print-Geschichte über Karel Gott lesen.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Mich ärgert das Netz als Beleidigungsmaschine. Es könnte das Medium der Freiheit und der Kommunikation sein, aber zu oft ist es ein Ort des Hasses. Darum hat BILD vor Kurzem auch einen Pranger für Facebook-Hetzer veröffentlicht – Leute die mit Klarnamen ausländerfeindliche Posts oder Aufrufe zu Straftaten ins Netz stellen.

Am meisten hat mich ein (pseudo)-wissenschaftlicher Beweis von Schwarmintelligenz gefreut. Ein Studienkollege von mir lästerte immer über Wikipedia. Dort könne problemlos Geschichtsfälschung betrieben werden und alle Informationen außerhalb Googles existierten nicht. Ich hielt dagegen. Zur Beweisführung erstellte er einen Beitrag zu „Pocini“, eine erfundene historische Figur am Hof August des Starken inklusive (falscher) Quellennachweise in der Bibliothek Königsberg. Es begann mit ersten Zweifeln der User bis zur Beweisführung, dass es sich um einen Fake handelt, da die Quellen-Bücher nicht existieren. Da waren wir dann doch beide perplex.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

http://t3n.de/ machen (auch im Print) einen guten Job und haben die neue Arbeitswelt mit agilen Methoden und sozialer Kompetenz verstanden.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

das hohe persönliche Risiko einer Schleuser -Boots-Überfahrt auf sich nahm.

Vieles überträgt er mit der Live-Video-App Periscope. Die unmittelbarste Form von Journalismus – unplanbar, unverstellt.

ein spannendes Buch, das Dich inspiriert hat

Creativity, Inc.: Overcoming the Unseen Forces That Stand in the Way of True Inspiration von Pixar-Chef Ed Catmull

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast 

Oft bedienen Kongresse etc. ein Schein-Wissen. Powerpoint-Folien sind für die Wirtschaft, was Instagram-Posts für Promis sind. Jedes Bild zeigt das ideale Geschäftsmodell und eine perfekte Organisation. Differenzierte Vorträge wie z.B. von Gunter Dueck sind eine echte Kunst.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit 

Täglich hilfreich, aber kein Geheimtipp: Office365, Slack und Tweetdeck. Die App Nuzzle (Social Media Aggregator) ist auch klasse.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Mit Apple-Chefdesigner Jonathan Ive. Ich wüsste gerne von ihm, wie er es schafft, Design und UI gnadenlos über die Bedenken der Ingenieure zu stellen.

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