Interview
Die Forschungsassistenten

Interview mit Gian-Franco Salvato – kaddz.com / attrackting.com

Gian-Franco Salvato kaddz.com / attrackting.comWer ist Gian-Franco Salvato? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin seit zwanzig Jahren als Gründer und Unternehmer von verschiedenen Internet- und Technologie-Unternehmen aktiv. Mein erstes Unternehmen, einen Internetdienstleister, gründete ich 1995 und ich weiss aus eigener Erfahrung, wie lange der Weg vom Startup zu einem erfolgreichen Unternehmen ist, welche Herausforderungen zu meistern und welche Hürden zu überwinden sind.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Meinen ersten Computer, einen Commodore VC20, habe ich mir 1982 monatelang von meinem Lehrlingslohn zusammengespart. Heute nutze ich meine Computer primär für die Arbeit, doch meine Leidenschaft und mein Spleen für Computerspiele begleiten mich seither und auch heute noch.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

KADDZ, ein smartes GPS Halsband für Katzen mit einer Smartphone-App zur Überwachung der Streuner, ist ein Traum vieler Tierfreunde. Geliebte Haustiere können so auch weit entfernt über das Smartphone gefunden werden.

Der Wert vom Produkt liegt nicht wirklich nur beim Halsband, das physische Produkt kann zum Gebrauchsgegenstand werden. Doch die Aktivitäten, Gewohnheiten, bevorzugten Standorte und die Geschichte der Katze erzeugen Informationen von hohem Wert. Unser Fokus und unsere Superpower liegen im Nutzen, den wir dem Besitzer der Katze mit der KADDZ App vermitteln. Wir veröffentlichen alle 3 bis 4 Wochen eine neue Version der App. Eine kontinuierliche Verbesserung der Lösung verbessert nicht nur die Kundenzufriedenheit, sondern setzt auch den Wettbewerb unter ständigen Druck.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Wir haben unser Unternehmen bewusst und erfolgreich als Lean-Startup aufgebaut. Veränderungen im Ökosystem haben es möglich gemacht, auch ein Hardware-Unternehmen dank schlanker Prozesse mit viel niedrigeren Ausgangskosten zu starten. Die erste Herausforderung für ein Hardware-Startup ist es, vom ersten Prototyp mit 3D-gedruckten Teilen, Klebeband und Pappe zur Produktionsreife zu kommen. Selbst wenn die richtigen Komponenten ausgewählt wurden und bekannt ist, wie das Produkt hergestellt und zusammengebaut wird, müssen die richtigen Lieferanten und das Werk ausgewählt und die Beziehungen persönlich gepflegt werden.

Doch Lean bedeutet auch, dort zu produzieren wo Qualität und Skalierbarkeit zu einem wettbewerbsfähigen Preis verfügbar sind. Shenzhen ist wegen seinem perfekten Ökosystem das Silicon Valley der Hardware. Die chinesische Stadt im Pearl River Delta, in der Nähe von Hong Kong, ist die Welthauptstadt der Elektronik: Die meisten digitalen Geräten des Planeten werden in Fabriken in und um die Stadt produziert.

Es ist einfach, Ausreden gegen diesen Schritt zu finden: Es ist kompliziert, es ist in China, man kann die Sprache nicht sprechen, es braucht Zeit und oft weiss man nicht, wo man anfangen soll. Insgesamt ist es also beängstigend.

Um mit wenig Kapital etwas zu erreichen, muss man die persönliche Komfortzone verlassen. Die Entwicklung und Produktion in einem fremden Land lässt sich leider nicht bequem vom Bürosessel in der Schweiz aus steuern. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss eigenes Know-how über die Fertigung, das Projektmanagement und die Qualitätskontrolle aufgebaut werden. Ich habe mehr als die Hälfte der letzten zwei Jahre in China gelebt und mein Mitgründer und CTO Marco Savini ist noch weit mehr vor Ort.

Doch das Zusammenfügen einiger Sensoren, etwas Konnektivität und einer Batterie in einen schönen Formfaktor ist nur ein Einstieg in die Software, wo der wirkliche Wert geschaffen wird. Anders als die Hardware, die von Schlüssellieferanten hergestellt wird, entwickeln wir unsere Software mit unserem eigenen Team. Und da wir so viel Zeit vor Ort in China verbringen, haben wir auch unser Software-Entwicklungsteam dort aufgebaut.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Wissen als die wichtigste Ressource im 21. Jahrhundert ist nicht geographisch gebunden und kann mittlerweile an vielen Orten geschafft und beschafft werden. Dieses Wissen wird auch in digitalen Wertschöpfungsketten weiterhin benötigt, aber es ist wichtig, Barrieren juristischer und weltanschaulicher Natur für deren Beschaffung auf ein Minimum zu reduzieren. Der Fokus muss auf der Schaffung und Pflege von demjenigen Wissen liegen, welches den meisten Wert für die Zukunft schafft. Dabei muss man sich vom Gedanken verabschieden, alles selber oder in der Nähe zu machen. Dadurch bietet sich nicht nur die Chance, seine eigene Position zu stärken. Darüber hinaus erlangt man die Fähigkeit, zuverlässig und zeitnah Experten aus verschiedenen Gebieten zu einem neuen Ganzen zu vereinen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in der Schweiz / Europa:

Ideen für Firmengründungen fehlen Schweizer Unternehmern nicht, oft aber die finanzielle Unterstützung. In der Anfangsphase eines Startups erfolgt die initiale Finanzierung meistens über eigene Ersparnisse oder die Gründer greifen auf die «drei F» zurück: Friends, Family and Fools. In der frühen Gründungsphase von Hightech-Firmen sind die Bedingungen nirgendwo besser als in der Schweiz. Der Staat, eine Reihe privater Förderprogramme und selbst Konzerne greifen Jungunternehmern unter die Arme.

So gut die Frühförderung klappt, so sehr vernachlässigt die Schweiz die nächsten Phasen der Finanzierung, wenn die Innovation tatsächlich am Markt auf Interesse stösst: Dann nimmt der Investitionsbedarf stark zu, während die Firma noch nicht profitabel ist. Mit der Höhe des benötigten Kapitals steigt dann die Nervosität von Investoren und Fremdkapitalgebern. Und das führt dann auch dazu, dass richtig grosse Ideen ins Ausland wandern, weil in der reichen Schweiz das ganz grosse Geld fehlt.

Das wird böse Folgen für die Schweiz haben. In Zeiten, in denen die Digitalisierung die Welt auf den Kopf stellt, werden Firmen, die heute gegründet werden, die neuen Produkte und Services entwickeln, die in Zukunft neue Jobs schaffen werden.

Herausforderung für unseren Markt:

Das Internet of Things (IoT) entwickelt sich zum Megatrend, doch befindet sich die Branche noch im Experimentiermodus. Aus der Vernetzung von Objekten ergeben sich scheinbar grenzenlose Möglichkeiten, doch nach der Euphorie über das technisch Machbare muss sich nun die Erkenntnis des praktisch Sinnvollen durchsetzen. Vor allem Consumer-Produkte können die Konsumenten mit ihren bisherigen Angeboten noch nicht so recht überzeugen. Darin liegt wohl die grösste Herausforderung: Die Vorteile sind entweder nicht klar erkennbar oder zu spezifisch und Hersteller lassen sich zu oft vom technischen Potenzial des IoT inspirieren. Die Fokussierung auf sinnvolle Anwendungsbeispiele ist daher einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren für Consumer-IoT-Lösungen.

Herausforderung für unsere Firma:

Wir bedienen mit unserem Produkt ein ganz neues Marktsegment, welches es bisher so nicht gab. Unser Produkt ist eine Revolution und als es nach einer mehrmonatigen Verzögerung auf den Markt kam, waren die Erwartungen der Kunden riesig und teilweise unreal. Da die Kunden kein vergleichbares Produkt kennen, werden oft Erwartungen an Smartphones und GPS-Navigationssysteme auf das GPS Katzenhalsband transponiert. Doch unser Produkt kann, obschon es objektiv überzeugend ist, diese Erwartungshaltung nicht übertreffen. Aufgrund von Grösse und Gewicht müssen wir eine Balance finden und kleinere Abstriche in Kauf nehmen.

Mit einer offenen, ehrlichen und authentischen Kommunikation versuchen wir, die Leistung von unserem, für viele Nutzer immer noch erklärungsbedürftiges Produkt ins richtige Umfeld zu setzen. Wir veröffentlichen ausserdem regelmässig neue Versionen der KADDZ App und betonen damit die Leistung vom Produkt immer wieder neu und machen sie erlebbar. Auch die App muss immer wieder ein wenig besser werden, denn die Erwartung der Kunden wächst stetig.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Die „Great Firewall of China“, die Internetzensur in der Volksrepublik China, erschwert  das Arbeiten in China extrem und treibt mich oft fast in den Wahnsinn. Google, Facebook und ihre Dienste sind in China weitgehend blockiert. Auch viele andere westliche Webseiten und Cloud-Dienste sind gesperrt und VPN-Verbindungen, mit denen sich Internetsperren umgehen lassen, werden technisch zunehmend gestört.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest Du gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Ich wünsche mir eine Lösung, die mir wirklich bei der Reduktion der Informationsflut hilft. Neue Kommunikationskanäle, die E-Mail ersetzen oder allermindestens grob filtern und in eine strukturierte Form bringen. Google Now bietet da bereits erste, tolle Ansätze: Eine zuvor erhaltene E-Mail mit einer Flugbestätigung wir von Google Now analysiert und ich erhalte ab dem Zeitpunkt, an den von ich meinem Standort aus zum Flughafen aufbrechen sollte, Informationen zur Reisezeit, zum Gate sowie die Flugdaten, die ich zum Einchecken benötige.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

https://www.medium.com – Medium ist ein etwas anderer Ort zum Lesen und Schreiben im Internet. Ein Ort, wo die Qualität der Idee zählt, nicht die Qualifikation des Autors.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

Will Your Hardware Startup Make Money?
https://blog.bolt.io/will-your-hardware-startup-make-money-677a8e6c665b#.phpgldsk7 – Obwohl es eine erstaunliche Leistung ist, 5.000 Einheiten vom eigenen Produkt zu versenden, zeigt dieser Artikel auf, wie schwierig es für eine Hardware-Startup ist, in der Anfangsphase Geld zu verdienen.

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Code Halos: How the Digital Lives of People, Things, and Organizations Are Changing the Rules of Business – Das Buch zeigt auf, wie Unternehmen ihren Umsatz rasant steigern, ihre Wertschöpfungsprozesse verbessern und Erfolg erlangen indem sie die neuen Regeln der digitalen Ära befolgen.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast 

Leider sind Vorträge auf Veranstaltungen oft etwas zu oberflächlich oder vernachlässigen die für mich relevanten Aspekte. Wenn ich als Referent an Veranstaltungen teilnehme, dann nutze ich die Gelegenheit zum  Networking mit Experten.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Mehrere VPN Apps für mein Smartphone um auch hinter der Great Firewall of China auf die täglich genutzten Dienste zuzugreifen.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

www.bolt.io). Ben Einstein ist ein erfahrener Produktdesigner und Investor. Ben ist Geschäftsführer von Bolt, einem Early Stage Venture Fund der sich ausschliesslich auf Hardware-Startups konzentriert.

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