Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Randolf Hillebrand – brandbuero Media Attention Media Inc.

Randolf Hillebrand brandbuero Media Attention Media Inc.Wer ist Randolf Hillebrand? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin Anfang 40 und lebe seit 11 Jahren in Los Angeles. Von den USA aus leiste ich täglich den Spagat zwischen Kalifornien und meinen Kunden in Deutschland.

Vor 13 Jahren habe ich die brandbuero Media GmbH in Köln gegründet, eine Performance Marketing Agentur, die sich auf Lesergewinnung für Zeitungen und Zeitschriften spezialisiert hat. Damals wussten viele Kunden mit dem Begriff Leadmarketing noch nichts anzufangen. Wir haben da etwas Pionierarbeit geleistet und heute betreut das brandbuero Dutzende Verlage in Deutschland.

In 2004 wurde aus einem Projekt in Los Angeles eine dauerhafte Einrichtung und seitdem lebe und arbeite ich in Kalifornien und bekomme auch einiges vom Silicon Beach mit – so nennt sich die Tech- und Startup Szene in LA. Die Jahre in Kalifornien haben mir einen kleinen Vorsprung hinsichtlich Trends und Innovationen beschert, aber auch meine Einstellung zu Entrepreneurship verändert und eine Außenperspektive auf Deutschland beschert.

Ganz aktuell habe ich Attention Media Inc. gegründet, eine Full Service Programmatic Marketing Agentur. Seit Jahren beobachte ich die Entwicklungen im Real Time Advertising und denke, dass sich Programmatic Marketing zum Standardsystem für digitales Marketing entwickeln wird. Außerdem wird in den nächsten Jahren TV-Werbung zunehmend programmatisch verkauft werden. Darum jetzt die Neugründung in den USA.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Da wir zuhause drei Sprachen sprechen – meine Frau Französisch, meine Kinder Englisch und ich Deutsch – geht es sprachlich drunter und drüber. Ich wiederhole meine auf Deutsch gesprochenen Sätze oft direkt ins Englische, um sicherzugehen, dass meine Kids das auch verstanden haben. Einen Spleen würde ich es nicht nennen, aber für einen Außenstehenden mag das komisch sein.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Programmatic Marketing ist wie Autorennen. Mit einem schnellen Wagen alleine gewinnt man keine Preise. Es benötigt einen Rennstall mit Strategie, in dem ein ausgezeichnetes Team konzentriert am Erfolg arbeitet. Unsere Stärke liegt darin, dass wir als Full Service Agentur wie ein Rennstall arbeiten: Wir haben mit doubleclick Bid Manager eine hervorragende Technologie für Real Time Advertising lizensiert. Unsere Trader sind erfahren und nehmen sich bei jeder Kampagne viel Zeit für Strategie und Optimierung. Wir haben kreative Designer, die HTML5 Werbemittel erstellen, die eine hohe Aufmerksamkeit und klasse Response erzielen. Und unsere Campaign Manager sorgen dafür, dass Kommunikation und Projektmanagement wie geschmiert laufen.

Beim Geschäftsfeld Leadmarketing für Verlage liegt unsere Superpower im unbeirrbaren Glauben, dass es eine Zukunft für Qualitätsjournalismus gibt und wir unseren Kunden helfen, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern, damit es weiterhin ausgezeichnete Publikationen gibt, die uns informieren, inspirieren oder einfach nur unterhalten.

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum? 

Beeindruckt hat mich der Siegeszug von Netflix. Innerhalb weniger Jahre haben die den amerikanischen DVD-Verleiher Markt aufgerollt. Für mich ist Netflix ein Best Practice dafür, wie man mit Innovation und Kundenfreundlichkeit einen Markt erobern kann.

Vor Netflix beherrschte Blockbuster als Platzhirsch den DVD-Verleih mit 9.000 Filialen und 60.000 Angestellten. Netflix war bequemer, freundlicher und einfach besser als Blockbuster und die Abonnentenzahlen wuchsen immens schnell. Blockbuster schrumpfte entsprechend und musste in 2010 Konkurs anmelden. Heute freut sich Netflix über 65 Millionen Abonnenten weltweit. Eine verrückte Geschichte, vor allem weil sich Netflix im Jahr 2000 zum Kauf angeboten hatte. Blockbuster schlug damals aus – was für eine Fehlentscheidung.

Heute ist Netflix über den reinen DVD-Verleih hinausgewachsen und macht als Streaming-Anbieter mit eigenen Produktionen anderen On Demand Diensten wie Amazon, Hulu, HBO und Showtime Konkurrenz.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Digitalisierung ist ein fortschreitender Prozess, der in alle Bereiche unseres Lebens Einzug gehalten hat. Ich persönlich empfinde das oft bereichernd, manchmal aber auch unangenehm. Digitalisierung ist spannend, egal ob man diese bewusst oder unbewusst erlebt. Ich bin in den 70ern in einer komplett anderen Welt aufgewachsen als meine Kinder heute. Für die ist Digitalisierung und Innovation so selbstverständlich wie für mich als Kind der Kaugummiautomat an der Ecke.

Als ich in 2002 das brandbuero als Online Marketing Agentur gründete, war Digitalisierung sozusagen das Kerosin im Motor, unsere DNA. Die Herausforderung liegt seit jeher darin, mit den Innovationen im digitalen Marketing Schritt zu halten und abzuwägen, welche Neuerungen für unser Business relevant sind. Man möchte ja keine Chance verpassen, weil man zu faul ist, sich mit neuer Software, Hardware oder einem Startup auseinander zu setzen.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, den Staat:

Deutschland hat in den letzten Jahren bewiesen, dass es politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Herausforderungen ordentlich meistern kann. Ich würde mir wünschen, dass man sich traut, mehr internationale Verantwortung zu übernehmen und auch mal etwas lauter aufzutreten, wenn zum Beispiel publik wird, dass die NSA systematisch deutsche Bürger ausspioniert.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschand und Europa:

Die großen Namen der Netzwirtschaft – Google, Apple, Amazon, Microsoft, Facebook – aber auch global Player, die andere Branchen digital revolutioniert haben – Netflix, Uber, Airbnb, Tesla – kommen alle aus den USA. Deutsche oder europäische Unternehmen spielen keine Rolle. Der Grund für diese Stärke liegt in der Kultur der USA. „Think Big“ zieht sich durch alle Schichten der amerikanischen Gesellschaft und der Drang zum Erfolg ist allgegenwärtig. Und niemand hat große Angst vorm Scheitern. Wer eine gute Idee hat und diese verkaufen kann, findet Geldgeber und Gleichgesinnte, die das Projekt finanzieren und mit Know-how unterstützen. Amerikaner lieben Erfolgsgeschichten; alle sagen „Ja, toll!“. In Deutschland sagen alle „Ja, aber…“.

Herausforderung für unseren Markt:

Bot Traffic, Malware, Ad Injection – Fraud ist ein großes Problem im Geschäft mit Anzeigen. Allein dieses Jahr fließen über 6 Milliarden US-Dollar in die Taschen von Kriminellen. Dagegen muss sich die Werbeindustrie wehren. Google macht den Anfang und hat in London eine 100 Mann starke Anti-Fraud Einheit gegründet. Ich bin gespannt, ob es wirkt.

Fraud ist aber nicht nur ein Problem der Werbung. Es ist ein Phänomen der Digitalisierung, da Kriminalität im Netz lukrativ ist und Straftaten kaum geahndet werden. Mit Kreditkartenklau, Identity Theft und Drogenhandel werden jährlich Milliarden verdient, ohne dass die Verantwortlichen zur Strecke gebracht werden.

Herausforderung für unsere Firma:

Auf unsere Jobanzeigen bewerben sich keine guten Leute. Es dauert oft Monate bis wir eine Stelle besetzen können. Aber das Problem haben ja momentan viele Unternehmen.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Es macht mich wahnsinnig, wenn ich einen Flug oder ein Hotel buche und ganz zum Schluss gibt es eine Fehlermeldung.

Ich freue mich über Spotify und Pandora. Ich entdecke jeden Tag neue Musik.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest Du gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Passwörter. Ich wünsche mir ein sicheres System, damit ich meine 100 verschiedenen Passwörter für immer löschen kann.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

springwise.com.

Inspiration ziehe ich auch aus The Economist. Die erklären nämlich, warum Dinge geschehen und was als nächstes passiert. Das hilft mir, Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik besser einzuordnen.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

Tim Urban erklärt die Generation Y:

http://www.welt.de/icon/article133276638/Warum-die-Generation-Y-so-ungluecklich-ist.html

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

The Art of War. Sun Tzu hat das Buch vor 2500 Jahren geschrieben und es ist immer noch aktuell, da es sich grundlegend mit Strategie beschäftigt. Ein weiser Spruch als Beispiel: Don’t get drawn into battle – lass Dich nicht unvorbereitet auf eine Auseinandersetzung mit einem Konkurrenten ein.

Eine Veranstaltung, auf der Du wirklich etwas dazu gelernt hast:

Auf der adtech 2015 in San Francisco gab es gute Panel zu Programmatic Marketing sowie zur Generation Z. Das war spannend.

Das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software

Mit skype verbindet mich eine Hassliebe. Aber ich benutze es trotzdem täglich mehrere Stunden, um mit Kunden und Kollegen in Deutschland zu kommunizieren.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten 1 Tag zusammenarbeiten und warum?

Jeff Bezos. Ich würde ihn nach seiner Strategie für die Washington Post befragen. Er hat die Zeitung in 2013 für 250 Millionen Dollar Cash aus seinem eigenen Vermögen gekauft. Was hat er mit der Zeitung vor?