Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Hans-Joachim Jauch – KV&H / CALVENDO

Hans-Joachim Jauch KV&H / CALVENDOWer ist Hans-Joachim Jauch? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

CALVENDO ein schlank organisiertes, technikorientiertes Start-up mit ca. 60.000 verfügbaren Artikeln.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Seit über 20 Jahren stehe ich früh morgens auf, um ca. 45 Minuten lang Sport zu machen, im täglichen Wechsel Kardio (Rad, Jogging, Langlauf) und Krafttraining. Diesen persönlichen Termin versäume ich so gut wie nie, auch nicht, wenn bei einer Dienstreise der Abflug um 6.00 Uhr ist.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

www.calvendo.com) bespielen wir den gesamten Kalendermarkt, B2C sowie B2C, short tail bis ultra long tail. Wir bieten mit Abstand den besten Service und sind für unsere Kunden (Rechteinhaber bis Kalenderkäufer) von Auflage 1 bis über 500.000 Exemplare (z.B. für Discountmärkte) aktiv.

KV&H ist mit den Marken Heye, Weingarten und Harenberg der „500 Pound Gorilla“ im europäischen Verlagskalendergeschäft. Unsere Marktführerschaft basiert primär auf exzellentem Vertrieb, effizienter Logistik von Saisonware sowie gefragten Lizenz- und Qualitätskalendern (Starwars, Minions, FC Bayern, Mordillo).

CALVENDO ist der automatisierte Verlag. Der Unternehmen ist seit 2012 mit einer weltweit einmaligen Self-Publishing-Plattform für Gestalter online (www.calvendo.com). Bei uns kann jeder aus seinen Bildern Kalender layouten und veröffentlichen: mit Honorar, ohne finanzielles Risiko. Eine Jury prüft die Werke der Urheber und gibt sie zur Veröffentlichung frei, wenn sie die geforderten Qualitätsstandards erfüllen. CALVENDO-Werke erhalten eine ISBN-Nummer und werden im On- und Offline-Buchhandel etc. verkauft. Den Druck, den Vertrieb und die Abrechnung übernimmt CALVENDO.

CALVENDO ist ein Enabler und Dienstleister, den Gestaltungsprofis und Foto-Amateure genauso nutzen wie Firmen. Auch Fremd-Verlage sind dabei. Wir haben uns mit über 60.000 Artikeln von mehr als 12.000 Fotografen und Künstlern aus 60 Länder im internationalen Kalendergeschäft etabliert. Das Wachstum kommt daher, weil wir kreativen Menschen, die den Markt durch außergewöhnliche Werke bereichern, zu Anerkennung und Geld verhelfen, eine offene Publikations-Plattform sind und dafür maßgeschneiderte Technologien entwickelt haben.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart?

CALVENDO wurde von mir als Ergänzung zu KV&H mit einer separaten Mannschaft auf der grünen Wiese nach der Blue Ocean Strategie (siehe das Buch von Renée Mauborgne und W. Chan Kim) aufgebaut. Wir haben bewusst überlegt, welche Elemente des klassischen Kalenderverlagsgeschäfts zukunftsfähig und welche eher suboptimal sind. Dann haben wir eine unbekannte Alternativroute eingeschlagen, die sich durch folgende Erfolgsfaktoren auszeichnet:

Wir machen durch die offene Plattform kreative Menschen glücklich, weil wir ihnen als Enabler eine seröse Veröffentlichungs- und Vermarktungsmöglichkeit bieten.

Wir kombinieren traditionelle Verlagsaufgaben mit top-moderner Internet- und Automatisierungstechnologie, Print on demand (POD) sowie digital organisierten Communities zu einem internationalen Long Tail-Businessmodell.

Wir arbeiten partnerschaftlich mit den klassischen Vertriebspartnern (primär Buchhandel) für Kalender sowie innovativen Händlern (Online etc.) zusammen.

Unsere effiziente Produktion und Lieferkette ermöglicht maximale Diversifikation im Angebot

Ein keines Top-Team aus erfahrenen Spezialisten, deren Aufgabe es ist, Herausforderungen so einfach wie möglich und so komplex wie nötig zu bewältigen.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Ich glaube, dass unsere freiheitlich demokratische Grundordnung, zu der die soziale Wirtschaft gehört, auch in Zukunft funktioniert, wenn es passende Regeln gibt. Jede Überregulierung ist aber zu vermeiden, weil sie die individuelle Freiheit einschränken und ggf. in einer globalisierten Ökonomie Wettbewerbsnachteile bringt. Der Staat hinkt mit seinen Regelungsanstrengungen den Entwicklungen im Internet hinterher. Ich erkenne eine Tendenz der Legislative darauf mit Überregulierung zu reagieren, um Scheinsicherheit zu erzeugen. Nationale Einzelregelungen sind Stückwerk. Die Lösung liegt meiner Meinung nach in einer Art supranationalem Internet-Grundgesetz.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Das deutsche Bruttosozialprodukt beruht zu einem großen Teil auf geistiger Arbeitsleistung. Wir haben viele gut ausgebildete und kreative Köpfe. Unser Land hätte hervorragende Voraussetzungen, um eine führende Rolle in der globalen Netzwirtschaft einzunehmen. Die Realität sieht leider anderes aus. Das Internet wird verbreitet nur als Bedrohung betrachtet. Ein Land, das so auf Sicherheit setzt, hat zu viele saturierte Zauderer und kaum Risikokapitalgeber. Wir brauchen hier mehr Migranten, die den Willen haben, aus dem Nichts etwas zu erschaffen. Dafür muss sich Deutschland als attraktives Zuwanderungsland für gesuchte bzw. andernorts verfolgte Menschen positionieren. Wir brauchen ein wirtschaftsförderliches Zuwanderungsgesetz mit integrativen Elementen.

Herausforderung für unseren Markt:

In den letzten Jahren sind erfreulicherweise in D/A/CH die Buchhandelsumsätze mit Verlagskalendern weiter gewachsen, obwohl der stationäre Buchhandel in einer schwierigen Situation ist. Wir erwarten weitere Verkaufsflächenreduzierungen, die sich in absehbarer Zeit negativ auf den Branchenumsatz auswirken. Darauf werden die Verlage mit unterschiedlichen Konzepten reagieren. In England hat eine ähnliche Entwicklung rasch zur Marktkonsolidierung geführt.

Herausforderung für unsere Firma:

Bei KV&H und CALVENDO haben wir innovative Wege und Technologien entwickelt, die auch in anderen Branchen erfolgreich eingesetzt werden könnten. Dafür suchen wir aktuell nach zukunftsorientierten Partnern, die Know-how und Zugänge aus ihren wirtschaftlich attraktiven Märkten mitbringen. Wir sind offen für Vorschläge und Kooperationsangebote.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Mich schockiert, wie etliche Menschen auf sozialen Plattformen etc. die Anstandsformen und das Unrechtsbewusstsein verlieren. Was an Pöbeleien, Mobbing und kriminellen Energien freigesetzt wird, ist unwürdig. Mich freut dagegen, welche Chancen sich auftun, z.B. wenn kreative Davids mit innovativen Businessmodellen über das Netz träge Goliaths durchrütteln.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Wie wäre es mit „Weltfrieden“? Ok, Spaß beiseite. Ich fahre privat gerne Auto, aber meinen beruflichen Mobilitätsbedarf würde ich ab der Haustür einem Anbieter überlassen, der die optimale Verbindung aus Individualverkehr und öffentlichem Transport realisiert. Und das bitte ohne Wartezeiten und mit möglichst wenig Umsteigen plus einen angenehmem Ambiente im Verkehrsmittel.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Das ist Flipboard. Darüber bekomme ich täglich in guter optischer Aufbereitung die wichtigsten News und Trends serviert.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

Hier ein herrlich launiger Kommentar eines alten Zeitungsmanns auf die Frage einer Studentin, wie man als Journalist selbst zur Marke wird.
http://www.washingtonpost.com/lifestyle/magazine/gene-weingarten-how-branding-is-ruining-journalism/2011/06/07/AGBegthH_story.html

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Es gibt etliche Bücher, die meine Arbeit beeinflussen. Wenn ich eines besonders empfehlen kann, dann ist es „ Oben bleiben. Immer.“ von Jim Colins und Morten T. Hansen. Die Autoren beschreiben darin, welche Faktoren Unternehmen langfristig extrem erfolgreich machen. Das sollten auch junge Gründer lesen, um von Anfang an eine Erfolgskultur im Unternehmen zu implementieren.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Eindeutig TED. Ich liebe die vielfältigen TED-Talk-Videos, weil sie meinen Horizont erweitern.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

MS Outlook. Kommunikation und Organisation in einem Tool. Genial.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Mit dem amerikanischen Autor, Firmengründer und Vordenker Chris Anderson. Seine drei Bücher „The Long Tail“, „Free“ und „Markers“ haben mein Verständnis von der Internet-Ökonomie stark geprägt. Bei CALVENDO haben wir etliche seiner Thesen in die Realität umgesetzt und mich würde natürlich interessieren, wie er unser  Business-Modell weiterentwickeln würde.