Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Marco Spies – flyiin

Foto: Tilman Schenk/Seapoint

Wer ist Marco Spies? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin 44 Jahre alt und habe zusammen mit dem Franzosen Stéphane Pingaud, CEO und dem Ungarn Daniel Vamosí, CTO das Air Travel Startup flyiin gegründet. Als CPO verantworte ich das Produktteam für den Online-Marktplatz für Flugreisebuchung. Zuvor habe ich in führenden Positionen bei Neue Digitale (heute Razorfish) und bei der Peter Schmidt Group (BBDO) in Frankfurt am Main gearbeitet. 2010 gründete ich zusammen mit Katja Wenger die Innovations- und Designagentur think moto, bei der ich weiterhin Partner in beratender Funktion bin.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Obwohl ich bisher meine gesamte berufliche Laufbahn mit der Gestaltung digitaler Marken und Anwendungen verbracht habe, liebe ich Bücher. Die Leidenschaft für das gedruckte Buch hat sich seit der Zeit meines Literaturstudiums erhalten. Als ich vor einigen Jahren „Branded Interactions“ veröffentlichte, mittlerweile ein Standardwerk zur digitalen Markengestaltung, war es mir wichtig, mit Herrmann Schmidt einen Verlag zu haben, der den Anspruch hat, mit jedem Buch etwas Besonderes zu schaffen. Leider brauchen Bücher Platz und meine „formschöne“ (O-Ton des Herstellers) Horzon-Regalwand wächst alle paar Jahre ein Stück weiter.

Elevator Pitch! Was macht flyiin? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

flyiin ist ein Online-Marktplatz für Flugreisen, auf dem Nutzer Flüge inkl. aller von der Airline angebotenen Services direkt bei der Airline suchen und buchen können. Wir sind überzeugt, dass dieses von uns entwickelte Konzept eines Marktplatzes in Zukunft die Online Travel Agencies (OTAs) wie Expedia und Opodo und Meta-Suchmaschinen (MSEs) wie Kayak und Skyscanner ablösen wird, die heute die einzige Möglichkeit für den Nutzer darstellen, Flüge online zu suchen und zu vergleichen.

Denn anders als bei den bisherigen Online Travel Agencies (OTAs) und Meta-Suchmaschinen hat der Kunde bei uns vom ersten Suchergebnis an volle Kosten-Transparenz. Aufpreise für Gepäckstücke, Ticket-Flexbilität, Sitzplatzwahl etc. werden schon bei der Suche angezeigt. Weitere Vorteile: es gibt keine ungültigen Flüge (ein häufiges Problem der OTAs und MSEs) und keine Unklarheiten bezüglich des Customer Service. Dabei kann der Nutzer alle Airlines mit der jeweiligen Flight Experience in einer einzigen, sehr einfach zu bedienenden Umgebung vergleichen, ohne zwischen diversen Airline-Websites wechseln zu müssen.

Möglich ist das durch einen von uns komplett neu entwickelten Gateway, der die APIs der verschiedenen Airlines aggregiert und die Suchanfragen und Angebote zwischen Marktplatz und Airline in Echtzeit verwaltet. Die Inhalte der Airlines werden über einen neuen Industrie-Standard, New Distribution Capability (NDC) verschickt, den die IATA, der Dachverband der Airlines vor zwei Jahren verabschiedet hat.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

In der Air Travel Branche ist lange nichts wirklich Neues passiert. Das Konzept der Metasuchmaschinen wie Skyscanner und Kayak ist mittlerweile 10 Jahre alt. Die ersten OTAs gab es bereits vor 20 Jahren. Die Technologie, auf der beide Konzepte aufbauen, die sogenannten Global Distribution Systeme (GDS), sind fast 30 Jahre alt. In all dieser Zeit der digitalen Buchung von Flugreisen ist es nicht gelungen, die Zusatzleistungen der Airlines anzubieten und Transparenz für den Nutzer zu schaffen. Übrigens ein Grund, warum die Lufthansa seit einiger Zeit eine Ticketgebühr von 16 EUR bei allen Buchungen über ein GDS erhebt. British Airways und Iberia werden ab November 2017 ebenfalls 8 Pfund auf Nicht-NDC Buchungen aufschlagen.

Uns dagegen ist es in weniger als einem Jahr gelungen, einen funktionierenden Prototypen zu bauen, bei dem wir aktuell bereits 10 Airlines angebunden haben. Wir planen den Launch einer Private Beta Version im Sommer. Pilotmarkt ist Deutschland. Mit der Lufthansa Group und Air Berlin haben wir bereits Verträge, vier weiteren Airline-Partner werden wir in den kommenden Wochen bekannt geben. In der Pipeline für die sukzessive Anbindung sind ein gutes Dutzend weitere Airlines, darunter die wichtigsten Player in Europa und Nordamerika, aber auch einige südamerikanische Airlines, sowie Fluglinien aus Nahost.

Warum wir erfolgreich sein werden? Ich glaube wir haben schon jetzt unsere Umsetzungsstärke bewiesen, denn wir haben in kürzester Zeit mit sehr limitierten Mitteln enorm viel erreicht. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist aber auch unser Fokus auf partnerschaftlichen Umgang und Kollaboration mit den Airlines, den diese sehr zu schätzen wissen. Aber vielleicht am wichtigsten ist: die Ausdauer, die es braucht, um einen kompletten Markt zu verändern.

Zum Journal „Dax Digital“.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Die große gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit besteht wahrscheinlich darin, in einer globalisierten Welt, in der die unterschiedlichsten Meinungen, Überzeugungen und Geisteshaltungen aufeinander treffen, uns auf eine gemeinsame Wertebasis zu einigen, die die weitere friedliche Koexistenz der Menschheit sichert. Das wird letztlich auch die Grundlage sein für eine neue Art des Wirtschaftens: wir werden einen Weg finden müssen, Nach- und Werthaltigkeit, also Qualität, zu fördern. Für die Netzwirtschaft heißt das konkret: transformationale Produkte schaffen, die das Leben tatsächlich einfacher und ein Stück weit besser machen, statt nur Komplexität hinzuzufügen und Bedürfnisse da zu generieren, wo es eigentlich keine gibt.

Die Aufgabe im Travel Markt ist klar: es fehlt eine Champion Brand für Air Travel, die diesen Markt so transformiert,wie es AirBnB für Accomodation und UBER für Transportation getan haben. Diese Marke wollen wir mit flyiin schaffen. Die konkrete Herausforderung für mich und meine Position in den nächsten Monaten wird darin bestehen, das aktuelle Momentum zu nutzen, die Finanzierung für flyiin zu sichern und in der Beta Phase zu beweisen, dass wir ein Produkt mit der genannten Qualität auch am Markt etablieren können. Eine konsequente Nutzerorientierung im Produktdesign und ein partnerschaftlicher Umgang mit der Anbieterseite halten wir für den richtigen Weg.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Das Internet verlängert die Realität in einen globalen virtuellen Raum und funktioniert dabei wie ein Hohlspiegel. Alles Gute und alles Schlechte unserer Gesellschaft wird darin in Vergrößerung sichtbar. Offensichtlich ist diese doppelte Qualität am ehesten in den Sozialen Medien. Facebook und Co. lassen uns über weite Entfernungen und auch Zeiten mit Menschen in Verbindung bleiben, die wir sonst aus den Augen verlieren würden. So gesehen erweitert Facebook unseren Aktionsradius enorm. Gleichzeitig scheint es uns aber auch einzuengen. In der selbst geschaffenen Filterblase unserer Timeline laufen wir Gefahr, den Blick auf die Realität zu verlieren, Fake News auf den Leim zu gehen und uns in einer Art virtuellem Stammtischgespräch zu verfangen.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

…einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Skift, das uns regelmäßige mit News, Trends und Entwicklungen der Branche versorgt.

Medium eine Self-Publishing-Plattform geschaffen worden, auf der ich regelmäßig hochwertige Fachartikel zu den unterschiedlichsten Themen finde.

…einen Artikel / ein Video / …, den / das Du Deinen Kunden empfiehlst

Dokumentarfilm über Steve Jobs und sein Team bei NeXT, das Unternehmen, das er gründete nachdem er von Apple gefeuert wurde. Schaut euch die Szene ab Min. 3:55 an, in seiner Einschwörung des Teams auf die Unternehmenskultur von NeXT wird die enorme Intensität und Ausstrahlung des jungen Jobs sichtbar.

…ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Sprint: How to Solve Big Problems and Test New Ideas in Just Five Days von Jake Knapp und John Zeratsky von Google Ventures hat uns bei flyiin und bei think moto inspiriert, ein eigenes Modell für die Arbeit in Wochen-Sprints zu finden.

…das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Slack ist für mich mittlerweile das zentrale Kommunikationstool für die Kommunikation im flyiin Team in Berlin, mit dem Entwicklerteam in Budapest und auch innerhalb von think moto geworden.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal einen Tag zusammenarbeiten und warum?

Bei flyiin haben wir das Glück mit dem Ex-CEO von Air Canada Montie Brewer einen exzellenten Experten in Sachen Air Travel Innovation im Advisory Board zu haben. In Sachen Company Building würde ich mich gerne einmal mit den Gründern von AirBnB, Brian Chesky, Joe Gebbia und Nathan Blecharczyk austauschen.

Tatsächlich finde ich es spannend und sehr bereichernd, gelegentlich Interviews zu führen. Für Branded Interactions sprach ich mit etlichen Designern, z.B. mit Peter Skillman, dem damaligen Produktchef des Nokia N9 oder mit Joachim Sauter von Art+Com. Vor einigen Jahren besuchte ich den deutschen Produktdesigner Gui Bonsiepe in seinem Wohnisitz in Argentinien. Er ist mittlerweile über 80 und hat ein bewegtes Designerleben hinter sich. Viele große Designer, mit denen ich gerne einmal einen Tag zusammenarbeiten würde, leben nicht mehr, Otl Aicher zum Beispiel, aber sie sprechen immer noch durch ihre Arbeiten zu uns.