Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Peter Post – Scholz & Volkmer

Peter Post Scholz & VolkmerWer ist Peter Post? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Designer. Geschäftsführer ist kein Beruf.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Dreckige Gartenarbeit.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Markenkommunikation mit hoher Selbstbeteiligung.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Aus der letzten Zeit eindeutig „Share a Coke“. Die Etiketten der Flaschen wurden den Kunden, vor allem Teenagern zur Verfügung gestellt um sich mit ihrem Namen selbst dar zu stellen. Die Idee gab es schon mal, aber wir haben es sehr clever digital vernetzt. Das Erfolgsrezept: Alles an dieser Kampagne generierte personalisierte und teilbare Inhalte. Die Flasche verwies auf die digitalen Plattformen und umgekehrt. Über 200.000 geteilte, nutzergenerierte Inhalte mit ca. 12 Millionen Kontakten über earned und owned Media, mehr Sitebesuche als auf MTV im selben Zeitraum, und sogar ein Online-Shop (der erste überhaupt von Coke) in dem man eine Flasche mit seinem eigenen Text bestellen konnte. Das alleine haben über 1 Millionen Leute gemacht. Weil die Zahlen so traumhaft waren, haben wir und Coca-Cola dafür einen goldenen Effie bekommen. So was gelingt einem nicht jede Woche. Aber unsere Superpower „Partizipation“ kam hier gut zum Einsatz.

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum?

„Spent“ von American Express. Es geht um die 30% der Bevölkerung in den USA die wegen Einkommensschwäche keinen Zugang zum Bankensystem haben. 100 Milliarden Dollar gehen der Realwirtschaft verloren, weil diese Menschen zwielichtige Finanzinstitute dafür bezahlen müssen, Geld abzuheben oder zu überweisen. „It’s expensive to be poor“. Amex hat das aufgegriffen, einen Docufilm von Davis Guggenheim darüber drehen lassen, Studien gemacht um das Problem zu verstehen, in einem Thinktank digitale Finanzprodukte für diese Zielgruppe entwickelt und Start-Ups gefördert, die das selbe tun. Denn Digitalisierung ermöglicht kostendeckende Inklusion dieser Menschen. Wir arbeiten bei Scholz & Volkmer nach dem Shared Value Prinzip, das Werte für Marke, Mensch und Gemeinwohl generiert. Der Amex-Case ist diesbezüglich ein Volltreffer. Wenn man dann noch weiß, das Amex eine lang angelegte Marken-Neupositionierung von „exklusiv“ nach „inklusiv“ hinlegen möchte, bekommt man eine Gänsehaut: Alles richtig gemacht!

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Natürlich gehört Digitalisierung als Agentur zu unserem Kernprodukt für Kunden. Da ist von Coca-Cola-Kampagnen bis zu vernetzten Produkten wie Connected Vehicle für Mercedes-Benz oder dem DB Navigator alles dabei. Für uns selbst entwickeln wir regelmäßig Apps um unsere Nachhaltigkeitsstrategie zu treiben: Co2 sparen, Radfahren, Parkplätze besser nutzen, Zeit statt Zeug schenken… Daraus machen wir dann wieder Produkte für unsere Kunden.

Wir betreiben bei uns selbst momentan aber eher Analogisierung als Digitalisierung. Die Eroberung des physischen Raums ist eine riesen Herausforderung. Letztes Jahr haben wir ein Start-Up gegründet, „Kiezkaufhaus“, ein lokaler und emissionsfreier Lieferdienst für den Einzelhandel. Die tägliche Logistik, Sortierung von Lebensmitteln, die eCargo-Bikes die wir einsetzen, Koordination der Fahrer – all das findet in der Agentur statt. Natürlich gibt es hier einen Onlineshop, Social Media Kommunikation und so weiter. Aber der analoge Teil ist die echte Herausforderung.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Reduktive Lebensmodelle attraktiv zu machen. Wachstum, immer „mehr“, Maximierung, das wird nicht mehr funktionieren. Und muß es auch gar nicht, damit es uns gut geht. Aber dieses Modell für eine breite Öffentlichkeit nicht nur akzeptabel, sondern erstrebenswert zu machen, wird eine dicke Nuss.

Wir haben mit Harald Welzer ein Projekt dazu gestartet, „Bilder der Zukunft“. So wie es in den 50ern Bilder von fliegenden Autos und gläsernen Städten unter Wasser gab, die die Bevölkerung auf eine Zukunft technologischer Innovation eingeschworen haben, wollen wir jetzt Bilder schaffen, die eine alternative Zukunft der sozialen Innovation zeigen und Begehrlichkeit dafür wecken.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

„Selektiv wachsen“ halte ich auch für die Netzwirtschaft für relevant. Auch Unternehmen werden lernen müssen nicht mehr zu wachsen, bzw. selektiv zu wachsen und sich zu verändern, ohne größer zu werden. Wir machen das seit einigen Jahren selbst und es war die beste Entscheidung für uns. Größere Systeme umzupolen ist natürlich schwieriger. Sie scheinen zum Wachstum verdammt zu sein. Amazon, AirBnB, Uber, alle haben diesen Anspruch als einziger übrig zu bleiben, um jeden Preis. Das ruft doch erst Regulierung auf den Plan. Dezentrale, lokale Konzepte wären viel besser für alle. Das Netz scheint schnelle Skalierung der „Monopolisten“ zu fördern, war aber eigentlich mal gedacht jedem Knotenpunkt – wie klein auch immer – die selben Chancen zu bieten.

Unser „Kiezkaufhaus“ soll mal in ein genossenschaftliches Modell überführt werden, damit nur die daran verdienen die auch beteiligt sind. Und damit das Geld und die Steuern auch in der lokalen Community bleiben. Das wird nicht leicht. Wir haben verlernt so zu denken. Weil wir immer geil auf das „Next Big Thing“ sind. Dabei müßte es das „Thing next to you“ sein. Nähe kann man nicht kaufen.

Herausforderung für unseren Markt:

Da gibt es viele. Eine die wirklich anstrengend ist: Die so häufig beschworene „Great UX – User Experience“. Kunden schreiben schnell mal „Nutzerzentrierung“ in ein Briefing, und Agenturen nicken dann freudig. Daß dann aber wirklich „great“ auf die Straße zu bekommen ist ein Weg durch ein tiefes Tal der Tränen. Für etablierte Marken mit bestehenden Infrastrukturen, internen Fürstentümern und Bedenkenträgern ist das viel schwieriger als für ein Start-Up, das sich neu erfinden kann und sich radikal der UX unterwirft. Die UX wird das eigentliche Produkt. Das haben noch sehr wenige Brick-And-Mortar-Marken verstanden. Das gilt für alles, nicht nur vernetzte Produkte und Plattformen sondern auch Kampagnen. „Seamless“ ist ein Wegwerfbegriff geworden den jeder mal überall drauf kleben kann. Aber wann hatte man selbst mal wirklich diese Erfahrung? Hier liegt noch viel Arbeit.

Herausforderung für unsere Firma:

Beim Thema Digitale Transformation treten immer mehr Wettbewerber in den Markt ein. Klassische Werbeagenturen und Beratungsfirmen. Aber Marken bauen auch selbst um, gründen interne Innovationhubs, stellen UX-Designer ein, kaufen Start-Ups weil sie organische Entwicklung nicht abwarten können oder verschlafen haben. Die Kultur die hier entsteht ist prinzipiell gut. Überall Design Thinking und von oben angeordnete Garagenmentalität. Aber es ist auch viel Innovationspornografie dabei. Ersatzbefriedigung für fehlende, tatsächlich umgesetzte Innovationen. Als digitale Agentur müssen wir hier aber auch nachlegen. Wenn Kunden mehr inhouse machen, brauchen wir neue Formen der Zusammenarbeit um mitspielen zu können. Wir müssen unser Agenturmodell hinterfragen. Auch wir müssen uns selbst „disrupten“ bevor es jemand anders tut. Geschieht uns aber recht 😉

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Mich begeistert das Netz, wenn jemand mit wenig viel erreicht. Egal ob arabischer Frühling oder eine schlaue Social Media Kampagne. Genau so ärgert mich die Anfälligkeit des Netzes für Größenwahn. Es ist ein Spielplatz für neoliberalen Kapitalismus geworden der nur ein paar Jungs im Silicon Valley reich macht. So war es nicht gedacht. Gegenhalten!

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Die Immobilienmaklerbranche hat in meinem Leben gut an mir verdient und wenig für mich getan. Ein digitaler Sargnagel für dieses Geschäftsmodell wäre mir sehr recht.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Fastcompany, und zwar Co.Exist und Co.Design. Die haben den für mich richtigen Filter auf die Welt, schälen den Kern einer Innovation gut heraus und haben ein gutes Verhältnis von Text und Bild, ich bin sehr visuell.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

„Apple Finally Learns AI Is The New UI“ von John Brownlee

http://www.fastcodesign.com/3047199/apple-finally-learns-ai-is-the-new-ui

Die Einsicht, das gutes Oberflächen-Design leichter zu lernen ist als die künstliche Intelligenz unter der Motorhaube hat mich als Designer nervös gemacht.

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Der Roman „Diamond Age“ von Neal Stephenson. Er stellt alle wichtigen Fragen zur Digitalisierung und anderen technologischen Fortschritten die wir noch erleben werden, und beantwortet sie sehr überraschend.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Ich war kürzlich auf dem Future Day vom Zukunftsinstitut, da hab ich von Michael Braungart gelernt daß „Intelligente Verschwendung die Welt rettet“.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

TextEdit

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Bei Tim Brown oder David Kelley bei IDEO mal einen Tag mitlaufen. Alle reden von Design Thinking, sie haben es erfunden. Ich bin überzeugt daß es hier nicht um Methoden geht, sondern um Kultur. Ich wäre gern selbst mal in der Situation meine Ideen von solchen Leuten feedbacken zu lassen, zu erleben wie sie ein Konzept weiter treiben, vor allem aber Ideen verwerfen, das wegschmeißen ist ja meist das schwierigste.