Interview mit Dr. Michael Gerharz –
Dr. Gerharz – Überzeugend Präsentieren

Dr. Michael Gerharz Dr. Gerharz Überzeugend PräsentierenWer ist Michael Gerharz? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin Inhaber der Präsentationsagentur „Dr. Gerharz – Überzeugend Präsentieren“ und Autor des gleichnamigen Blogs.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich führe ein geheimes Doppelleben. Gemeinsam mit meiner Frau, Stephanie Gerharz, entwickle ich unter dem Label aprilkind (http://www.aprilkind.de) Kuscheltiere. Im Oktober sind unsere Twonster (http://www.aprilkind.de/twonster) weltweit als Lizenzprodukt der Firma Schmidt Spiele auf den Markt gekommen.

Außerdem spiele ich viel Gitarre und liebe es, Zeit mit meiner Frau und meinen drei Kindern zu verbringen.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir helfen Unternehmen, Menschen mit großartigen Präsentationen zu überzeugen. Unsere „Superpower“ ist es, in kürzester Zeit herauszufinden, welche Story die Menschen am meisten überzeugt.

Wir hören zu, stellen die richtigen Fragen und legen dann den Finger in die Wunde. Dabei denken wir immer vom Publikum aus, denn unser Ziel ist, Stories zu finden, die die Menschen bewegen. Es geht nie um den, der redet, sondern immer um den, der zuhört und entscheidend ist für ihn die Frage: Was hat das mit mir zu tun?

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Wir haben dem Industriezulieferer VEGA (http://www.vega.com), ein Hidden Champion mit 13 Tochterfirmen und 1000 Mitarbeitern weltweit, eine neue Präsentationskultur gegeben. Bei unserem ersten Treffen schilderte der Geschäftsführer, Günter Kech, die Präsentationen seines Unternehmens mit folgenden Worten: „Unsere Präsentationen sind immer sehr deutsch. Was ich damit meine: sehr gründlich, total strukturiert und völlig langweilig.“ Nachdem er im Winterurlaub das Buch „Zen oder die Kunst der Präsentation“ von Garr Reynolds gelesen hatte, wollte er das dringend ändern.

Wir haben deshalb für das Unternehmen ein Präsentationskonzept entwickelt, mit dem es heute die komplexen Themen anschaulich und extrem nah an den tatsächlichen Problemen seiner Kunden präsentiert. In einer Reihe von Hands-on-Workshops haben wir das ganze Unternehmen darauf vorbereitet: Geschäftsführer, Produktmanager, Vertrieb, Auszubildende, IT-Abteilung, … also alle Mitarbeiter, die regelmäßig Ideen vortragen. Parallel dazu haben wir einen schlanken Präsentationsleitfaden entwickelt, der mit wenigen sehr praktischen Tipps den Mitarbeitern des Unternehmens zeigt, wie sie ihre Präsentationen so zuspitzen, dass sie genau die Probleme der Zuhörer adressieren und bei ihnen ein Aha-Erlebnis auslösen.

Ein besonderes Kompliment für uns war die neue Firmenpräsentation, die VEGA auf Basis unserer Methoden selbst entwickelt hat. Großflächige und emotionale Bilder stellen dabei die Experten und ihre Produkte so dar, wie sie sind: kompetent, gründlich, bodenständig und sympathisch. Das wirkt bei den Kunden. Großartig, wie konsequent VEGA die eigene Präsentationskultur verbessert hat. 

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

  • Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Für mich ist nach wie vor ungeklärt, wie wir sinnvoll das Recht auf Privatsphäre mit dem Bedürfnis nach Schutz durch den Staat verbinden.

  • Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Ich teile die Weltuntergangsgesänge nicht, die beschwören, dass die deutsche Wirtschaft dem Untergang geweiht ist, weil sich die Unternehmen mit Bedacht an neue Medien wagen. Trotzdem könnte etwas weniger Angst vor den Gefahren und stattdessen mehr Offenheit für die Chancen der Digitalisierung nicht schaden. Wichtig für die Unternehmen wird zum Beispiel sein, wie sie digitale Technologie nutzen, um für ihre Kunden ein besseres Nutzungserlebnis zu schaffen. Wenn sie die Wahl haben, entscheiden sich die Kunden für die einfachere Lösung. Immer mehr Industrien werden von Software dominiert. Deutschland als Land der Auto- und Maschinenbauer muss sich darauf besonders einstellen.

  • Herausforderung für unseren Markt:

Social Media sind immer stärker von Bildern dominiert, insbesondere auch bewegten Bildern. Es wird zunehmend wichtig, seine Meinung in kurzen Videos auf den Punkt bringen zu können. Allerdings tun sich die Deutschen traditionell schwer damit, vor eine Kamera zu treten. Wer das beherrscht, wird Vorteile haben.

  • Herausforderung für unsere Firma:

Je mehr die Menschen ihr Informationsbedürfnis in Social Media wie Facebook und Twitter stillen, umso wichtiger wird es, sich auf diesen Kanälen gegen die aberwitzige Zahl an aufmerksamkeitsheischenden Pseudo-News zu behaupten. Es genügt nicht, gute Arbeit zu machen, sondern gute Arbeit bei den richtigen Menschen sichtbar zu machen.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Großartig ist das, was Chris Anderson den „Long Tail“ (https://de.wikipedia.org/wiki/The_Long_Tail) nennt. Dank des Internets ist es heute möglich, für jeden noch so ausgefallenen Wunsch einen Anbieter zu finden. Als Verbraucher finde ich z.B. heute problemlos jede Aufnahme der Schweizer Jazz-Kombo „Karl, ein Karl“. Vor 20 Jahren musste ich monatelang recherchieren, bevor ich für eine bestimmte CD (https://itun.es/de/7Aq7w) einen Importeur gefunden habe. Umgekehrt kann ich als Anbieter heute ein nachhaltig erfolgreiches Unternehmen führen, selbst wenn es weltweit nur vielleicht tausend Interessenten für mein Produkt gibt. Das Internet hat „die Nische“ erfolgreich gemacht.

Ärgerlich ist die Fantasielosigkeit der Werbung. Obwohl die Branche viel über Konzepte wie „Content Marketing“ oder „Permission Marketing“ redet, setzen die meisten Werbetreibenden noch immer auf Masse statt Klasse. Den „Ad-Blockern“ haben offenbar nur wenige etwas entgegenzusetzen. Statt auf innovative Konzepte setzen viele nur auf noch mehr Nerv-Faktor. Dabei zeigen Organisationen wie TED, dass es auch anders geht. Dort wird die Werbung nach dem Clip gezeigt, also auch nur dann angesehen, wenn sie interessant genug ist.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

  • einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Seth Godin’s Blog (http://sethgodin.typepad.com), weil er seit inzwischen 14 Jahren den vernünftigsten Blick auf das Thema Marketing hat und sein Ansatz des Permission Marketing heute noch wichtiger ist als damals, als er sein Buch dazu veröffentlichte. Nach Seths Permission-Marketing-Definition habe ich dann die Erlaubnis für Marketing, wenn der Umworbene meinen Beitrag vermissen würden, wenn er ihn nicht sähe.

  • einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

What Chicken Nuggets Taught Me About Using Data to Design, weil der Artikel einen sehr ausgewogenen und fundierten Blick auf die Debatte Storytelling vs. Data-Driven Marketing wirft, denn in Wahrheit ist beides notwendig um erfolgreiche Produkte zu entwickeln und zu vermarkten. Nur durch die Kombination von Beidem kommt man hinter die wahren Bedürfnisse der Menschen.

  • ein spannendes Buch, das Dich inspiriert hat

Made To Stick (http://www.amazon.de/gp/product/0812982002), weil es das anschaulichste Kommunikations-Buch ist, das ich kenne. Die beiden Autoren – die Brüder Chip und Dan Heath – haben für das Buch Hunderte Kampagnen unter die Lupe genommen und dabei analysiert, was die erfolgreichen Kampagnen gemeinsam haben. Dabei haben sie sechs Kriterien für erfolgreiche Botschaften identifiziert: Ein Botschaft muss demnach einfach, konkret, glaubwürdig, unerwartet und emotional sein und als Geschichte funktionieren.

  • eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

CreativeMornings (https://creativemornings.com). CreativeMornings ist eine weltweite Organisation, die unter dem Motto „Jeder ist kreativ. Jeder ist willkommen.“ in inzwischen 130 Metropolen weltweit Vorträge von und für Kreative organisiert, die für jedermann zugänglich und immer kostenlos sind. Das Prinzip ist einfach: Einmal im Monat an einem Freitag morgen zwischen 8:30 und 10:00 Uhr hält eine interessante Persönlichkeiten einen inspirierenden Vortrag und man kann sich bei gutem Kaffee mit Gleichgesinnten austauschen. Alle Vorträge werden aufgezeichnet und auf der Webseite veröffentlicht, inzwischen weit über 2500. Mit so illustren Namen wie Moby, Milton Glaser, Seth Godin, Michael Bierut oder Erik Spiekerman ist inzwischen eine wunderbare Plattform für kreative Ideen und ein Ort des kreativen Austauschs entstanden. Seit 1,5 Jahren organisiere ich mit meinem Team CreativeMornings in Köln und habe dabei viele großartige Menschen kennen gelernt.

  • das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Hardware: iPad Pro, das für mich inzwischen zu 90% den Laptop ersetzt.

Software: Ulysses. Ich schreibe inzwischen sämtliche Texte in Ulysses. Das Programm unterstützt meinen Arbeitsfluss ideal: Von der ersten Idee über Artikelskizzen inkl. Recherchematerial bis zum fertigen Blogartikel oder Magazin. Es ist wunderbar durchdacht, geht mir beim Schreiben aus dem Weg und die Synchronisation zwischen meinen Geräten (iPhone, iPad und Mac) funktioniert perfekt.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Stefan Sagmeister wegen seiner Furchtlosigkeit.

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