Interview
Die Forschungsassistenten

Interview mit Nico Michler – designaffairs

Wer ist Nico Michler? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

designaffairs, Inhaber und Provokateur. Ursprünglich studierter Industrie-Designer mit der Passion, Klienten zu beraten, was das nächste große Ding ist! Empathisch und strategisch mit Hang zur extremen Darstellung von Szenarien. Meine These zur Zukunftshaltung von deutschen Unternehmen:

„Achtung, die Zukunft überholt uns, anschnallen, festhalten und Augen zu, es wird schon nicht so schlimm. Vielleicht geht es ja vorbei und wir können so weitermachen wie bisher. Ansonsten verteidigen wir unseren Standpunkt und halten am Bestehenden fest.“

Du siehst: Ich fordere gerne heraus! Werde aber auch gerne gefordert.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich denke immer quer – das Gerade-Denken machen bereits genügend andere Leute. Ich denke groß, manchmal sehr groß, gerade wenn es um die Zukunft geht. Ein Beispiel: Aktuell sind laut dem John N. Gardner Institute mehr als sechs Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden. In 2020 werden es voraussichtlich 64 Milliarden Devices und in 2040 ca. 500 Milliarden vernetzte Geräte sein – die alle dank dem Internet der Dinge Informationen sammeln, optimieren und wieder sammeln. Und das dann mit der Rechengeschwindigkeit der gesamten Menschheit in einem Smartphone!

Im Gegensatz zu Computern wird die menschliche Denkleistung jedoch linear bleiben. Und genau zwischen der linearen Entwicklung des Menschen und der exponentiellen Lernkurve eines Computers werden unzählige neue Disruptionen entstehen. Für uns als Designer bedeutet dies eine holistische Experience zu schaffen, die eine Verbindung von Mensch und Maschine herstellt. Eine große Zukunftsaufgabe!

Elevator Pitch! Was macht designaffairs? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

designaffairs ist eine strategische Design Consulting Agentur. Wir kombinieren wissenschaftliche Methoden mit Design Thinking und schaffen damit für unsere Klienten messbare Grundlagen für markterfolgreiche Lösungen. Wir gestalten dabei die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine in all seinen holistischen Ausprägungen. Dadurch befähigen wir Kunden vom Edge Computing auf Plattformen zu einem kompletten Eco System zu gelangen. Neudeutsch: digitale Transformation pur.

Zum Journal „Dax Digital“.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Wir haben Nestlé Professional Coffee System dabei beraten, sich vom Kaffeepulverlieferanten zum Systemanbieter zu transformieren. Das Ergebnis: Ein Vier-Jahres-Projekt von 2011 bis 2014 zur Entwicklung einer großen IoT-Plattform, auf der Daten zusammengeführt werden. Darüber hinaus wurden viele Systemanbindungen für Predictive Services, Maintenance und holistische User Experience bis hin zu neuen Business Innovationen in die Plattform integriert. Nestlé kann zukünftig dank der von den Kaffeemaschinen gesammelten Daten den weltweiten Kaffeekonsum besser bestimmen.

Produkte, Software und Services wurden von uns entwickelt. Ferner haben wir die User Experience – und gemeinsam mit Helbling Engineering – die Cloud- sowie Embedded Software-Lösungen gestaltet. Das Feedback des Klienten ist sehr positiv. Wir sind stolz, die digitale Transformation für Nestlé im Bereich der Systemgastronomie vollzogen zu haben und Teil eines so großartigen Projektes gewesen zu sein.

Dafür benötigten wir als designaffairs neben guten Designern, Ingenieuren und Softwareentwicklern auch erfahrene Projektmanager, die diese vielen Einzelprojekte und -teams steuern konnten. Mit dem Projekt haben wir einen Change-Prozess bei Nestlé angestoßen, den das Unternehmen aktuell durchläuft. Denn letztlich reicht es nicht, nur ein komplett neues Eco System zu entwickeln. Die gesamte Organisation muss entsprechend angepasst werden.

Das Projekt zeigt uns auch: Die gesamte Design-Branche ist im Wandel! Design ist vielmehr als reine Gestaltung, sondern ein Übersetzer zwischen analoger Welt und digitalen Produkten, Systemen, Dienstleistungen und Applikationen. Wir Designer sind Mediatoren zwischen den gewinnorientierten Zielen der Unternehmen und Bedürfnissen der Nutzer. Entsprechend sprechen wir in Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung von Design 4.0.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Unsere Vision:

  • 90 Prozent unserer Projekte werden mit IoT-Plattformen verbunden sein.
  • Zu 80 Prozent werden wir damit beschäftigt sein, eine neue Experience zu gestalten. Dabei geht es nicht rein um die Schnittstelle Mensch-Maschine, sondern auch um die Interaktion von Maschine-Maschine. Die Komplexität wird exponentiell zunehmen, denn die Vernetzung des gesamten Wissens durch das Internet der Dinge, in dem Maschinen von Maschinen lernen, wird sich schneller entwickeln als wir Menschen, die immer nur einen Schritt nach dem Anderen machen können. Maschinen können viele Prozesse gleichzeitig und bald schneller wie wir Menschen entwickeln und dabei das gesamte Wissen des Internet nutzen.
  • Zu 70 Prozent werden wir damit zu tun haben, diese neue digitale Welt zu orchestrieren, um die Zugänglichkeit für uns zu gewährleisten und zu gestalten.
  • 60 Prozent unserer Arbeit wird zwischen Edge und Cloud Computing stattfinden.
  • 50 Prozent unserer Leistungen werden sich darum drehen, künstliche Intelligenz aus den dank Big Data zur Verfügung gestellten Datenmengen zu entwickeln. User Insights werden durch Big Data-Algorithmen abgelöst.
  • 40 Prozent unserer Projekte werden sich mit Predictive Services beschäftigen.
  • 30 Prozent unserer heutigen Produktwelt wird verschwunden oder virtuell ersetzt sein.
  • 20 Prozent unserer Klienten könnten vom Markt verschwinden, weil sie die digitale Transformation nicht richtig eingeschätzt haben.
  • Zehn Prozent der Projekte werden noch einen rein visuellen Fokus haben.
  • Aber: Wir sind uns zu 100 Prozent sicher, dass der Wandel schneller voranschreiten wird, als wir alle denken. Betrachtet man den Lebenszyklus eines Unternehmens, müssen wir bildlich gesprochen immer im Day 1 bleiben (Agilität). Day 2 ist bereits Establishment (Prozesse), Day 3 bedeutet Stillstand (Struktur) und Day 4 den Tod. Wir müssen uns voll darauf konzentrieren, die richtigen Dinge zu tun bei den vielen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. Was ist relevant und womit können wir Impact auslösen?

Wie Du siehst, machen wir uns viele Gedanken, wie die Zukunft aussehen kann. Wir finden sie super, denn es gibt unglaublich viel Neues und Spannendes. Ob alles für uns relevant ist, müssen wir situativ entscheiden. Unsere Zukunft ist und bleibt weiterhin UNKNOWN. Fast try, fast fail, fast learn. Wir haben das größte MVP (Minimum Viable Product) am Start: Unser Unternehmen! Es gibt einfach nichts Schöneres, als die ständige Veränderung zu meistern.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

WAZE, die weltweit größte, community-basierende Verkehrs- und Navigations-App. Ohne wirkliche Assets zu besitzen, wurde das Unternehmen für Milliarden gekauft. Im Gegenzug versuchen andere klassische Unternehmen, neue Assets einzukaufen und verlieren gleichzeitig Milliarden im gleichen Umfeld. Das sind die Möglichkeiten des Internets. Das ist doch gigantisch!

Fazit: Mich kann das Internet nicht ärgern. Ich kann es ja bei Bedarf ausschalten. Doch ich weiß es zu nutzen – und dann bietet es mir unendliche Möglichkeiten!

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

…„Mobile Zahlungssystem“

Ich nutze in China Alipay und WeChat Payment Services. Mit Bargeld wird man dort komisch angeschaut. Ich mache mir ein wenig Sorgen, dass China und die USA schnell mit neuen Technologien an uns vorbeiziehen und wir komplett den Anschluss verlieren. In Deutschland nimmt kaum jemand gerne Kreditkarten, obwohl diese seit Jahrzehnten ein etabliertes Zahlungsmittel sind.

Ich kann aktuell kein mobiles Zahlungssystem für Deutschland empfehlen, da es hier keinen guten Anbieter gibt. Aber: Die Banken und Dienstleister müssen endlich aufwachen, denn Bargeld ist von gestern. Wir wollen immer noch unsere Privatsphäre schützen, nutzen aber Payback, Maestro oder mobile Endgeräte, ohne die kompletten Nutzungsbedingungen zu lesen und suchen in Google nach dem, was wir brauchen. Das ist schizophren: Damit weiß das Netz doch bereits alle Details über uns. Datenschutz ist wichtig, aber er steht uns auch für unsere Zukunft im Weg.

…einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

LinkedIn eignet sich hervorragend zur Vernetzung. Neben interessanten Kontakten gibt es im Newsfeed immer wieder gute Beiträge. Fachmagazine lese ich sehr selten, die beschäftigen sich oftmals nur mit einem isolierten Thema. Das ist oftmals einseitig, wenn man sich wie ich ständig im Suchmodus befindet.

…einen Artikel / ein Video / …, den / das Du Deinen Kunden empfiehlst

ZDF Zoom, Feb. 2017. Diesen Beitrag fand ich sehr hilfreich denn er zeigt, wie Dänemark mit den Themen Telemedizin, Patientenakte und digitale Vernetzung von sensiblen Daten umgeht. In Deutschland diskutieren wir seit mehr als zehn Jahren über die digitale Patientenakte und haben Milliarden sinnlos vernichtet, anstatt ins Nachbarland zu schauen. Dort findet die Zukunft von Algorithmus-gesteuerten Anamnesen und Diagnosen bereits statt.

Mittelfristig wird der Arztbesuch dadurch unterstützt – oder abgeschafft. Das ist nicht zwangsweise nur schlecht: Denn diese Entwicklung bietet gerade für dünn besiedelte Regionen Lösungen an. Im bayerischen Wald zum Beispiel herrscht seit Jahren ein akuter Mangel an Hausärzten. Wir werden in Zukunft unsere Gesundheitsinformationen freiwillig teilen, da dies mittlerweile häufig mit Incentivierungen verbunden ist. Damit können Krankenkassen viel bessere Risikobewertungen und dementsprechend auch besser angepasste Beiträge bieten. Der Wettbewerb wird noch dramatisch zunehmen.

…ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Zurzeit lese ich – auf der Suche nach dem „Massiv Transformative Purpose“ – zum zweiten Mal „Exponential Organisations“. Davor fand ich „Business Model Generation: Ein Handbuch für Visionäre, Spielveränderer und Herausforderer“ spannend, da es hilfreich ist, um Unternehmen besser zu verstehen und zu beraten.

…das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Um meine vielen an das Flipboard und die Wand geschibbelten Ideen zu erfassen und abzuspeichern: mein iPhone mit der App „Office Lens“.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal einen Tag zusammenarbeiten und warum?

Weil ich mich mit Stuttgart verbunden fühle, würde ich gerne Volkmar Denner treffen, der aktuell den kompletten Bosch-Konzern fit für die digitale Transformation macht. Ein Visionär und Realist in einer Person. Bosch stellt viele Software-Entwickler ein und es wird sicherlich in den nächsten Jahren innerhalb der klassischen Bosch-Segmente zu einigen Verkäufen kommen. Ich würde ihn gerne fragen, welche Herausforderungen er für Bosch sieht, um die Mannschaft auf die neuen digitalen Zeiten einzuschwören.

Und natürlich Jeff Bezos von Amazon. Ich würde gerne wissen, wie er es schafft, ein so großes Unternehmen im DAY 1-Modus zu halten und immer wieder Veränderungen einfließen zu lassen, ohne dieses aus der Bahn zu werfen.