Interview
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Interview mit Jörg Schneider – Undertone

Jörg Schneider UndertoneWer ist Jörg Schneider? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Undertone und beschäftige mich damit, großflächige, interaktive Sonderwerbeformate skalierbar zu machen. Mir ist es wichtig, Branding-Kampagnen websiteübergreifend und vermarkterübergreifend Werbewirkung nachzuweisen. Vor Undertone war ich in der internationalen Vermarkterlandschaft tätig, habe unter anderem bei Lycos und HiMedia gearbeitet.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich bin ein absoluter Filmfreak. Ich habe ein enzyklopädisches Gedächtnis für Filme und auch Filmzitate. Leider jedoch nur dafür …

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir bei Undertone bieten High-Impact-Formate für Markenwerbung an, die wir über Desktop und Mobile ausliefern können. Unsere Superpower liegt in der individuellen Kreation der Werbemittel bei unendlicher Skalierung. Außerdem kann unsere Kreation auf allen Seiten ausgeliefert werden.

Was macht richtig gute Display-Werbung aus, besonders auf Mobilgeräten? Nenne uns deine Top-3-Zutaten.

Richtig gute Display-Werbung im Branding-Bereich braucht eine Top-Kreation. Marken müssen eine Geschichte erzählen. Außerdem die richtige Platzierung. Die Display-Werbung muss einen kontextuellen Bezug zu der Seite haben, auf der sie angezeigt wird. Nur so sichert man sich das Interesse des Users. Die letzte Zutat ist die richtige Aussteuerung. Die Werbung muss zur richtigen Zeit die richtige Person erreichen.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?  

Am Morgen, nachdem Deutschland 2014 Fußballweltmeister geworden war, haben wir für eine FMCG-Marke eine Kampagne ausgeliefert. Die Brand hat darin den Deutschen zum Sieg gratuliert. Wir haben die komplette Kampagne innerhalb eines Werktags und dem Wochenende davor kreiert und geplant. Die Erfolgsfaktoren waren: Kreation des interaktiven Full-Page-Takeovers, das Timing, die präzise Arbeit und – zugegeben, das hat man nicht immer – diesen tollen Zeitgeistmoment, der die User emotional voll erwischt hat.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Datenschutz und Urheberrecht bleiben weiter Brennpunkte in unserem Business. Die digitale Landschaft und deren Nutzung unterliegen einem konstanten, schnellen und schwer vorhersehbaren Wandel. Das macht es staatlichen, gesetzgebenden Instanzen fast unmöglich, schnell und allgemeingültig zu reagieren, geschweige denn proaktiv zu handeln.

Die Gesellschaft versteht bislang nicht die Pflichten, Verantwortungen und auch die Gefahren, die mit der Freiheit der digitalen Welt einhergehen. Das Ablehnen von Werbung, die schließlich den kostenfreien Internetkonsum ermöglicht, und vor allem die hemmungslose (Weiter-) Verteilung von gefährlichen, hetzerischen und auch illegalen Inhalten sind Indikatoren dafür.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

In Deutschland haben wir viele Herausforderungen. Dem Fachkräftemangel wird mit neuen Bildungswegen entgegengetreten, hier gibt es aber noch viel zu tun. Mit Sorge sehe ich die mangelnde Investitionsbereitschaft. Die allermeisten Investitionen, besonders im Seed-Funding, kommen aus der eigenen Industrie. Aus anderen Industrien kommt wenig Geld, trotz des digitalen Wandels. Start-ups müssen sich mit kleinen Tickets von Business Angels oder kostspieligen Venture Capitals durchschlagen. Viele Innovationen haben so in Deutschland keine Chance, auch in die Tat umgesetzt zu werden. Kein Wunder also, dass Innovationen unserer Industrie fast ausschließlich aus den USA und anderen Ländern kommen. Uns bleibt oft nur die Kopie.

Zudem sind Monopolisten eine Herausforderung für alle Märkte. Gerade sie sind ja so stark, weil sie die Grenzen lokaler Märkte überschreiten können und globale Präsenz und Skalierung schaffen. Hier schließt sich der Kreis zu den mangelnden Investments in Deutschland. Skalierung in Deutschland ist nur begrenzt möglich, der ROI entsprechend limitiert. Will man märkteübergreifend agieren, braucht man viel Kapital, das Risiko ist höher. Hier haben es Innovationen in den USA leichter. Deren lokaler Markt bietet eine erste Skalierung, die ungleich höher ist als in europäischen Ländern. Damit ist das Investment aussichtsreicher, der Schritt in andere Märkte finanziell fundierter.

Herausforderung für unseren Markt:

Ad-Fraud, Ad-Blocker und mangelnde Transparenz im Fluss von Werbegeldern sind sicherlich die größten Herausforderungen unseres Marktes. Der User vertraut dem Datenfluss nicht mehr und blockt Werbung. Die Werbetreibenden trauen den Trading-Modellen nicht mehr. Die Mediaowner trauen Netzwerken nicht mehr. Mehr Transparenz, technisch wie kommerziell, schafft neues Vertrauen auf allen Seiten und macht Fraud sichtbar und bekämpfbar. Dies fordert aber Bewegung auf allen Seiten.

Herausforderung für unsere Firma:

Der Trend zur Automatisierung von Werbung und die Konzentration auf Datennutzung erzwingt eine Standardisierung von Prozessen, Distribution und Kreation in der Displaywerbung. Dabei wird oft die Qualität der Ansprache, der Kreation, des Umfeldes und der Message vergessen. Für uns ist die größte Herausforderung das erste Feld zu bedienen, aber den Fokus wieder auf das zweite Feld zu lenken.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Mich ärgert es, wenn die Netzneutralität gebrochen wird. Die Telekommunikationsanbieter sind gewillt, Ad-Blocking-Systeme aus Profitgründen zu verwenden. Sie täuschen vor, den Usern die Wahl zu geben, ob sie Werbung ein- oder ausschalten möchten, aber eigentlich wollen sie nur daran verdienen, denn die Werbegrößen wie Google, Facebook und Co. bezahlen dann horrende Summen, um aus diesem Ad-Blocking-System ausgeschlossen zu werden. Das macht eine ganze Industrie kaputt, vorrangig kleinere Werbeanbieter.

Das Internet ist toll, weil sich jeder Mensch, der Zugang dazu hat umfassend informieren kann. Auch die Publikation von Kunst ist durch das Internet nicht mehr nur auf die Macht von Institutionen beschränkt. Zum Beispiel in der Musikindustrie. Heute kann jeder, der sich als Musiker fühlt und seine Fans hat, theoretisch mithilfe des Internets Geld verdienen und davon leben, wenn es gut läuft. Labels und Plattenverträge sind kein Muss mehr.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest Du gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Wenn es eine technische Lösung gäbe, um Ad-Fraud auszuschließen, würde das der gesamten Werbebranche helfen.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Blog: Ich lese Techcrunch für alle News im Tech-Bereich. Wenn es politisch werden soll, finde ich den Videoblog Jung & Naiv toll. Tilo Jung stellt während der Bundespressekonferenzen naive Fragen für Desinteressierte. Diese Fragen finde ich wichtig.

Newsseite: Adweek: Dort werden viele Trends in der Werbebranche beleuchtet und es kommen viele hochrangige Experten zu Wort, ohne dass es zu einer Eigenwerbeveranstaltung ausartet.

Fachmagazin:

Ich lese alle gängigen Fachmagazine, wie W&V, New Business, Kontakter, Internet World Business, Exchangewire, Adexchanger etc., relativ regelmäßig. Ich kann keine Publikation hervorheben. Alle sind für mich gleich wichtig, um up to date zu bleiben.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

Zum Beispiel gerade letzte Woche gelesen: Martin Sorrells Analyse, wie sich die Wirtschaftskonjunktur auf die Werbebranche auswirkt.

http://adexchanger.com/agencies/wpp-ceo-martin-sorrell-on-the-ad-sector-impact-of-slow-economic-growth/

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Die Science-Fiction-Reihe von Daniel Suarez angefangen mit „Daemon“ über „Darknet“ usw. Die Bücher haben gezeigt, wie sich Digitales entwickeln kann.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast 

Auf den Online Marketing Rockstars begeistern mich vor allem die Sprecher aus den USA. Sie präsentieren Insights und alternative, nicht deutsche Perspektiven und Sichtweisen, die ich zwar nicht immer für richtig halte, aber definitiv inspirierend finde. In Erinnerung ist mir Jonah Peretti geblieben. Er sprach 2014 über die Erfolgsfaktoren von Buzzfeed.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Definitiv Sales Force. Als fast schon holistisches Monitoring System, richtig eingesetzt, ist es Gold wert.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Sergey Brin wäre sicher inspirierend. Er ist jemand, der einen Weltkonzern leitet und dazu ein unfassbares technisches Verständnis hat, zudem auf fast unendliche Ressourcen und Know-how zurückreifen kann. Ich möchte gern seine Vision verstehen und einen Tag lang erleben. Zudem ist er ein Einwanderer aus Russland und Vater. Also ist seine private Geschichte sicherlich auch spannend.

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