Interview
Das Forschungszentrum

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus – NDR

Dr. Jan Schulte-Kellinghaus NDRWer ist Dr. Jan Schulte-Kellinghaus? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Meine Hauptabteilung ist die Steuerungseinheit für das NDR Fernsehen. Wir vergeben Sendeplätze, managen das Budget und stoßen neue Entwicklungen an. Im Ersten bin ich als Geschäftsführer für den Vorabend – also die Sendezeit zwischen 18.00 und 20.00 Uhr verantwortlich. Ein Berufsleben im Linearen.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich hacke für mein Leben gerne Holz, mache den Kamin an und lese danach Bücher, die von anderen Dingen als Fernsehen handeln.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir machen das beste Fernsehprogramm für den Norden. Im Ersten liefern wir die spannendste Unterhaltung vor der Tagesschau.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Im Produktionsprozess hat sich das Fernsehen inzwischen weitgehend digitalisiert. Kamera Ingest, Newsfeed, Archiv, Arbeitsplätze, Studio und Sendestraße sind vernetzt und bandlos. Das macht uns schneller und erhöht den Output.

Bei den Ausspielwegen unserer Sendungen sind wir noch konservativ linear. Der allergrößte Teil unserer Inhalte wird über den guten alten Fernseher konsumiert. Die digitale on-demand Nutzung (Mediatheken, Apps, Youtube usw.) steigt zwar an, die lineare Ausstrahlung ist aber weit erfolgreicher. Das ist unsere Herausforderung und Chance. Wir müssen unsere Inhalte auf neuen digitalen Wegen zu den Nutzern bringen. Dazu müssen wir uns organisatorisch und  inhaltlich verändern. Für ein Unternehmen, das in der linearen Kommunikation so erfolgreich ist, ist das ein schwieriger Prozess.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Das ausgewogene Verhältnis von Freiheit des Internet zur Rettung des Individuums vor der Datenkrake. Freie globale Kommunikation ist unschätzbar wertvoll. Sie muss frei von Eingriffen bleiben. Andererseits schenken fast alle Nutzer aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit Daten an internationale Konzerne. Vor dieser Allwissenheit der Serverfarmen müssen wir uns doch irgendwie schützen… Bin selber ratlos (und bequem) und warte auf schlaue politische Ideen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Den Sommer habe ich auf dem Land verbracht (siehe: Holzhacken). Daher weiß ich: es gibt immer noch Orte mit schwacher digitaler Versorgung. Analoger Telefonanschluss, kaum Netz. Für mich ein Urlaubstraum – für meine Tochter ein Desaster. Wir müssen aufpassen, dass wir die Innovationen nicht nur für die Ballungszentren planen. Deutschland ist ein Flächenstaat, in dem wir ein einheitliches Innovationsniveau garantieren sollten. Nur dann kann die Entwicklung gesamtgesellschaftlich nachhaltig und damit wirtschaftlich erfolgreich sein.

Herausforderung für unseren Markt:

Alle Fernsehanbieter haben damit zu kämpfen, dass sich die Verbreitungswege ändern. Die öffentliche Kommunikation beschränkt sich nicht mehr auf das Prinzip einiger weniger Sender und vieler Empfänger. Sie wird nach und nach durch die Netzstruktur abgelöst: Kommunikation unter Gleichen, Erkenntnisgewinn durch Empfehlungen. Darauf sind weder die kommerziellen noch die öffentlich-rechtlichen ausreichend eingestellt. Wir alle sammeln erste Erfahrungen, um unsere Rolle im System und Aufmerksamkeit für unsere Inhalte zu finden.

Herausforderung für unsere Firma:

Umsteuerung ist erforderlich, nur: in welcher Intensität? Jeder Euro, den man investiert, um in der digitalen Verbreitung Erfahrung zu sammeln, fehlt in unserem Hauptgeschäftsfeld. Ich gehe davon aus, dass das lineare Programm auch auf mittelfristige Sicht Leitmedium bleibt. Die neuen digitalen Kommunikationsformen geben uns die Chance mit besonderen Programmen andere Zielgruppen anzusprechen.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Dass man nie das Gefühl hat, auf der Höhe der Zeit zu sein. Alle anderen sind immer schon eine App weiter. Das Schöne ist, dass ich mein ganzes Büro fast überall auf der Welt in der Tasche habe.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Wir haben so viele tolle anrührende und spannende Filme, Dokumentationen und Reportagen im NDR von denen ganz viele Digital Natives bestimmt begeistert wären. Sie sehen sie aber nicht, weil sie sie nicht bei uns suchen. Nicht im linearen Programm und auch nicht in unseren Mediatheken. Welches Start-up bündelt mir – werbefrei – die digitalen Zielgruppen für punktgenaue Ausspielung?

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

DWDL ein unaufgeregter Mediendienst, der verlässlich alle aktuellen Entwicklungen im Fernsehbereich notiert. Allerdings ist man nicht bei allen Meldungen vor der Generation Praktikum sicher…

Tagesschau App für die anderen, wirklich relevanten Ereignisse.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

http://www.faz.net/-1v0-7wuz2 Edo Reents im letzten November über das neue ACDC Album. Für mich ein Klassiker des Feuilletons.

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

„Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann hat mich nachhaltig beeindruckt. Klingt wie ein Ratgeber für rasche Entscheidungen, ist aber genau das Gegenteil: Ein Plädoyer für längere Denkprozesse statt kraftvoller Bauchentscheidungen. Statistische Wahrscheinlichkeiten kann man nicht fühlen…

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Vortrag von Peter Hinssen über die „networkization of our environment“: Wer öffentlich kommunizieren will, muss die Spielregeln der Netzwerkkommunikation beherrschen. Tolle Analyse, aber leider ohne Gebrauchsanweisung.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Die gute alte mindmap und die Espressomaschine. Wenn nur ein tool nicht funktioniert, bin ich aufgeschmissen.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Also nicht jeden Tag, aber ein privater Workshop mit Reed Hastings und Günter Struve würde mich schon interessieren.