Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Sebastian Fiebiger – naanoo.com

Sebastian Fiebiger naanoo.comWer ist Sebastian Fiebiger? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Während ich mir lange Zeit in der Rolle des Jungunternehmers zu gefallen wusste, muss ich mir jetzt – mit knapp 40 – wohl andere Rollenbilder suchen. Ich weiß nicht, ob es mit mittlerweile 17 Jahren als Internetunternehmer zum „Urgestein“ reicht, aber ich kann schier endlose Geschichten von Modems, Disketten und AOL-CDs erzählen.

Schon während des Studiums der Wirtschaftsinformatik habe ich mit einem Schulfreund

mein erstes Unternehmen gegründet. Seit 2004 führe ich als „Alleinherscher“ mein eigenes Unternehmen, das sich ganz dem Aufbau und Betrieb von werbefinanzierten Onlinemedien widmet.

In den Anfangsjahren habe ich immer wieder parallel als freier Autor (bspw. für die Freenet AG) und Dozent gearbeitet.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich habe einen Lieblingschinesen, bei dem ich seit Jahren immer wieder das gleiche Gericht ordere und mich hartnäckig gegen Interventionen, doch mal etwas anderes auszuprobieren, wehre. Außerdem stehe ich total auf Katzen, Wölfe und Daytrading.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir entwickeln und betreiben werbefinanzierte Onlinemedien. Seit einiger Zeit konzentrieren wir uns dabei fast vollständig auf unser Flagschiff naanoo.com.

Als verlagsunabhängiges Medium können wir unsere Strategie frei von Altlasten und internen Zwängen entwickeln. Auch technisch entwickeln wir unsere Portale in Eigenregie, was für sehr kurze Reaktionszeiten bei der Umsetzung neuer Ideen sorgt.

Auch wenn das vielleicht esoterisch klingt, aber unsere Superpower ist ganz klar unser Durchhaltewillen. Wir geben nicht auf. Niemals! Wir hinterfragen uns ständig selbst und versuchen jeden Tag ein bisschen besser zu werden.

Andere Superkräfte braucht man nicht!

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Als Google im August 2011 das erste Panda-Update ausgerollt hat, das Webseiten mit flachen und oberflächlichen Inhalten erkennen sollte, hat uns das einen harten Schlag versetzt. Von heute auf morgen haben wir rund 30 Prozent unseres Traffics verloren.

Aber innerhalb weniger Monate konnten wir uns unsere Besucher zurückerkämpfen.

Nachdem wir das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, über Bord geworfen haben, sind wir in eine ehrliche Analyse gegangen und mussten feststellen: Google hat recht! Weit über 90 Prozent unserer Inhalte hatten nicht die Qualität, die ein Besucher im Jahr 2011 erwartet.

Da es unmöglich war, mehrere hunderttausend Artikel zu überarbeiten, mussten wir wie Aschenputtel die guten von den schlechten Inhalten trennen. Dass das nicht immer leicht ist, weiß Jeder, der schon einmal versucht hat, seinen Kleiderschrank oder das Bücherregal auszumisten.

Wir haben uns für eine Lösung nach dem Pareto-Prinzip entschieden, bei der wir zunächst großzügig alles über Board geworfen haben, was irgendwie fragwürdig war – auch auf die Gefahr hin, dabei gute Inhalte zu erwischen. (wir fischen noch heute im Pool der minderwertigen Artikel, um Themen zu finden, deren Neuauflage oder Überarbeitung sich lohnt)

Es stellte heraus, dass – obwohl wir unsere Inhalte auf nur noch rund 5 Prozent der Ausgangsmenge reduziert hatten – unser Traffic über das Ursprungsniveau hinauswuchs.

Ehrlich in der Beurteilung der eigenen Arbeit zu sein und die nötigen Konsequenzen ohne Zögern zu ziehen, war sicher das „Geheimnis“ dieses Erfolges.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Eine Digitalisierung hat es bei uns im Grunde nicht gegeben. Wir sind Kinder einer digitalen Welt und arbeiten von Anfang an vollständig digital. Drucker, Telefone und Aktenordner gibt es bei uns nur in dem Umfang, wie der Gesetzgeber es verlangt.

Unsere Arbeitsorganisation erfolgt vollständig online.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Die größte politische Herausforderung ist der Spagat zwischen sinnvoller Regulierung des Netzes und dem Erschlagen jeder Entwicklungschance. Bislang hat die Politik da keinen guten Job gemacht.

Die Gesellschaft tut gut daran, ihre Werte auch online zu verteidigen und Angriffen auf das freie Netz energisch entgegenzutreten.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Der deutsche Internetmarkt hat gelernt, mit dem Google-Monopol zu leben. Trotzdem ist das eine permanente Gefahr, die über vielen Unternehmen schwebt.

Für die allermeisten Nutzer ist der Google-Suchschlitz „das Internet“. Wer bei Google in Ungnade fällt, findet de facto nicht mehr statt.

Ich sehe da allerdings wenig Hoffnung für Besserung. Im Gegenteil. Die Politik gibt sich alle Mühe, bspw. die Etablierung einer deutschen Suchmaschine zu behindern. Während sich Google – der eigentliche Adressat des Leistungsschutzrechts – mit Hilfe seiner Marktmacht schwungvoll aus den Fängen dieser Regelung befreit hat, macht es Neugründungen von Suchmaschinen in Deutschland nahezu unmöglich.

Man wollte die Verlage unterstützen, hat aber vor allem Google dabei geholfen, sich lästige Konkurrenz vom Leib zu halten.

Herausforderung für unseren Markt:

Der Markt der Onlinemedien sucht nach neuen Geschäftsmodellen jenseits der Werbung. Einige große Verlage meinen, ihr Heil im Paid Content gefunden zu haben. Für uns ist das derzeit noch kein Thema und wäre erst dann interessant, wenn es wirklich breit aufgestellte Abrechnungssysteme für Inhalte gibt, die einfach handhabbar sind.

Herausforderung für unsere Firma:

Wir haben vor allem zwei Herausforderungen zu bewältigen. Zum einen wird der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Nutzer im härter. Selbst Google spielt dort zunehmend mit eigenen Inhalten mit.

Zum anderen wird die Monetarisierung der Benutzer schwieriger. Gerade auf mobilen Endgeräten planen Suchmaschinen, Provider und Softwarehersteller, Werbung zu blockieren.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Faszinierend finde ich noch immer die zunehmende Vernetzung der Menschen. Heute wird viel mehr kommuniziert. Der Austausch mit Gleichgesinnten ist schneller, einfacher und intensiver.

Ärgern tun mich vor allem die Angriffe auf die Freiheit des Netzes. Regierungen und Konzerne versuchen die Liberalisierung von Informationen und Kommunikation zurückzudrehen. Und sie sind damit heute erfolgreicher als noch vor 5-6 Jahren.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Das „Altern“ ist eine ziemlich schreckliche Krankheit. Sie ist schleichend, unaufhaltsam und endet immer mit dem Tod. Die Verfallsprozesse des menschlichen Körpers aufzuhalten, ist eine spannende Aufgabe. Es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen, die daran arbeiten. Ich hoffe, sie sind erfolgreich. Und das bald 😉

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Meine Lieblingsmedien sind Twitter und Facebook. Hier habe ich mich intensiv mit der Branche vernetzt und finde mehr, als ich lesen kann.

Positiv fällt mir immer wieder Meedia auf. Lange Zeit war ich auch t3n-Fan. Seit sich da aber Ungenauigkeiten, Clickbaiting und Listen im Buzzfeed-Style häufen, ist das immer weniger mein Medium.

http://www.termfrequenz.de/podcast/seo-house/) nicht vorbei.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

https://www.youtube.com/watch?v=pdtAYcw4bd4)

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Hans Wall: Aus dem Jungen wird nie was …

Alice Schroeder: Warren Buffett

Filmisch schließe ich mich den Empfehlungen von US-Investor Jason Calacanis an: „Black Hawk Down“ und „Gladiator“ sind erstklassige Motivationsfilme für Unternehmer. „Risiko“ (OT: Boiler Room) ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Ich bin kein großer Freund von Business-Events. Wenn ich Spaß haben will, nutze ich die kostbare Zeit dafür lieber mit Freunden und Familie. Und der geschäftliche Nutzen solcher Veranstaltungen wird maßlos überschätzt.

Wir setzen auf Treffen in der kleinen Runde eines „Inner Circle“, den wir uns in den vergangenen Jahren aufgebaut haben.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Ich mag Yammer als unternehmensinternes Social Network. Gerade für Unternehmen wie unseres, das vollständig über das Netz arbeitet, ein Must-Have.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Mit den „Experten“ habe ich in der Onlinebranche so meine Schwierigkeiten. Dieses Wort ist für mich inzwischen eher ein Synonym für „Dampfplauderer“ als für echte Expertise.

Den Machern von BILD.de, heftig.co, VICE oder Oliver Samwer würde ich aber schon mal gerne über die Schulter gucken.