Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Nora von Schenckendorff – heinrich+gretchen

Nora von Schenckendorff heinrich+gretchen Wer ist Nora von Schenckendorff? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Die offizielle Version: Ich habe 2004 als Beraterin bei einer großen Münchner Agentur in der Internetbranche angefangen und 2010 mit meinem Partner und heute Ehemann die Agentur heinrich+gretchen gegründet. Seither beraten und betreuen wir große und mittelständische Unternehmen erfolgreich in der Gestaltung, Konzeption, Entwicklung und Administration ihrer digitalen Projekte.

Inoffiziell bin ich so etwas wie die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau: Schon mein Studium des Media System Designs war geprägt durch inhaltliche Vielfalt und auch heute wechsele ich immer noch zwischen meiner Position als geschäftsführender Gesellschafterin und den operativen Tätigkeiten als Beraterin, Projektmanagerin, Konzepterin, Designerin und Programmiererin.

Nebenbei, aber nicht unter ferner liefen, ziehen wir noch unseren gemeinsamen Sohn auf, kümmern uns um unsere zwei Kater und versuchen ab und an sogar mal Urlaub zu machen. Auch wenn der Rechner sich immer mit ins Reisegepäck schmuggelt…

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Wäre dies ein Bewerbungsgespräch, müsste ich natürlich jetzt Perfektionismus als größte Schwäche anführen. De facto ist ein echter Spleen von mir, dass ich ungern telefoniere. Ich erledige die Dinge gerne in meinem Tempo und empfinde Telefonate häufig als Zeitverschwendung. Wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gilt, treffe ich mich gerne in Persona mit den Menschen; für alles andere ist die E-Mail mein Kommunikationswerkzeug der Wahl.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir scheuen uns nicht davor, die Dinge beim Namen zu nennen und trauen uns doch tatsächlich, erprobte und erfolgsversprechende Konzepte vorzuschlagen, anstatt blind jedem Hype hinterherzulaufen. So haben wir zum Beispiel schon inhaltsgetriebene Web-Konzepte entwickelt, als es das Buzzword Content Marketing noch gar nicht gab und stattdessen eben Content noch King war.

So sehr es uns selbst immer wieder überrascht: Meistens überzeugen wir schon dadurch, dass wir dem Kunden zuhören und Lösungsansätze liefern, die sowohl die Aufgabenstellung als auch die Rahmenbedingungen berücksichtigen. Beides scheint für unsere lieben Mitbewerber nicht selbstverständlich zu sein.

Darüber hinaus halten wir nicht viel von unausgesprochenen Regeln, die alle befolgen, „weil man es halt so macht“. Wir überraschen gerne, wir kürzen Prozesse gerne ab und hinterfragen „in Stein gemeißelte“ Vorstellungen. Und wundern uns insgeheim immer wieder, wenn wir unsere Kunden mit der simplen Frage „Was genau wollt ihr sagen, wie möchtet ihr euch darstellen?“ aus dem Konzept bringen. Dann nämlich kann ein neuer Denkprozess starten, der auch ausgefalleneren Ideen Platz gibt.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

www.allianz.com) sowie zahlreicher lokaler Einheiten weiterentwickelt.

Dort schätzt man unsere Zuverlässigkeit, die Flexibilität, die wir als kleine Agentur aufbringen können und gleichzeitig die hohe Professionalität, die wir durch jahrelange Erfahrung mit DAX-Kunden sammeln konnten. Diese Kombination gibt es nur selten am Markt und wir fühlen uns in dieser Nische richtig wohl.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Puh, die Frage müsste eher sein, wo wir das nicht tun… Klar müssen wir aus rechtlichen Gründen noch Rechnungen auf Papier verschicken und unsere Steuererklärung unterschreiben, aber ansonsten läuft alles digital. Unsere Projekte laufen über Projektsteuerungssoftware, die techniklastigeren über Git und Gulp, die Kommunikation findet per Mail oder WebEx statt, Stellenanzeigen werden über entsprechende Job-Portale gepostet und in den sozialen Medien beworben. Alles andere wäre für eine Digitalagentur auch unglaubwürdig.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Unsere Firma erfährt gerade die gleichen Herausforderungen wie der gesamte Markt: Der Netzausbau schreitet zu langsam voran (wir führen hier in Landsberg am Lech eine Internetagentur mit einer Bandbreite von 16 MBit), Fachkräfte fehlen und die potenziellen Mitarbeiter, die neu auf den Markt kommen, haben zwar eine rasante fachliche Ausbildung hinter sich, meist fehlt es aber an Lebenserfahrung und Persönlichkeitsbildung. Das macht unser Wachstum zur Herausforderung, lässt sich aber zum Großteil noch durch eigene Ausbildung der Mitarbeiter abfedern.

Gleichzeitig erleben wir, dass sich die Branche immer stärker um sich selbst dreht. Die Protagonisten ziehen von SXSW zur re:publica zur Offf und durch alle Blogs und vergessen häufig den Blick nach außen. Da wundert man sich ja schon, wenn ehemalige Klassenkameraden keinen Facebook-Account haben, ja nicht mal einen DSL-Anschluss, kann gar nicht verstehen, warum die eigenen Eltern kein Online-Banking nutzen wollen und vergisst häufig, dass man es hier mit der Mehrzahl der potenziellen Kunden zu tun hat. Dass es gar nicht so wichtig ist, ob die eigene Peer Group eine Seite toll findet, sondern das der gute alte „Hausfrauentest“ durchaus noch seine Berechtigung hat.

Das heißt für uns, auch hier immer wieder gegen den Strom zu schwimmen. Uns gerade mit den Personen zusammenzusetzen, die nicht Internet-affin sind, die Bedenken haben, Online-Tools zu nutzen und von ihnen zu lernen, wie wir die Akzeptanz unserer Lösungen verbessern können.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Mich ärgert regelmäßig, dass Engagement im Internet inzwischen immer häufiger echtes Engagement ersetzt. Es ist einfach nicht das Gleiche, ob ich eine Online-Petition unterschreibe, oder ob ich meinen Müll trenne, Flüchtlingen Deutsch-Nachhilfe gebe oder in Kindergärten vorlese. Wir erschaffen uns eine Scheinwelt, in der sich jeder so gut fühlen kann, wie er das braucht. Und das ist für das reale Zusammenleben gefährlich.

Am meisten freut mich, dass Typen wie mein Mann (Politikwissenschaft! Philosophie! Psycholinguistik!) endlich nicht mehr Taxi fahren müssen, sondern einen guten Job bekommen können 😉

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Das wichtigste kann ich euch nicht verraten, da arbeite ich selbst noch an einer Lösung, eventuell auch als Ausgründung.

Aber was ich wirklich gerne einmal hätte, ist eine funktionierende Zeiterfassung mit Projektplanung und Rechnungsstellung hinten raus. Alle bisher getesteten Tools sind entweder zu detailliert und die Mitarbeiter brauchen ewig, sie auszufüllen oder aber sie sind schnell zu bedienen, dann leidet aber meistens auch die Verwertung der Daten. Also wer sich da berufen fühlt, kann sich gerne mal bei uns vorstellen.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… (inklusive kurze Begründung, warum Du es empfiehlst)

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Ein Quell nicht versiegender Inspiration ist klar der lokale Kreisbote und zwar in Print. Dort kann jeder lesen, wie weit weg die „Digitalisierung“ von vielen Bundesbürgern noch ist.

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Echt jetzt: ein Buch? Das müsste dann ein zeitloser Titel sein, da die meisten Bücher zum Thema bei Drucklegung schon veraltet sind. Ich nehme daher „On Bullshit“ von Harry G. Frankfurt. Der Grund dürfte sich durch den Titel selbst erklären.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

https://re-publica.de/session/stein-strategie-kunst-nicht-handeln. Überbordender Aktionismus ist etwas, das die Medienbranche leider im Besonderen zu befallen scheint. Schön, wenn man sieht, dass häufig der etwas längere Atem das bessere Mittel zu sein scheint.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Mein Mail-Client (siehe oben)

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Ich bin Mutter. Das heißt, ich bin zur Zeit einfach nur froh, wenn ich mal Zeit mit mir  selbst (und meiner Arbeit) verbringen kann. Alle (selbst-)ernannten Experten müssen sich da mal hinten anstellen.