Interview
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Interview mit Christian Weisser – Christian Weisser Design Studio

Christian Weisser Christian Weisser Design StudioWer ist Christian Weisser? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Christian Weisser Design Studios.

Besonders glücklich macht mich, dass ich mein Studium analog im Printbereich mit Klebelayout, Buchbinderei und Siebdruck beginnen und digital mit Internet, Emails, und CD-Roms zu Ende bringen durfte. Damit habe ich Ende der 90er-Jahre den radikalen Medienwandel hautnah miterlebt und bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

Dass ich bereits im Praxissemester mein eigenes Büro gegründet habe, hat folgenden Hintergrund: Ich bekam die große Chance, das Grafikdesign für den deutschen Pavillon auf der Expo 1998 in Lissabon mitzugestalten. Aus dieser Auftragslage heraus hat es sich einfach angeboten, in die Selbstständigkeit zu gehen.

Bis heute lasse ich mich leicht von technischen Neuerungen und allem, was in der digitalen Welt passiert, begeistern, bin sehr neugierig und verfolge gesellschaftliche Strömungen hinsichtlich Sharing Economy oder Design Thinking ganz genau. Mich interessiert wie bzw. was die jüngere Generation lebt bzw. erlebt und daran merke ich, dass auch ich im Kopf jung geblieben bin. Ich bin der Meinung, dass meine eigene Generation oft nicht unbedingt menschlich wertvoll agiert und damit wahrscheinlich die schlechteste Managergeneration ist, die es auf dem Markt gibt. Die Kunst ist es, beides – eine am Menschen orientierte Unternehmensführung und die Möglichkeiten der digitalen Arbeitswelt – unter einen Hut zu bekommen. Ein sehr spannender Arbeitsalltag. Ich kann sagen: Mein Job erfüllt mein Leben und das macht mich glücklich. Ich stehe jeden Morgen um 7 Uhr ohne Wecker auf, bin motiviert und freue mich auf mein Studio und meine Arbeit.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich lebe seit ich denken kann komplett zeitlos, d.h. ich besitze weder eine Uhr noch einen Wecker. Persönlich würde ich dies nicht unbedingt als Spleen bezeichnen, sondern eher als Lebenseinstellung und Gesundheitsphilosophie, aber ich weiß auch, dass viele darüber verwundert sind und sich bestimmt denken: Der tickt doch nicht ganz richtig. (Genau genommen muss ich aber zugeben, dass ich doch eine Uhr besitze. Denn kurioserweise habe ausgerechnet ich dieses wertvolle Schweizer Manufaktur-Schmuckstück bei einem Golfturnier gewonnen. Schon verrückt wie das Leben manchmal spielt, vor allem weil ich keine Verwendung dafür habe.) Aber ohne Wecker lebt es sich einfach sehr gut. Ich schlafe so lange mein Körper das will bzw. ich es brauche und vermeide damit gleichzeitig Stress und bestimmt die Gefahr, später einmal einen Kollaps bzw. Burn-Out zu erleiden/kriegen. Verschlafen habe ich übrigens noch nie.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir sind ein Design Studio für Kommunikationsdesign, d.h. wir konzipieren und gestalten medienübergreifende Kommunikation, angefangen beim Corporate Design bis hin zu Corporate Websites. Dynamisch und engagiert kreieren wir Erscheinungsbilder für Unternehmen, Institutionen und Marken und die damit verbundene Kommunikation in den entsprechenden Medienkanälen.

Unsere Superpower ist dabei die extrem flache Hierarchie. Es gibt meine Mitarbeiter und mich und damit sehr kurze Entscheidungswege. Das Besondere: Jeder einzelne unserer Mitarbeiter ist Projektmanager, Art-Director, Designer, Produktioner und Berater des Kunden in einem, d.h. trotz individueller Stärken kann jeder alles. Damit sind die Mitarbeiter die Superpower – atypisch für unsere Branche und gut für den Kunden. Denn dieser muss nie auf uns warten.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Ein Best Practice-Beispiel, das für uns und unsere mediale Bandbreite steht, ist definitiv die Gesamtkommunikation für den Deutschen Katholikentag (bis zu 60.000 Besucher), die wir als einzige Agentur dreimal hintereinander machen durften. Von der Verantwortung, vom Umfang, vom Zeitraum und offen gesprochen auch vom Budget her, ist dies ganz klar eines unserer besten Arbeitsbeispiele und Lieblingsprojekte. Denn innerhalb von 14 Monaten sowohl die konzeptionelle, kreative Leitidee, die gestalterische Gesamtkompetenz und die mediale Umsetzung in allen Facetten auf die Beine zu stellen, ist der absolute Idealfall. Da wir dem Deutschen Katholikentag also ein Gesicht und eine Marke gegeben haben, war der Erfolg vor allem bei den Folgeveranstaltungen deutlich spürbar. Hoher Wiedererkennungswert traf auf einheitlichen Markenlook. Wenn es in den Medien dann z.B. heißt: „Eine Stadt sieht orange!“, dann weiß man, dass man alles richtig gemacht hat und das Konzept funktioniert. (Wir waren visuell und inhaltlich präsent, das muss man in einer Großstadt mit 600.000 Einwohnern erst einmal schaffen.)

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum?

Ganz ehrlich: Unser Branche in all ihren Facetten interessiert mich nicht wirklich. (Ob Fehler oder Selbstschutz, aber gerade in unserer Branche ist einfach viel heiße Luft im Spiel und viele beschäftigen sich mehr mit sich selbst als mit ihren eigenen Projekten.) Mich interessiert mein Kunde und das Projekt, das bei mir auf dem Tisch liegt. Die ganzen Schlagworte, die in unserer Branche kursieren, wirken meiner Meinung künstlich erzeugt, um u.a. dem Kunden die Notwendigkeit eines neuen Auftrags zu suggerieren. Damit gehe ich sehr kritisch um. Was ist denn z.B. mit „Storytelling“ gemeint. (Ich kann meiner Tochter eine Geschichte erzählen, das nennt sich genauso Storytelling wie wenn ich Unternehmenswerte/-heritagefaktoren herausarbeite und dann daraus eine Geschichte mache.) Nicht jedes Produkt braucht (aber) unbedingt eine Geschichte. Manchmal sollte man das Produkt auch einfach Produkt sein lassen. Kommunikation allein ist sehr vielschichtig, auch medial, und hinter einer guten Idee steckt immer eine gute Geschichte, ein guter Inhalt, ein gutes Design und daraus wird dann gute Kommunikation – so einfach ist das.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Gegenfrage: Was genau ist eigentlich mit Digitalisierung im Unternehmen gemeint? Unser Handwerk war von Anfang an, also seit es unser Büro gibt, digital – damals noch mit den ersten Apple Macintoshs. Dies geht einher mit Prozess- und Steuerungstools, die bei uns digital hinterlegt sind. Wir machen da aber einen Unterschied zwischen intern und extern. Alles was bei uns extern stattfindet, ist analog. Zum einen ist der Kontakt zum Kunden wesentlich, zum anderen ist ein reales Anschauungsbeispiel von großer Bedeutung. Wenn wir etwas nicht als Modell bzw. als Dummy herstellen können, machen wir in der Regel immer relativ aufwendige Visualisierungen, um einen möglichst realistischen Anschein der Idee widerzuspiegeln.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Im Grunde kann man es doch ganz einfach zusammenfassen: Jeder Trend hat einen Gegentrend. Das war schon immer so und das wird auch immer so sein. Nehmen wir z.B. den Trend der Globalisierung. Seit Jahrzehnten wird mehr internationaler Warenverkehr usw. gefordert, doch daraus hat sich doch auch ganz klar der Gegentrend der Regionalisierung entwickelt. Denn die Tomaten, die wir kaufen, sollten schon aus unserer Nachbargarten stammen. Und auch der Trend der Digitalisierung hat offensichtlich eine Gegenbewegung verursacht – und zwar die bewusste Analogisierung. Beispiele dafür sind sehr individuelle, höchst handwerkliche Printprodukte oder auch personalisierte Sportschuhe und Funktionskleidung.

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Die Digitalisierung ist ein elementarer Bestandteil unserer Gesellschaftsentwicklung, die es gilt, kritisch zu betrachten und positiv zu nutzen. Denn wird die Digitalisierung positiv genutzt, kann sie gewiss eine Bereicherung sein und den Staat bzw. die Gemeinschaft positiv beeinflussen, gerade durch den Zugang zu Informationen. Heutzutage kann dir doch keiner mehr etwas vormachen, außer Google macht dir was vor. Neben dem positiven Nutzen, sollte aber auch unbedingt ein Bewusstsein dafür entstehen, dass auch andere Dinge eine Wertigkeit haben. Deshalb gilt: immer offen für Neues sein und kritisch bleiben!

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa: 

Auch wenn ich in diesem Bereich nicht der Experte bin, stelle ich doch mit meinem normalen Menschenverstand fest, dass unsere Infrastruktur mangelhaft ist. Im europäischen Vergleich sind wir was Bandbreiten, Verfügbarkeit und Netzstruktur angeht auf dem fünftletzten Platz. Da sind uns die skandinavischen Länder und andere meilenweit voraus. Die deutsche Wirtschaft stellt sich dabei meiner Meinung nach einfach selbst ein Bein. Das liegt vielleicht daran, dass bei uns noch sehr konservative, produzierende Gewerbemodelle vorherrschen. Man darf nicht vergessen, dass auch die Digitalisierung eine gewisse Infrastruktur benötigt, um sich weiterzuentwickeln.

Herausforderung für unseren Markt:

Gerade viele unserer mittelständischen Kunden aus produzierenden Gewerben setzen sich erst jetzt mit der Digitalisierung auseinander und dies wird garantiert auch Konsequenzen für unsere Branche haben. Denn die Digitalisierung wird zunehmen, vor allem auch ihre Bedeutung. Inwieweit sich die Kommunikation dieser Unternehmen dann verändern wird, ist nicht absehbar.

Herausforderung für unsere Firma:

Unser Unternehmen wird noch mehr in die digitalen Medien und Entwicklungen investieren – vor allem Zeit und Geld. Wir müssen am Puls der Zeit bleiben und unser Wissen noch mehr ausbauen – gerade weil wir unsere Kunden weiterhin offen und kritisch beraten wollen. Wenn wir mit Schlagworten von Kundenseite konfrontiert werden, wollen bzw. müssen wir vorbereitet sein. Wir brauchen die Fachkompetenz, denn der erforderliche Wissenshorizont wird definitiv nicht kleiner.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Das Internet bietet so viele Möglichkeiten – im Grunde zu viele Möglichkeiten. Wenn man aber die Grundvoraussetzung, das Training, die Routine hat und den effizienten, gesunden und erfolgreiche Weg zur Information kennt, dann ärgern einen viele Dinge nicht, weil man sie vermeidet. Was mich allerdings richtig nervt sind völlig unnütze Werbe-/Pop-Up-Banner, vor allem weil sie oft schlecht gemacht sind.

Dafür begeistert mich die Research-/Informationsgewinnung umso mehr. Es gibt fast nichts mehr, das man im Internet nicht finden und nachlesen kann – eine Universalbibliothek, die einem global 24 Stunden, sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr zur Verfügung steht – vorausgesetzt man hat Strom und WLAN. Dieser Zugang zu Informationen und Wissen ist sensationell.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Ich hätte gern eine Lösung / ein Tool für Apps, die man wieder löschen soll. Das Problem kennt doch jeder: Bei z.B. 250 Apps, die man schnell mal herunterlädt, nutzt man doch nur rund 25. Aufgrund von individuellen Faktoren wie z.B. der Nutzungsintensität sollte es deshalb ein Tool geben, das dir sagt: „You don’t need it, kick it.“ Ein zweites Problem hätte ich gern direkt von Apple gelöst und zwar soll iTunes neu erfunden werden. Da kommt wirklich die schlechteste Software zum Einsatz, die Usability ist mies strukturiert und auch visuell ist das Ganze suboptimal. (Meine Einkäufe muss ich erst einmal fünf Minuten lang suchen – geht gar nicht.)

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Fachmagazin: Novum. Kreative Grafikdesign-Projekte werden in Printform hochwertig vorgestellt – sehr inspirierend.

Webseite: Design made in Germany. Stellt auch immer wieder Designprojekte vor – ansprechend und wirklich gut gemacht.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

Ein Bericht über die älteste Glühbirne der Welt hat mich tief beeindruckt. Dabei ging es vordergründig um eine Glühbirne, die immer noch in einem Feuerwehrhaus in Pennsylvania brennt und das seit 1901. Warum? Weil damals noch die höchste Handwerkskunst und das beste Material zum Einsatz kamen. Damit sollte die „geplante Obsoleszenz“ also die vom Hersteller geplante, bewusste Verringerung der Lebensdauer von Produkten Aufmerksamkeit finden. Ein wirklich wichtiges und großes Thema, das in den Medien wenig behandelt wird. Doch da sieht man: Gewisse Dinge überdauern, gute Qualität und Handwerkskunst ist zweitlos. Damals gab es eben noch keine Wegwerfgesellschaft. Aber unser unbändiges Wachstum und unser Wirtschaftssystem sind einfach darauf ausgelegt, sich ständig selbst zu erneuern. Sehr interessant >>> https://de.wikipedia.org/wiki/Centennial_Light

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Ich lese grundsätzlich keine Bücher. Dafür habe ich einfach nicht die Muße. Ich kaufe mir zwar immer wieder Bücher, oft aufgrund von Empfehlung bzw. wenn es sich um grafische Meisterwerke handelt. Aber ich bin mit meiner Denk- bzw. Aufnahmestruktur einfach nicht dafür gemacht.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Vor geraumer Zeit wurde ich von der Stadt Stuttgart zu einem Pecha Kucha Event eingeladen, um mich als Mitglied der Kreativwirtschaft zu präsentieren. Sich in knapp vier Minuten selbst und seine Arbeit vorzustellen war zwar eine Herausforderung, aber auch eine sehr interessante Erfahrung für mich. Bin ein Freund derartiger Rahmenbedingungen, weil dadurch eine Vergleichbarkeit hergestellt wird – ein wirklich spannendes Format, bei dem ich viel dazugelernt habe.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Das wichtigste Tool für mich ist Simple Text, heute TextEdit – das einfachste rudimentärste Programm. Es geht nur um den Text, nur um reinen Content. Und damit entstehen meine ersten Ideenskizzen.

Außerdem sehr wichtig: iCal. Damit koordiniere ich mein gesamtes Privat- und Geschäftsleben. Ich habe insgesamt 27 Kalender, die ich pflege bzw. nutze. Da steht der Zahnarzttermin meiner Tochter genauso drin wie Präsentationstermine. (Funktioniert nur über eine klare Struktur, eine klare Hierarchie und eine klare Berechtigung, also wer sieht welchen Kalender) – ein super Koordinationstool.

Von welchem Experten aus Deinem Fachgebiet hast Du bisher am meisten gelernt? Und was war das?

Es gibt ein Vorbild: Kurt Weidemann. Er ist leider schon verstorben, aber er war mir immer ein kollegialer Freund und Berater. Für alle, die ihn nicht kennen: Kurt war u.a. der Erfinder der Hausschrift von Mercedes-Benz, erschuf den neuen Porsche-Schriftzug und verantwortlich für die Neugestaltung des Deutsche Bahn-Logos. In unserer Branche gibt es viele Selbstdarsteller. Deshalb hat mir an Kurt besonders gut gefallen, dass er stets gesagt hat, was er denkt und das nicht immer zu seinem Vorteil. Berühmtheit erlangte u.a. der Satz: „Für euch reiße ich mir den Arsch auf und ihr?“, den er als Spruch auf einem Shirt trug. Damit hat er Kunden bewusst provoziert – ein mutiger Mann.

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