Interview
Das Forschungszentrum

Katharina Krause und Kristina Lange TL TRANSLATIONES GmbH

Katharina Krause und Kristina Lange  TL TRANSLATIONES GmbH
Wer ist TL TRANSLATIONES? Bitte stellt Euch doch mal kurz vor.

Die TL TRANSLATIONES GmbH ist ein Berliner Büro für Sprachdienstleistungen, das Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen anbietet. Wir, die beiden Gesellschafter-Geschäftsführerinnen, sind die Konferenzdolmetscherinnen Kristina Lange (Englisch und Spanisch) und Katharina Krause (Italienisch und Spanisch). Wir haben uns an der Humboldt-Uni in Berlin kennengelernt, im Diplomstudiengang Dolmetschen. Nach Abschluss unseres Studiums gründeten wir 2003 im Berliner Energieforum die TRANSLATIONES GbR als Büro für Sprachdienstleistungen. Unser kleines Unternehmen wuchs schnell. Seit dem 1.01.2007 firmieren wir als TL TRANSLATIONES GmbH. Heute haben wir unseren Sitz am Engeldamm in Berlin-Mitte. Wir beschäftigen aktuell zwei Projektleiterinnen in Vollzeit und eine weitere Mitarbeiterin in Teilzeit. Das klingt recht beschaulich, aber unser Mitarbeiterpool umfasst rund tausend freiberufliche Kollegen, an die wir Übersetzungs- und Dolmetschaufträge vergeben. Bei uns im Büro geht es oft zu wie in einem Bienenstock!

Damit wir Euch nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Euch.

Ihr seid aber neugierig! Also: Ich (Kristina) verrate mal über Katharina, dass sie auch heute noch, nachdem wir schon fast fünfzehn Jahre zusammenarbeiten und zwischen uns kaum ein Blatt Papier passt, trotzdem noch am liebsten aus dem Raum rennt, wenn sie telefoniert! Besonders, wenn ein Anruf auf Englisch, Spanisch oder Italienisch hereinkommt. An mir selbst ist so Einiges wunderlich. Ich brauche zum Beispiel immer eine Wand oder Ecke hinter mir, wenn ich mich auf einen Stuhl setze. Im Restaurant werde ich unruhig, wenn ich nicht sehen kann, was hinter mir passiert. Und im Hotel versuche ich immer, so weit oben wie möglich ein Zimmer zu bekommen. Ich brauche immer den Überblick. Anders gesagt: Ich bin ein Kontrollfreak!

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir sind ja ein inhaberinnengeführtes Unternehmen und verbinden höchste Qualitätsansprüche und persönlichen Service im Übersetzen und Dolmetschen mit einem effizientem Workflow und modernsten Tools. Man könnte sagen, wir verbinden die Vorteile eines Unternehmens in Familiengröße mit den Vorteilen einer großen Agentur. Da wir Geschäftsführerinnen gleichzeitig die Gründerinnen des Unternehmens sind und die Dienstleistung, die wir verkaufen, selbst mit erbringen, sind wir gegenüber Kunden, Geschäftspartnern und Mitarbeitern immer glaubwürdig. Nach über zehn Jahren auf dem Berliner Markt kennen wir uns im Dolmetschen und Übersetzen wirklich gut aus. Wir wissen, worauf es ankommt, und beraten unsere Kunden sehr umfassend, so dass sie sicher sein können, die Lösung angeboten zu bekommen, die ihrem Bedarf am besten entspricht.

Apropos Superpower: Verratet Ihr uns ein „Best Practice“ Beispiel Eurer Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Eurer Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Unser größter Erfolg bislang war der Umgang mit einer existentiellen Krise. Um den Jahreswechsel 2008/2009 herum erwischte uns die Finanzkrise mit voller Wucht. Fast über Nacht blieben die Hälfte der Aufträge unseres größten Übersetzungskunden weg. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt fast 20 fest angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, befanden uns also im Kündigungsschutz. Außerdem hatten wir einen langfristigen Mietvertrag für ein riesiges Büro unterschrieben – fast 400 Quadratmeter Fläche wollten bewirtschaftet werden! Wir hangelten uns von Monat zu Monat und hofften auf ein Wunder, das allerdings nicht eintrat. Schließlich befanden wir uns kurz vor der Überschuldungsgrenze. Um die Insolvenz abzuwenden, entschlossen wir uns zu einem radikalen Schnitt, entließen Ende 2009 alle unsere Mitarbeiter auf einmal und zogen Anfang 2010 holterdipolter in ein kleines Büro um. Um unser Unternehmen zu sanieren, mussten wir ein halbes Jahr fast ohne Mitarbeiter auskommen und wieder alles selbst machen. Aber die Zäsur hat sich gelohnt: Schon im Sommer 2010 konnten wir wieder neue Arbeitsplätze schaffen und Verstärkung einstellen. Wir haben die Krise überlebt und stehen heute besser da als jemals zuvor: Wir beschränken uns bewusst auf wenige fest angestellte Mitarbeiter und bleiben in unserem stark saisonalen, schwankenden Markt flexibel. Wir haben unseren Kundenstamm noch weiter ausgebaut und somit das Risiko des Umsatzausfalls minimiert, denn bei mehreren tausend Kunden in der Datenbank hat immer jemand Bedarf an unseren Dienstleistungen. Die Übersetzungsaufträge werden wieder von Freelancern erledigt und nicht mehr von In-house-Übersetzern, die immer entweder überlastet waren oder Däumchen drehten. Unsere ehemaligen Mitarbeiterinnen haben sich zu einem Teil selbstständig gemacht und sind heute als freiberufliche Übersetzerinnen und Lektorinnen für uns tätig. Unser neuer Mietvertrag erlaubt uns, kurzfristig zu kündigen. Die nächste Krise kann uns also kommen – sie wird uns nicht mehr aus der Bahn werfen!

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Auch die Sprachdienstleistungsbranche hat sich in den letzten fünfzehn Jahren stark verändert. Wie überall, geht der Trend auch im Übersetzen und Dolmetschen hin zur Papierlosigkeit. Noch zu Zeiten unserer Gründung druckten wir für jeden Auftrag mindestens ein Übersichtsblatt und häufig noch viele weitere Dokumente und Seiten aus. Unsere Regale waren mit hunderten Leitz-Ordnern gefüllt, in denen wir alle Geschäftsprozesse in ausgedruckter Form dokumentierten. Kunden schickten die Dokumente, die sie übersetzen lassen wollten, häufig als Ausdruck per Post, so dass ein großer Arbeits- und Zeitaufwand beim Einlesen der Texte entstand. Heute drucken wir nur noch wenige Dokumente aus. Die Kunden schicken ihre Texte als Dateien zu oder verlinken auf FTP-Server, wo wir uns Dokumente abholen. Während es vor 20 Jahren noch üblich war, sich einen Text zur Übersetzung als Papiervorlage auf den Schreibtisch zu legen und die Übersetzung in den Computer zu tippen, ist es seit vielen Jahren üblich, beim Übersetzen ein so genanntes CAT-Tool (computer-aided translation tool) zu verwenden. Mit dieser Art Software werden mehrsprachige Datenbanken generiert, so dass einmal erstellte Übersetzungslösungen jederzeit wieder abrufbar bleiben und eine gleichbleibende Qualität beim Übersetzen gewährleistet werden kann.

Auch im Dolmetschen hat sich sehr viel verändert. Noch 1999 brauchte man für einen Tag in der Simultankabine eigentlich einen ganzen Lieferwagen für die Anfahrt, denn die Wörterbücher wogen gefühlte hundert Kilo. Auch die Vorbereitung für einen Dolmetscheinsatz dauerte ohne Google, Wikipedia, LEO etc. mindestens zehn Mal so lange wie heute. Mit dem mobilen Internet hat die Dolmetschkabine geradezu eine Revolution erlebt. Heute recherchieren Dolmetscher in Echtzeit fehlende Informationen und können eine sehr viel höhere Qualität anbieten als zu früheren Zeiten.

Wenn Ihr Euch die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Eure Position anseht, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Wir sehen die größte Herausforderung der digitalen Wirtschaft hauptsächlich im Umgang mit der Überflutung der gesamten Gesellschaft mit Informationen einerseits und andererseits in der Schwierigkeit, die Persönlichkeitsrechte derjenigen Menschen zu schützen, die ihr Leben nicht lückenlos auf Facebook dokumentieren möchten. Einerseits bietet das Internet fantastische Möglichkeiten, andererseits ist die Gefahr, dass Daten in falsche Hände geraten, sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen eine sehr realistische Bedrohung, mit der man irgendwie umgehen muss.

Herausforderung für unseren Markt:

In unserer Branche besteht die Herausforderung darin, eine von Menschen gemachte und nur sehr teilweise automatisierbare und digitalisierbare Dienstleistung zu verteidigen. Viele Kunden verstehen nicht, warum das Übersetzen trotz Google Translate einfach nicht automatisch per Knopfdruck funktioniert, und erwarten sowohl hinsichtlich der Preise als auch hinsichtlich der Prozesse und Geschwindigkeiten das schier Unmögliche. Die Möglichkeiten der Digitalisierung haben bei vielen Kunden Begehrlichkeiten nach der perfekt automatisierbaren und reproduzierbaren Übersetzung geweckt. Hier müssen wir immer wieder Aufklärungsarbeit leisten!

Herausforderung für unsere Firma:

Die Kunden erwarten, dass ein Sprachdienstleister jederzeit auf der Höhe der Zeit ist und bleibt, wenn es um technologische Entwicklungen in der digitalen Textbearbeitung geht. Da gleichzeitig die Anzahl der verfügbaren Editing-Programme und der verwendeten Betriebssysteme steigt, bräuchten wir viel mehr Zeit und Ressourcen, um uns auf diese Anforderungsbreite optimal einzustellen. Auch die Erwartungen der Kunden an die Bearbeitungszeiten insbesondere bei Übersetzungen sind gestiegen. Wir versuchen, mithilfe unserer digitalisierten Auftragssteuerung eine immer zügigere Erledigung von Aufträgen zu ermöglichen.

Was hat Euch bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Für uns ist es als Dolmetscherinnen und Übersetzerinnen natürlich von unschätzbarem Vorteil, dass das Internet uns einen so schnellen und guten Zugang zu fast allen Informationen liefert, die wir beim Arbeiten brauchen. Dadurch ist die Produktivität und Effizienz unserer Arbeit enorm gestiegen! Auf der anderen Seite ist es sehr nervig für uns, wenn wir uns auf das Internet verlassen und dann das WLAN ausfällt oder wir an einem Konferenzort nicht online gehen können. Da steht man manchmal ganz schön auf dem Schlauch.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdet Ihr gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Es wäre toll, wenn ein cloudbasiertes Terminologieverwaltungsprogramm für Dolmetscher auf den Markt käme, das sowohl unter Windows als auch unter iOS läuft, online und offline zur Verfügung steht und in das man auch große bestehende Datenbanken mit vielen Feldern bzw. Spalten importieren könnte! Die bislang erhältlichen Systeme decken nicht alle Anforderungen gleichzeitig ab, sind oft nicht auf die Verwendung in einer Dolmetschsituation optimiert oder arbeiten mit einem umständlichen Synchronisationsprinzip, z.B. über die Dropbox. Ein weiteres Problem: Die zurzeit erhältlichen Lösungen sind teilweise auch bei schnellem Internet trotzdem noch viel zu langsam beim Abruf der Informationen, wenn die Datenbank, aus der die Informationen abgerufen werden, sehr groß ist.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

http://blog.sprachmanagement.net/.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat 

http://aiic.net/page/7229/interpreter-midlife-crisis/lang/1. Ein sehr anschaulicher Artikel, der einen guten Einblick in die Welt der Konferenzdolmetscher gibt. Absolut lesenswert!

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Kerstin Plehwe, einer der Gründerinnen der ASTRAIA Female Leadership Foundation, die wir übrigens ebenfalls unterstützen. In einer Reihe spannender Interviews geht die Autorin der Frage nach, was Menschen erfolgreich macht und welche Fähigkeiten Frauen haben, die ganz nach oben gekommen sind. Kerstin Plehwe ergründet, wie Top-Managerinnen, Spitzenpolitikerinnen, Nobelpreisträgerinnen, Olympiasportlerinnen und Unternehmerinnen über die wichtigen Fragen des Lebens denken.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast 

Als Dolmetscherinnen verbessern wir nicht nur mit jedem Einsatz unsere Fähigkeiten auf sprachlicher und terminologischer Ebene, sondern wir nehmen auch oft inhaltlich etwas mit. Uns hat insbesondere die E-Commerce-Konferenz Etail Deutschland inspiriert, die jährlich in Berlin stattfindet. Dort haben wir uns bei den Vorträgen, die wir gedolmetscht haben, über neue Trends in der Online-Wirtschaft informiert und haben verstanden, wohin die Trends gehen. Das ist ja auch für unseren eigenen Internetauftritt wichtig. Bislang hielten wir zum Beispiel eine mobile Webseite oder auch nur ein responsives Design für unsere Seite für nicht so wichtig. Aber inzwischen denken auch wir über eine Umstellung nach, denn in der Zukunft werden wir selbst, unsere Kunden, Kollegen und Geschäftspartner das Internet wahrscheinlich hauptsächlich mobil nutzen!

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Wir verwenden seit rund zehn Jahren auch ein elektronisches Steuerungssystem für Geschäftsprozesse in Übersetzungsunternehmen, den Plunet Business Manager. Mit diesem inter- und intranetbasierten System haben wir jederzeit den vollen Überblick über alles, was im Unternehmen passiert: Kunden- und Mitarbeiterdaten, Angebote, Aufträge, Rechnungen, Marketingaktionen. Selbstverständlich nutzen wir dieses System auch mobil und können unseren Auftragseingang auch bequem abrufen, wenn wir gerade in Stockholm im Dolmetscheinsatz oder auf den Kanarischen Inseln im Urlaub sind.

Mit welchem Experten würdet Ihr am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Unser wichtigster Experte ist unser SEO-Manager – denn ohne Google, Keywords und Adwords können wir unsere Kunden nicht erreichen! Wir geben viel Geld für unsere Internetpräsenz aus, denn wir haben im Bereich SEO und SEM selbst keine nennenswerte Expertise. Von daher brauchen wir immer Unterstützung, um unsere Keywords zu optimieren und die Sichtbarkeit und Nutzbarkeit unserer Seite zu verbessern. Auch wenn man auf unserer Seite nicht wie bei Ebay oder Amazon shoppen geht, ist das extrem wichtig.