Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Christoph Kronhagel – URBANSITE

Christoph Kronhagel URBANSITEWer ist Christoph Kronhagel? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich habe 1991 mit der Gründung der ag4 die Idee zur „Mediatektur“ angeregt. Dabei geht es um die Schnittstelle zwischen den realen Orten und den virtuellen Welten. Wir haben als einer der Ersten damit begonnen, Architektur mit elektronischen Medien zu verbinden. Prominentes Beispiel dazu sind Medienfassaden.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Kochen ist die wunderbare Möglichkeit die Kopfmaschine abzustellen, schon weil die Gerüche die Denk-Ports blockieren.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

https://vimeo.com/122777205. Mit ag4 sind einige Medienfassaden entstanden, die ab 2004 nach unserer ersten Fassade für T-Mobile in Bonn einen Hype ausgelöst hatten. Allerdings war daraus noch kein Geschäftsmodell entstanden, es waren alles „Nice to have“ Projekte. Es war klar, dass dafür die Begeisterung wieder abflacht. Die Herausforderung liegt darin, kulturellen Anspruch im öffentlichen Raum mit Werbung zu verbinden, um eine Medienfassade zu einem Geschäftsmodell werden zu lassen. Dafür aber sind die Städte und auch die Werbewirtschaft noch nicht bereit.

URBANSITE baut diese Verbindung von Werbung und Kultur mit der Medienskulptur „ON AIR“ für Airports, Malls und Bahnhöfe auf. Das Team vereint die technische Kompetenz für innovative Installationen mit dem Potential für hochkomplexe Programmierungen und ausgewiesenen Erfahrungen/Netzwerke in der Werbewirtschaft. So können wir das Business wirklich ganzheitlich angehen und betreiben ON AIR selbstständig.

https://vimeo.com/122566186

In Europa betreiben wir die Installationen selber und zahlen Mieten für den Standort. Weltweit verkaufen wir ON AIR zusammen mit einer Lizenz für Site Character, so dass wir zusammen mit internationalen Partnern dem regionalen Kunden ein optimales System für die Werbevermarktung anbieten können.

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum?

https://vimeo.com/74939940

Wir sind mit Unibail Rodamco im Gespräch und wissen daher, dass für diese Installation höchster Anspruch an den Content gestellt wird. Zunächst wurde speziell dafür eine wirklich gute Inszenierung als Grundbespielung produziert, die der Idee eines digitalen Traums folgt. Werbetreibende müssen nun dort ihre Werbung auch für die gesamte Installation individuell adaptieren. Das heißt, dass der Werbetreibende nicht nur hohe Kosten für die dortige Schaltung einbringen muss, sondern seiner Agentur nur für diesen Zweck und für eine einmalige Nutzung ein Budget bereit zu stellen hat. Dafür muss ein wirklich riesiges Format gerendert werden, um die im Raum eingesetzten Bildflächen synchron bespielen zu können. Das ist in Zeiten der zwanghaften Optimierung aller Agenturkosten wirklich sehr ungewöhnlich.

Vielleicht ist das der Anfang einer neuen DooH Kultur. Es betätigt uns, weil wir mit Site Character auch individuelle digitale Environments anbieten. Nur dass in unsere Environments dann Werbung kontextuell passend integriert werden kann. So können die vorliegenden Formate der Agenturen verwendet werden. Das ist dann eine Gangart, die den Mechanismen der DooH Wirtschaft deutlich mehr entgegenkommt, als die bewundernswerte, aber sehr strikte Haltung von Unibail Rodamco.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Man muss zwischen digitalen Technologien und digitaler Kultur unterscheiden. Zweiteres findet im Kopf statt. Man muss dafür in offenen Systemen denken. Ein in sich geschlossener Videoclip mag zwar mit tollen digitalen Tools erstellt worden sein, gehört aber schon im Ansatz kaum zur digitalen Kultur. Deswegen wird unser „Site Character“ die visuelle Performance von ON AIR in Echtzeit steuern. Es wird keine Wiederholung der Gesamtinszenierung geben! Und keiner weiß, wie genau der nächste Moment aussehen wird. Die „Site“ bekommt einen „Character“, der auf seine Umgebung reagiert, z,B. durch die Analyse der Besucherströme in einem öffentlichen Raum per Kaneraerkennung.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Die digitale Kultur provoziert einen enormen Paradigmenwechsel. Die Absicht, ständig auf neue Parameter einzugehen, wobei die Parameter sich auch noch gegenseitig beeinflussen, ist unserer Industriegesellschaft grundlegend fremd, man beobachte, welche Widerstände „Industrie 4.0“ im Management und in der Gesellschaft hervorruft. Die lineare Verkettung mechanistischer Vorgänge hatte etwas ungemein Beruhigendes. Man wusste, was hinten rauskam.

Das ist vorbei und es bedarf der Fähigkeit zum prozessualen Denken. Die Gesellschaft teilt sich auf in diejenigen, die dieses Denken aufnehmen und vielen, die aus Verunsicherung genau dem entgegensteuern. Es wird einige Zeit brauchen, bis dies ausdifferenziert  werden kann. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie sehr die Verunsicherten eigentlich offensichtliche Prozesse ausbremsen. Ein sehr großer Teil unserer Energie geht in Strategien, diese Hemmungen zu bewältigen. Argumente helfen hier gar nicht. Man muss die Bremsklötze regelrecht in die eigenen Konzepte einbauen, weil man sonst die dazugehörigen Kräfte motiviert, noch stärker in die Bremse zu treten

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Ein großer Teil unserer Wirtschaft versteht die Globalisierung ausschließlich in der Steigerung von Effizienz und baut deswegen Personal ab. Gerade das Top-Management ist deswegen völlig überlastet und kann sich innovativen Strömungen überhaupt nicht mehr stellen. Ständig müssen sie über etwas entscheiden, womit sie sich noch gar nicht ausreichend beschäftigen konnten. Deswegen werden viele Entscheidungen in Meetings transferiert. Dann hat die Gruppe entschieden und es kann einem nicht viel passieren. Ergebnis ist aber, dass alle Manager nur noch in Meetings sitzen und überhaupt keine Zeit mehr für ihre eigentliche Aufgaben haben. Ein Teufelskreis!

Übrigens macht z.B. Google genau das Gegenteil und gibt jedem Mitarbeiter ein zeitliches Kontingent für eigene Ideen. Komisch, dass die so erfolgreich sind….

Herausforderung für unseren Markt:

Die verschiedenen Agenturtypen schotten sich zu sehr in ihrer jeweiligen Welt ab und sind kaum noch zum Austausch fähig. Und das nennt sich dann Kommunikationsbranche!

Herausforderung für unsere Firma:

Dicke Bretter bohren!

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Wenn man als ein Maßstab für das Internet die Youtube Kultur nimmt und sich dann das Interview von LeFloid mit Merkel anschaut, dann merkt man, das es einfach oft an Substanz fehlt.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Eine Kontrolle über Shit-Storms, die nur aus Lust an der Aufregung entstehen.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Mein Facebook Account

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Ganz eitel mein eigenes Buch zur Mediatektur (Springer Verlag)

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Ich hatte das Vergnügen, mit Prof. Peter Kruse zusammen arbeiten zu dürfen. Leider ist er kürzlich verstorben.

https://www.youtube.com/watch?v=dst1kDHJqAc