Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Marcus Sassenrath – BPW Bergische Achsen


Wer ist Marcus Sassenrath? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

BPW für das Thema Digitalisierung zuständig.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Mein Hobby ist Bücher schreiben. Ich habe acht Bücher geschrieben, vorwiegend zu Managementthemen, aber auch ein Kinderbuch.

Elevator Pitch! Was macht die BPW Bergische Achsen? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Hinter den drei Buchstaben BPW verbirgt sich ein Musterbeispiel für einen „Hidden Champion“: Denn ohne BPW läuft es in der Wirtschaft einfach nicht. Und zwar wortwörtlich. Denn BPW mit Hauptsitz in Wiehl im Bergischen Land bei Köln erforscht, entwickelt und produziert weltweit die Schlüsselkomponenten für den Warentransport auf der Straße: Alles, was einen Trailer in Bewegung bringt, digital vernetzt, sichert und beleuchtet kommt von der BPW Gruppe – und vor allem: jede Menge neue Ideen. Denn der Weltmarktführer im Bereich Achsen und Fahrwerke hat sich zum Vordenker und Innovationsführer der Transportbranche entwickelt. Weil BPW den Transport nicht nur in Produkten, sondern in Prozessen und Lösungen denkt, mischt BPW die Branche immer wieder mit wegweisenden Innovationen auf. Zum Beispiel mit einem elektrischen Fahrwerk für den emissionsfreien innerstädtischen Lieferverkehr, mit dem BPW die Denk- und Konstruktionsmuster des Verbrennungsmotors kurzerhand über Bord geworfen hat. Oder mit einem Innovation Lab in Siegburg, in dem in Kooperation mit SAP die digitale Vernetzung der Warenströme entwickelt wird. Oder dem Innovationszentrum für Mechatronik, das mit ausgefeilter Sensorik dem Trailer das Sehen, Hören und Fühlen beibringt.
Selbst im traditionellen Geschäftsfeld Achsen fällt BPW nach rund 120 Jahren noch viel Neues ein: So geht im kommenden Jahr eine Achse in Serie, die Strom produziert und damit den Kühltransport revolutioniert – in dem es den lärmenden und qualmenden Kühlgenerator endlich zum Schweigen bringt und so einen geräusch- und abgasarmen Kühltransport ermöglicht.

Kein Wunder, dass BPW Innovationspreise in Serie sammelt – aber, was noch schöner ist: Auch die wichtigsten Auszeichnungen für den besten Arbeitgeber und besten Ausbilder gehen in schöner Regelmäßigkeit an BPW.

Verrätst Du uns ein digitales “Best Practice“ Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Da fällt mir als erstes unser Innovation Lab ein, das wir letzten November in Siegburg gegründet haben. Bewusst ein gutes Stück entfernt von unserem Stammsitz in Wiehl. Und damit sind wir auch schon bei den Erfolgsfaktoren: Um Kreativität freizusetzen und die gewohnten Fährten zu verlassen, braucht es Raum und Gelegenheit zum freien Denken. Und das im wörtlichen Sinne: Der physische Raum spielt eine entscheidende Rolle, um agile Methoden und neues Denken zu fördern. Das gelingt in unserem InnoLab sehr gut. Wir hatten das Glück, in Siegburg „Am Turm“ in einem Penthouse-Loft auf einem alten Fabrikgebäude eine perfekte Location zu finden. Besucher, die das InnoLab betreten, reagieren oft ganz spontan mit: „Wow, hier kann man wirklich frei denken“. Abstand und Raum sind also schon zwei Erfolgsfaktoren. Noch wichtiger sind aber die Menschen und die Methoden. Wo „openminded“ Profis mit agilen Methoden zusammenarbeiten – nah am Kunden und jederzeit bereit, die Denkrichtung zu ändern – müssen klasse Ergebnisse herauskommen.

Und welches „Best Practice“ aus der Netzwirtschaft insgesamt hat Dich besonders fasziniert – und warum?

Mich beeindruckt das Beispiel „Streetscooter“ besonders: Ein Start-up, das als Spin-off der RMTH Aachen Elektroautos baut und 2014 von der Post gekauft wurde. Jetzt stellt Streetscooter Tausende Elektrofahrzeuge für die Post her. Spannend finde ich daran einerseits, dass ein agiles Start-up den etablierten Unternehmen Geschäft abnimmt – schließlich ist jeder Streetscooter ein nicht gekaufter Caddy oder VW-Bus. Anderseits gefällt mir, dass die Fahrzeuge prozessoptimiert sind. Also optimal auf den Geschäftsprozess der Postauslieferung designt. Möglich wird dies erst, weil die Technologie des Elektromotors – im Vergleich zur Technologie des Verbrennungsmotors – so einfach ist. Das ermöglicht auch kleinen Unternehmen selbst Fahrzeuge zu entwickeln und zu fertigen. Auch wenn mir klar ist, dass da einige Hürden zu nehmen sind und man die Herausforderungen nicht unterschätzen darf, rechne ich noch mit vielen vergleichbaren Innovationen im Umfeld der Megatrends Elektromobilität und autonomes Fahren.

Wenn Du Dir Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? Und welche Rolle spielt die Digitalisierung für euer Unternehmen?

Elektromobilität und autonomes Fahren sind die Schlagworte in der Nutzfahrzeugbranche. Das sind Umwälzungen, die sogar den Übergang vom Pferdefuhrwerk zum Verbrennungsmotor in den Schatten stellen. Im Vergleich zum Pkw hängt die Nutzfahrzeugbranche aber noch hinterher. Natürlich auch aus technischen Gründen. Insbesondere das autonome Fahren wird meiner Ansicht nach noch stark unterschätzt. Dabei gibt es hier keine Vorbehalte aus der Ecke „Freude am Fahren“. Nutzfahrzeuge sind reine Investitionsobjekte. Wenn ein fahrerloses Fahrzeug nicht nur Personalkosten einspart, sondern auch noch 24 statt acht Stunden unterwegs sein könnte, hat das für Spediteure natürlich immense wirtschaftliche Vorteile. Solche Prozesse dauern aber Jahre, daher werden nicht von jetzt auf gleich alle Fahrer ihren Job verlieren.

Mit beiden Themen beschäftigt sich auch BPW. Wir haben zur IAA 2016 unter anderem eine elektrisch angetriebene Achse vorgestellt. Darüber hinaus ist das Innovation Lab eine Antwort auf das autonome Fahren. Denn bevor sich das durchsetzt, muss der logistische Prozess autonom sein. Die Vorteile des autonomen Fahrens lassen sich nur vollständig realisieren, wenn auch die Logistikprozesse automatisiert und die verschiedenen relevanten Daten in unternehmensübergreifenden Prozessen vernetzt sind. Daran arbeiten wir in Siegburg und das trägt Früchte lange bevor die Nutzfahrzeuge autonom sind.

Im Rahmen der Digitalisierung nur von Technik zu sprechen, geht aber nicht weit genug. Die Herausforderungen sind auch kultureller Natur: Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit, Kommunikation, hierarchiefreier Informationsaustausch, Innovationkraft und Umsetzungskompetenz sind ebenfalls entscheidend. Wer in der Digitalisierung erfolgreich sein will, muss auch einen Schwerpunkt auf die Weiterentwicklung der Organisation und ihrer Kultur legen. Und das ist eine echte Herausforderung – das bisschen Technik schaffen wir mit links 😉

Wenn sich Deine Firma ein eigenes Startup wünschen dürfte, was würde dieses Startup tun?

Ich persönlich finde Lieferdrohnen spannend – aber dafür habe ich noch keine Sponsoren in der BPW gefunden. Ich glaube die Technik ist näher an der Realisierung und an der Wirtschaftlichkeit, als die meisten meinen.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

…einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu (digitalen) Themen gerne informierst

Ich finde den Xing Newsletter ganz gut.

…einen Artikel / ein Video / ein Buch, über ein Thema aus der Netzwirtschaft, den / das Du Deinen Kollegen empfiehlst (mit URL)

„New Management – Erfolgsfaktoren für die digitale Transformation“ von Marcus Sassenrath 😉 Ich beschreibe darin, warum die wesentliche Herausforderung der Digitalisierung nicht in der Technik besteht, sondern in den „weichen“ Faktoren wie Kooperation, Kultur, Beteiligung, Agilität usw. und, warum die klassische hierarchische Abteilungsorganisation ausgedient hat. Mit dabei sind 60 Praxisanregungen für die Umsetzung im eigenen Unternehmen.

…ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

„Lean startup“ von Eric Ries – einfach klasse! Wenn diese Methodik schon Ende der 90er Jahre verfügbar gewesen wäre, wäre viel weniger Geld in der „New Economy“ verbrannt worden.

…das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Das „lean startup canvas“ mit anschließender Priorisierung der Annahmen – lenkt die Aufmerksamkeit bei Innovationen auf die Annahmen, die für den Erfolg eines Geschäftsmodells am wichtigsten sind.

Mit welchem Experten aus der Netzwirtschaft würdest Du am liebsten einmal einen Tag zusammenarbeiten und warum?

Mit dem Papst. Keiner hat mehr Veränderungsstau aufzulösen. Und keiner geht Veränderung so kraftvoll, mutig und gleichzeitig demütig und selbstlos an. Das fasziniert mich, schließlich ist Veränderungskompetenz DER Erfolgsfaktor auch für die Digitalisierung, ja wahrscheinlich für die Herausforderungen der Zeit, in der wir leben.