Interview
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Interview mit Christoph Allefeld – Marketing Factory

Christoph Allefeld Marketing FactoryWer ist Christoph Allefeld? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin 46 Jahre alt und arbeite seit 1998 in der Internetbranche. Wie es damals nicht unüblich war, bin ich auf Umwegen und eher zufällig in dieser Branche gelandet. Ich habe ursprünglich mal Kunstgeschichte und Publizistik studiert und nach einem Praktikum bin ich dann im Bereich Internet kleben geblieben. Nach ein paar Jahren Arbeit als Angestellter habe ich die Chance bekommen, Teilhaber bei der Marketing Factory zu werden. Ich bin jetzt seit 2002 geschäftsführender Gesellschafter der Marketing Factory Consulting GmbH und deren Tochtergesellschaft Marketing Factory Digital GmbH, die sich vorwiegend um eigene Projekte und deren Vermarktung kümmert. Die Geschäftsführung teile ich mir mit 4 Partnerinnen und Partnern mit jeweils eigenen Geschäftsbereichen. Ich selbst kümmere mich in erster Linie um die Themen Kundenbetreuung und Projektmanagement.

Ich arbeite in Düsseldorf und lebe in der Nähe von Köln. Das allein ist schon ein mentaler Spagat, der mich jeden Tag aufs Neue fordert.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Darüber darf ich nicht sprechen 🙂

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Marketing Factory ist ein technologiegetriebener Internet-Dienstleister und hilft mittelständischen Unternehmen, sich in einer zunehmend vom Internet geprägten Welt zu positionieren, ohne dass dabei ihr Kerngeschäft aus dem Fokus gerät. Wir wollen unsere Kunden bestmöglich unterstützen, die Chancen des Internets zu nutzen.

Wir streben langfristige Beziehungen zu unseren Kunden an. Am „schnellen Geld“ mit kurzen Projekten sind wir nicht so sehr interessiert. Wir definieren uns als Kunden-Agentur und nicht als Projekt-Agentur. Projekte sind für uns idealerweise der Beginn einer langfristigen Kundenbeziehung. Viele Kunden betreuen wir nun schon durchgängig seit mehr als zehn Jahren rund um alle internetrelevanten Themen und das ist gerade im schnelllebigen Agenturgeschäft sicher nicht die Regel, zeigt uns aber auch, dass wir ein paar Dinge offensichtlich nicht ganz falsch machen.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Ich erwähnte bereits, dass wir in Kundenbeziehungen und nicht in Projekten denken. Dazu eine Geschichte: Ein mittelständischer, international agierender Industriekunde ist Kunde der Marketing Factory fast seit unserer Unternehmensgründung im Jahr 1997. Alles läuft soweit gut bis zum Jahr 2005. In diesem Jahr waren wir beratend bei der Einführung eines „Product Information Management“-Systems beteiligt. Wir haben den Evaluierungsprozess organisiert, an dessen Ende wir dann auch eine Empfehlung ausgesprochen haben. Der Kunde hat sich dann aber für einen anderen Anbieter entschieden, aus Gründen, die wir nicht mittragen konnten. Daran ist damals die Kundenbeziehung nach 8 Jahren guter Zusammenarbeit zerbrochen, da wir aufgrund der unterschiedlichen Auffassung in dieser Sache keine tragfähige Perspektive mehr gesehen haben. Der Kunde hat dann mehrere Jahre mit anderen Agenturen experimentiert und man hat sich aus den Augen verloren. Bis dann im Jahr 2011, weitere 6 Jahre später, das Telefon klingelt und eben dieser Kunde fragte, ob man sich vorstellen könne, es noch mal miteinander zu versuchen. Die Erfahrung der letzten Jahre habe gezeigt, dass es ein Fehler war, die Zusammenarbeit zu beenden. Die erneuerte Kundenbeziehung besteht nun auch schon wieder seit fast 5 Jahren und ein Ende ist erfreulicherweise nicht in Sicht.

Diese Episode hat uns deutlich vor Augen geführt, dass Haltung und Augenhöhe enorm wichtig sind, auch wenn es dazu führt, immer wieder auch mal unbequeme Entscheidungen treffen zu müssen. Auf lange Sicht zahlt es sich aber aus.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Na ja, wir sind eine Internetagentur und von daher ist Digitalisierung immanenter Bestandteil unserer Unternehmens-DNA. In manchen Bereichen sind wir sogar eher darum bemüht das Rad wieder ein wenig zurückzudrehen. Trotz aller Möglichkeiten, die digitale Technologie bietet, ist gerade im Bereich der Kommunikation – intern und extern – das persönliche Gespräch von Mensch zu Mensch durch keine Software oder App dieser Welt zu ersetzen.  Auch das sollte man sich immer wieder mal klar machen.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Zu den Problemen, die der digitale Wandel ohne Zweifel mit sich bringt, wird meiner Meinung nach, bereits genug diskutiert. Das ist auch gut so, aber ich will an dieser Stelle nicht in das, gerade in Deutschland, so populäre Wehklagen einstimmen. Der stationäre Handel klagt über Amazon, die IT-Wirtschaft jammert über Fachkräftemangel, StartUps beschweren sich über fehlendes Venturekapital, Online-Unternehmen kritisieren zu rigorose Reglementierungen und so weiter und so fort. Sicherlich brauchen wir Regeln, die auf der einen Seite Innovation nicht unnötig ausbremsen und auf der anderen Seite die berechtigten Interessen der Menschen nach Privatsphäre, nach Sicherheit, nach einem gutem Auskommen einbeziehen.

Andererseits erleben wir gerade einen massiven Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft, vergleichbar mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Es passieren so viele spannende Dinge in unglaublich kurzer Zeit. Es ergeben sich unzählige neue Gelegenheiten, Dinge neu zu denken und neue Angebote zu schaffen, die in der Vergangenheit gar nicht vorstellbar waren. Die Herausforderung für Politik und Gesellschaft wird es sein, die Leitplanken für die weiteren Entwicklungen smart zu positionieren: Ausreichend Raum für Innovation und Stoppschilder dort, wo über das Ziel hinausgeschossen wird. Das ist zugegebenermaßen nicht einfach, ich würde mir aber wünschen, dass man die Perspektive etwas mehr in Richtung der Chancen verschiebt, statt reflexartig ins Jammern zu verfallen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Siehe die Antwort zur vorherigen Frage.

Herausforderung für unseren Markt:

Die Projekte im Bereich der Internetwirtschaft werden zunehmend komplexer. Projektergebnisse lassen sich in einer komplexen Umgebung nur noch eingeschränkt präzise vorhersagen. In den meisten Unternehmen hat sich diese Erkenntnis bislang nicht durchgesetzt. Hier herrscht immer noch das Postulat der langfristigen Planbarkeit vor. Die Prozesse müssen klar sein, die Ergebnisse vorhersagbar und die Kosten planbar. Dass diese Herangehensweise so nicht mehr funktioniert, lässt sich aktuell sehr anschaulich an komplexen Großprojekten, wie dem Berliner Flughafen oder der Kölner Oper studieren.

In der Zukunft wird es eine der Aufgaben der Akteure in der Internetwirtschaft sein, diese Erkenntnis weiterzutragen und durch beharrliche Überzeugungsarbeit überholte Konzepte nach und nach durch neue Instrumente und Methoden zu ersetzen. Natürlich gibt bereits innovative Instrumente, um dem Thema Komplexität zu begegnen – hier seien zum Beispiel die immer populärer werdenden agilen Methoden im Projektmanagement genannt -, jedoch funktionieren diese Verfahrensweisen nur dann gut, wenn alle Beteiligten die damit einhergehenden Prinzipien verinnerlicht haben und leben. Aus unserer täglichen Erfahrung kann ich sagen, dass es hier in vielen Unternehmen noch einen erheblichen Nachholbedarf gibt.

Herausforderung für unsere Firma:

Eine unsere wichtigsten Herausforderungen, jetzt und in der Zukunft, ist es die Frage nach dem Warum immer wieder neu zu stellen und zu beantworten. Wir wissen in der Regel sehr genau, was wir tun und wie wir es tun, viel wichtiger ist es jedoch, die Frage „Warum tun wir etwas?“ zu beantworten. Das mag etwas esoterisch klingen, aber im Kern ist es die Antwort auf diese Frage, die bei erfolgreichen Unternehmen den Unterschied macht.

Durch die Digitalisierung und die damit verbundenen Umbrüche ändern sich die Marktgegebenheiten enorm schnell und es ist unsere Herausforderung, diese Frage immer wieder neu zu stellen und sinnvolle Antworten zu finden.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Gegenfrage: Was ist das Internet? Das Internet als Technologie mit all seinen Möglichkeiten ärgert mich keineswegs, ich liebe es. Ich ärgere mich aber natürlich durchaus über so manche Inhalte, die via Internet in die Welt posaunt werden. Schaut man sich aktuell beispielsweise an, wie so mancher Vollpfosten das Internet nutzt, um anonym seinen Hass gegen Asylbewerber, Flüchtlinge und Ausländer herauszukrähen, dann ärgert mich das nicht nur, es macht mich wütend.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Eine App oder eine Software, die exakt die zugeführten und verbrannten Kalorien ermittelt, ohne dass man jede Aktivität und jede Mahlzeit manuell eingeben muss. Ich versuche gerade mein Ernährungsverhalten ein wenig zu analysieren, aber auf Dauer sind mir die aktuell verfügbaren Tools zu anstrengend. Wer jemals versucht hat, dass Menue in einen japanischen Restaurant auf diesem Wege zu erfassen, weiß was ich meine.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Wait but Why

Ein Blog, der die Regeln des Online-Journalismus bricht: Nur wenige Beiträge, diese dafür in epischer Länge und hervorragend recherchiert. Mal was anderes, wenn man ansonsten immer nur hört, es muss kurz, knackig und schnell sein. So eine Art online-journalistisches Pendant zur Slow-Food-Bewegung.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat 

Christian Lindners Antwort auf den Zwischenruf eines Hinterbänklers im nordrhein-westfälschen Landtags zum Thema Scheitern bei der Unternehmensgründung:
http://www.deutsche-startups.de/2015/02/03/fdp-chef-lindner-flippt-aus/

https://www.youtube.com/watch?v=skvOKFbtr3E

Gut gebrüllt, Löwe und eine großartige Replik auf die Häme eines Politikers, der selbst wahrscheinlich noch nie etwas in seinem Leben riskiert hat.

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität – Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen.
Ein erfrischendes Buch mit vielen Denkanstößen und Aha-Momenten, die mich nicht nur für meinen Job inspiriert haben. Ich mag die großmäulige Art, in der Taleb sich über die Dinge auslässt, auch wenn ich selbst nicht unbedingt danach strebe, so sein zu wollen.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

PMCamp Dornbirn

http://dornbirn.pm-camp.org

Das PM Camp ist das wichtigste Barcamp zum Thema Projektmanagement in der Region D-A-CH. Hier treffen sich jährlich Projektmanager aus verschiedenen Branchen und mit teils sehr unterschiedlichen Perspektiven auf die Disziplin Projektmanagement, um auf Augenhöhe über alle möglichen Facetten des Projektmanagementszu informieren, zu diskutieren und zu lernen. Wer sich jemals auf den üblichen Konferenzen gelangweilt hat und wem es um mehr geht, als nur sich selbst und oder sein Angebot zu promoten, sollte es mal hier versuchen.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Wenn ich mal eine Auswertung machen würde, welches Programm ich am häufigsten Nutze, ist es sicher das E-Mail-Programm (Apple Mail).

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Es ist kein Fachexperte, aber ich würde gern einen Tag mit Wladimir Putin verbringen. Nicht, dass ich ihn bewundere – im Gegenteil -, aber ein Blick hinter die Kulissen würde mich brennend interessieren. Das bringt mich fachlich sicher nicht unbedingt weiter, aber dafür gibt es ja auch andere Möglichkeiten.