Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Gerrit Klein – Ebner Verlag

Gerrit Klein Ebner VerlagWer ist Gerrit Klein? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Politikwissenschaften und Geschichte studiert. Also eigentlich als Taxifahrer qualifiziert. Statt dessen LKWs gefahren, Reiseleiter gewesen, journalistisch gearbeitet, dann Geschäftsführer des VDZ (Verband Deutscher Zeitschriftenverlage), Verlagsleiter im Deutschen Fachverlag, Geschäftsführer von Vogel Business Media, heute Geschäftsführer des Ebner Verlags. Seit 25 Jahren also im B2B und Special Interest Publishing unterwegs.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Spiele bis heute nicht Golf. Halte Birdie deshalb nach wie vor für eine Mädchen Band.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir sind ein Nischen Publisher. In beliebig vielen, sehr heterogenen Themenfeldern. Jeweils quer über alle Plattformen – Web, Mobile, Social, Print, Event. Analytisch getriebenes Multiplatform Publishing in Nischenthemen können wir besser als die meisten anderen Verlage. Denn wir agieren nicht nach dem verlagstypischen Muster „Print and Forget“, also der Unsitte, ein Heft mit wertvollen Inhalten zu füllen und diese dann nicht mehr zu nutzen. Wir sind nicht produkt-, sondern zielgruppenzentriert. Unser Motto lautet „Write and market it“, folglich verwenden wir Inhalte mehrfach und spielen diese über alle Plattformen geplant aus. Unser Ziel ist es dabei, Themenwelten eng mit Transaktionen zu verbinden. Wir verstehen uns als shopzentriertes Medienhaus, das hochwertige und unique Informationen mit Methoden des Content Marketing optimiert produziert und distribuiert und damit sein Transaktionsgeschäft befeuert.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Digitalisierung durchdringt alles. Vor allem die redaktionelle Arbeit. Wir haben eine ganz eigene Kategorie von Redakteuren geschaffen – wir nennen diese Funktion Transaction Editor. Diese Menschen können weit mehr als der klassische Online Editor, denn ihr Ziel ist es, Inhalte im Sinne des Content Marketing Ansatzes zu nutzen um Produkte, Dienstleistungen oder Events zu verkaufen. Diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden wir konstant intern aus und fort, denn Leute mit den von uns benötigten Skills finden sich im Markt nicht. Am Anfang der Prozesse steht die Analyse des Nachfrageverhaltens unserer Zielgruppen, hier stützen wir uns auf Searchmetrics, Google Trends und die Auswertung der eigenen Google Analytics Daten. Aus den gewonnenen Daten, die wir in Google Visibility Reports aggregieren, werden die Themen entwickelt, die zu erstellen sind. Bereits im Kreationsprozess sind Schedules anzulegen, die festlegen, welche Unterthemen – wir nennen das MIUs, Minimum Information Units – wann über welche Plattform veröffentlicht werden sollen. Unsere Leute müssen sich also mit den Mechanismen des Embedded Marketings auskennen. Zudem hinterlegen wir Content Goals – Ziele, die wir mit der Veröffentlichung jeder MIU erreichen wollen. Fast alle Inhalte werden in einem definierten Zeitstrahl mehrfach verwendet und optimieren somit die Reichweite. Funktioniert, die Reichweiten haben sich in den letzten zwei Jahren vervielfacht. Das ist die Grundlage, um anschließend Transaktionen auszulösen. Funktioniert auch, mittels dieser Content Marketing Methoden konnten wir unseren Shop Umsatz 2014 um 480% steigern, auf einen ordentlichen sechsstelligen Betrag.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Der Verlust der Autorität. Wenn alle mitreden hat keiner mehr etwas zu sagen. Die permanente Partizipation aller – zumindest wird sie so empfunden, auch wenn eigentlich nur Minderheiten für den Krach sorgen – zerstampft jeden Bewegungsspielraum. Meinungen, Empfindungen, Politik – alles wird getrieben von einer amorphen Masse, in der niemand mehr sichtbar wird, geschweige denn Verantwortung trägt. Der Skandal um die „hart aber fair“ Sendung von Frank Plasberg zeigt, was im Windschatten des Zeitgeistes droht: Zensur durch Political Correctness. Es reicht schon, nur laut genug zu lamentieren. Leider hat jeder Troll heute eine Stimme. Früher sah man die im Dunklen nicht. Was vielleicht ganz gut so war.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Auf der Business Ebene schmerzen die Behinderung durch regulatorische Vorgaben am meisten. Unser Datenschutzwahn steht hier an vorderster Front. US Player dürfen völlig ungehindert Daten ohne Ende sammeln. Kaum wollen wir aber einem Kunden Informationen zur Verfügung stellen, die für diesen wertvoll sein können, müssen wir uns dreimal absichern. Die Menschen stellen freiwillig persönlichste Informationen ohne Ende ins Netz, wir aber züchten Landesdatenschutzbeauftragte. Während wir Anwälte beschäftigen, entwickelt Kalifornien das Next Big Thing.

Herausforderung für unseren Markt:

Gerade wir als Informationsanbieter sind auf Daten über unsere Nutzer angewiesen. Denn nur dann können wir zielgenaue, werthaltige Angebote unterbreiten. Und nur dann können wir Geld mit diesen Angeboten verdienen. Hybride Geschäftsmodelle wie unseres scheinen aber für viele Politiker nicht begreifbar zu sein. Neuland halt. Wir müssen immer befürchten, dass zukunftsweisende Business Modelle durch Brüssel oder Berlin beeinträchtigt werden.

Herausforderung für unsere Firma:

Permanentes Informieren, Lernen, Begreifen. Was gestern galt gilt morgen kaum noch.  Für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das ein immer schneller sich drehendes Karussel. Da kann es schon passieren, dass mancher nicht mehr mitkommt. Die Herausforderung lautet also, alle mitzunehmen.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Das Ärgern gibt man irgendwann auf, sonst macht der Tag keinen Spaß mehr. Egal, ob es um das Internet oder Autofahren geht. Am meisten freut mich an dem Ding, dass es existiert. Eine fantastische Maschine!

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Wenn es solch ein Problem gäbe würde ich es selber lösen wollen. Da bin ich lieber mein eigenes Start-Up, als dass ich hier den Ideengeber spiele.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

bosacks.com – und viele mehr.  Allem, was wir in Deutschland zu unserem Business haben konzeptionell weit voraus. Mindestens um zwei bis drei Jahre. Hier in Deutschland am lohnendsten ist es, regelmäßig die Internet World Business zu lesen. Immer wieder interessante Ideen dort zu entdecken.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

http://www.searchenginejournal.com/amazing-miraculous-seo-powerhouse-evergreen-pages/133128/

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Jay Bear, Youtility. Must read.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Jedes Jahr wieder: die Content Marketing World in Cleveland. Bester Publisher Kongress, sind nur fast keine Publisher da. Aus Deutschland erst recht nicht. Dafür lernt die Industrie, wie sie unseren Job selber machen kann. Derweil fabulieren wir hier über Qualitätsjournalismus. Was ja ein bisschen wie Dunkle Materie ist: wir glauben zu wissen, dass es existiert. Nur weiß niemand so genau, was es ist.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Vielreisender, also die DB Navigator App. Und Outlook. Solche Sachen meint Ihr aber nicht mit der Frage, das sind ja Banalitäten. Also: besonders hilfreich ist die Searchmetrics Suite, für unser Business wirklich wertvoll.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Wenn die Welt so einfach wäre. Als ob ein Guru reichen würde, um die Welt zu verstehen. Nein, es gibt viele kluge und erfahrene Leute. Man muss versuchen, mit möglichst vielen zu reden, zu denken, zu arbeiten. Und dann mit seinem Team eigene Schlüsse zu ziehen und Ideen daraus zu formen.