Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Björn Waide – smartsteuer.de

Björn_WaideWer ist Björn Waide? Bitte stell Dich doch mal kurz vor. Und damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch ein kleines persönliches Geheimnis von Dir.

Nerd by nature, engineer by education, product guy by passion. Nach dem Informatikstudium und einer „Lehrzeit“ als Software-Entwickler, war ich bei XING einige Jahre verantwortlich für das Produktmanagement. Seit 2013 bin ich Geschäftsführer der smartsteuer GmbH in Hannover.

Sport war lange Zeit kein Thema für mich, da war ich ganz IT-Nerd. Mittlerweile hat mich das Lauf-Fieber gepackt und man sieht mich regelmäßig durch den Hannover Stadtwald, die Eilenriede, hecheln. Mir mag vielleicht das Talent zum Laufen abgehen, aber mangelnde Leidenschaft kann man mir nicht vorwerfen!

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr besser, was ist Euer USP?

500 Millionen Euro: Das ist die Summe, die jedes Jahr an zu viel gezahlten Steuergeldern im Staatssäckel bleibt, weil Bürger sich gar nicht erst an die Steuererklärung herantrauen. Kein Wunder, ist doch das deutsche Steuerrecht so kompliziert wie kein anderes weltweit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Wir sehen uns als Dienstleister für jeden deutschen Steuerzahler: smartsteuer.de ist eine denkbar einfache Online-Steuererklärung, mit der sich auch Steuer-Laien ihr sauer verdientes Geld zurückholen.

Was ist Eure interne “Secret Sauce”? 

Eine so explosive wie erfolgreiche Mischung aus Software-Entwicklern, Web-Designern, erfahrenen Textern und Steuerexperten. Wenn dieser Mix an einem Ort zusammen kommt, dann knistert die Luft. Unser Anspruch ist es, vom Kunden her zu denken. Unübersichtliche Steuerformulare und das unsägliche Steuersprech sind bei smartsteuer passé.
Blindes Vertrauen in die eigene Unfehlbarkeit auch: Wir glauben nicht, die Wahrheit zu kennen, bis wir eine Idee in Usability Tests verprobt und direkt am Kunden in A/B-Tests verifiziert haben. So haben wir in den letzten Jahren ganz agil Iteration für Iteration eine Anwendung geschaffen, mit der sich Steuerzahler in weniger als 90 Minuten eine durchschnittliche Steuerrückerstattung von über 1.600 € sichern. Und uns Bestnoten bescheren – vom Kunden.

Was genau ist Deine Rolle im Unternehmen, wo liegt Deine Expertise und “Superpower”?

Mein (nicht wirklich hart erarbeiteter) Erfolgsfaktor: Ich habe von Steuern keine Ahnung! Damit bin ich unser bester Kunde. Wenn ich neue Bereiche in der Anwendung nicht verstehe, mit Texten nichts anfangen kann, dann liegt die Vermutung nahe, dass es unseren Kunden ähnlich geht. Wenn meine Steuer-Fachleute an mir verzweifeln: Dann habe ich meinen Job richtig gemacht.
Tatsächlich sehe ich mich als Vermittler. Durch meinen technischen Background verstehe ich unsere Entwickler und habe zumindest ein Gefühl für Komplexität und Machbarkeit. Als gelernter Produktmensch sehe ich aber – aus der Perspektive eines Anwenders – auf die Probleme und versuche im Austausch mit den Kollegen aus den verschiedenen Fachgebieten eine Lösung dafür zu finden.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Wir müssen aktuell drei unterschiedliche Gruppen von Anwendern unterscheiden: Die Kompetenten, die Naiven und die Paranoiden.

Die Paranoiden wittern hinter jedem Online-Unternehmen das personifizierte, geld- und machthungrige Böse. Sie würden wahrscheinlich am liebsten in eine Vor-Internet-Ära zurückkehren.

Im Gegensatz dazu machen sich die Naiven überhaupt keine Gedanken, wo sie ihre Daten lassen, was sie öffentlich teilen und wem sie im Internet trauen können.

Nun können wir weder das Internet wieder abschaffen, noch sollten wir dem Missbrauch unserer Daten Tür und Tor öffnen. Das gilt übrigens auch für den Deutschen Bundestag. Wenn wir also beiden Gruppen gerecht werden wollen, müssen wir so früh wie möglich Kompetenz herstellen. Mobile Computer, Tablets, Smartphones gehören schon für unsere Kinder zum Lebens- und Schulalltag. Unabhängig davon, wie ich das finde: Es ist unglaublich wichtig, dass wir durch Erziehung und Ausbildung so früh wie möglich das Wissen vermitteln, digitale Technologien sinnvoll einzusetzen, sich dabei ausreichend zu schützen und sie so zu unserem Vorteil zu nutzen. Da sind wir alle gefragt.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Wo soll ich anfangen? Es beginnt mit einem notwendigen Um- und Ausbau der Lehrpläne und der Kompetenzen der Lehrkräfte und hört beim Netzausbau (noch lange) nicht auf. Die volle Wirkung der Digitalisierung kann erst greifen, wenn wir flächendeckend mobile Breitbandverbindungen haben. Versprochen wird uns die von Politik und Netzbetreibern seit Jahren. Doch selbst wenn ich mal das seltene Glück einer LTE-Verbindung habe, wirft mich gefühlt an jedem 5. des Monats die Drosselung der Verbindung in die digitale Steinzeit zurück.
Und dann haben wir die allerorts zurecht kritisierten mangelhaften Bedingungen für Startups. Es geht dabei aber nicht nur um Kapital und Gründungshilfen, es geht um einen Kulturwandel. Die Akzeptanz des Scheiterns als notwendigen Bestandteil von Wandel. Aber auch ein besseres Image der Menschen, die diesen technologischen Wandel gestalten: Softwareentwickler, Ingenieure, Wissenschaftler, kreative Köpfe.

Herausforderung für unseren Markt:

Die Steuererklärung steht auf der Beliebtheitsskala der Deutschen irgendwo zwischen Hämorrhoiden und einem Zahnarztbesuch. Wir sind da als Branche übrigens nicht ganz unschuldig: Unsere Produkte waren über Jahrzehnte so sexy wie ein Stück Brot (Vollkorn, ohne Gluten), so unterhaltsam wie das Telefonbuch von Oer-Erkenschwick (die Print-Ausgabe…!) und so intuitiv zu bedienen wie die Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn. Wir beweisen mit smartsteuer, dass es auch anders geht. Aber versuchen Sie einmal so ein Image abzuschütteln: keine leichte Aufgabe. Aber wir sind dran.

Herausforderung für unsere Firma:

Unser Geschäftsfeld ist schon etwas eigen: Wir haben uns ja eines Problems angenommen, dass in der Regel nur einmal im Jahr für Kunden relevant ist. Unsere Lösung ist fachlich und technisch komplex, kostet mit knapp 15 Euro aber gerade mal so viel wie ein Kino-Besuch. Um bei dieser Konstellation wirtschaftlich zu funktionieren, müssen wir durch unser Produkt und unseren Auftritt so nachhaltig überzeugen, dass unsere Kunden uns nicht nur die Treue halten, sondern selbst zu „Botschaftern“ werden und anderen von smartsteuer vorschwärmen.

Meine Persönliche Herausforderung:

Seit ich vor 2 Jahren bei smartsteuer eingestiegen bin, haben wir unsere Nutzerzahlen vervierfacht, die Mitarbeiteranzahl verdoppelt und sind zweimal umgezogen. Das Wachstum zu managen und die notwendigen Strukturen und das Umfeld zu schaffen, in dem wir als Unternehmen die verkrustete Branche aufrütteln können: Das bleibt sicher auch für die nächsten Jahre meine größte Herausforderung.

Wie sieht Dein “digitales Workout” in der nächsten Zeit aus? In welchen Themenbereichen willst Du Dich oder würdest Dich gerne verbessern?

Ich bin Produktmensch und glaube an die Überzeugungskraft einer wohldesignten, kundenorientierten Lösung. Allerdings verkaufen sich gute Produkte auch nicht von selbst. Daher bleibt für mich als Quereinsteiger das Thema Marketing weiter spannend. Insbesondere die Frage, wie sich die vielen „Best Practices“ und Erfolgsgeschichten in der Regel aus dem Umfeld Entertainment auf solche Unternehmen übertragen lassen, die wie wir traditionell als „unsexy“ gesehen werden.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog, auf dem Du Dich zu Fachthemen gerne informierst (deutsch oder Englisch)

Ein relativ junger, aber sehr lesenswerter Blog von früheren Kollegen ist produktbezogen.de. Es gibt im deutschsprachigen Raum in meinen Augen viel zu wenig Angebote, die sich mit Online-Produktmanagement und agilen Methoden beschäftigen.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

http://blog.crisp.se/2014/03/27/henrikkniberg/spotify-engineering-culture-part-1

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat (das nicht unbedingt ein Business Buch sein muss)

http://www.svpg.com/inspired-how-to-create-products-customers-love/

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

http://work-in-progress-hamburg.de/aktuelles/new-work-day-mit-xing). Besonders eindrucksvoll war die Keynote von Jeremy Rifkin zur Zukunft von… eigentlich allem: Wirtschaft, Umwelt, Arbeit, Leben.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Post-Its. Ich pflege schon einen sehr digitalen Arbeitsstil, aber ohne Post-Its gerade in der Zusammenarbeit im Team wäre ich nur halb so produktiv und vor allem kreativ. Die beste Software der Welt: Der gesunde Menschenverstand. Mit und ohne automatischen Updates.

Mit welchem Experten aus Deinem Fachgebiet würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

 Am meisten gelernt habe ich eindeutig von Marty Cagan. Wenn es um die Frage geht, wie man (Software-)Produkte entwickelt, die Kunden auch nutzen, ist er für mich der Experte schlechthin.
Für meine weitere Arbeit am Unternehmen würde ich einen intensiven Austausch mit Reinhard Sprenger (Autor von „Mythos Motivation“ und „Radikal führen“) schätzen. Seine vom Menschen ausgehende Führungs- und Managementphilosophie prägt mich seit Jahren.