Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Jan Schwochow – Golden Section Graphics

Jan Schwochow Golden Section GraphicsWer ist Jan Schwochow?

Agentur Golden Section Graphics in Berlin. Der Diplom-Designer blickt auf über 20 Jahre Erfahrung als Infografiker, Designer und Journalist zurück. So war er u. a. Ressortleiter und Artdirector der Infografik-Abteilung beim Magazin Stern und als Art Director für Infografiken in der Entwicklungsgrafik des Verlages Milchstraße tätig. Zuletzt baute Jan Schwochow bei der Agentur KircherBurkhardt in Berlin eine Infografik-Abteilung auf, die er auch über zwei Jahre lang leitete. Seit 2007 leitet er das Büro Golden Section Graphics, dass zur Zeit aus bis zu 16 Mitarbeitern besteht. Die Arbeiten des Teams wurden national und international zahlreich ausgezeichnet. Jan Schwochow ist Mitglied im Art Directors Club für Deutschland e.V. und in der Society for News Design.

http://www.schwochow.de

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich bin grundsätzlich ein neugieriger Mensch. Wenn ich mich einmal mit einer Sache intensiv beschäftigt habe, dann lässt es mich nicht los, bis ich mehr oder alles darüber weiß. So habe ich mich Ende der 90er Jahre mal mit sogenannten Kornkreisen beschäftigt, weil ich wissen wollte, was dahinter steckt. Ich bin in die Szene eingetaucht und habe über einige Jahre hinweg die Kornkreismacher in Deutschland und auch international ausfindig gemacht. Das war eine spannende nebenberufliche Tätigkeit, die mich zudem in schöne Landschaften geführt hat. Kornkreise schaue ich mir hin und wieder gerne an. Ich habe Sie als eine Art Landschaftskunst für mich abgehakt. Meine Recherchen sollten mal in ein Buch münden. Aus Zeitgründen hat es leider nie geklappt. Bei der Arbeit mit den Kornkreisen bin ich auf den Goldenen Schnitt gekommen, der mich ebenso fasziniert hat. So kam ich auf die Idee mit dem Firmennamen.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir haben uns auf das Thema Infografiken spezialisiert und haben dabei wenig Konkurrenz, sowohl in Deutschland als auch international. Power haben wir alleine auch durch die hohe Anzahl an vielseitigen Infografikern im Team, was eine seltene Berufsgattung innerhalb der Grafikgemeinde ist. Und gute Infografiker zu finden ist noch viel schwieriger. Durch die vielen Mitarbeiter können wir in kurzer Zeit größere Projekte für Kunden wie die Bahn, Swissgrid oder Immobilienscout24 abwickeln. Das können unsere meisten Konkurrenten, die freien Grafiker nicht leisten. Zudem haben wir viele Multitalente im Team und können viele Spezialgebiete, wie 3D, Interactive, Datenvisualisierung oder Kartographie, abdecken.

Wir nehmen unseren Job sehr ernst, denn grundsätzlich stehen wir für technische, inhaltliche und gestalterische Qualität. Eine gute Datengrundlage und ausreichende Recherche ist für uns zwingend notwendig. Auch hier grenzen wir uns sehr stark von dem ab, was auf dem Markt unter dem Namen Infografik angeboten wird. Unsere Stärke liegt gewiss auch in der Vielseitigkeit, denn wir haben keinen bestimmtem grafischen Stil. Wir können uns an bestehende Konzepte anpassen und machen unter Umständen auch gleich ganze Webseiten, Broschüren oder Bücher.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart?

Unseren größten Wachstumsschub hatten wir durch einen Auftrag von Baedeker (MairDumont). Hier mussten wir in rund zwei Jahren 1000 Infografiken für die 150 bestehenden Baedeker Reiseführer produzieren.

Wir mussten uns einen Workflow entwickeln, um täglich zwei bis drei Grafiken zu liefern. Das war eine logistische Meisterleistung: So arbeiteten täglich rund fünf Mitarbeiter aus dem Team an den Grafiken, die je Grafik mal einen Tag oder aber auch fünf Tage an Arbeitszeit kosteten. Hier mussten wir einen guten Mittelweg finden, zumal wir die Grafiken auch zum größten Teil selbst recherchierten und betexteten. Was uns schwer fiel war, dass wir bei dieser Schlagzahl und dem begrenztem Budget durchaus Abstriche bei der Qualität in Kauf nehmen mussten. Aber am Ende ist es ein fantastisches Projekt geworden und im Prinzip haben wir die ganze Welt in Grafiken erklärt. So wurde auch aus 144 Grafiken ein Buch produziert – Baedekers Weltwissen.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Schon seit Gründung der Firma haben wir nicht nur Grafiken für Print gemacht, sondern auch fürs Web und TV. Wir können so ziemlich alles bedienen, was derzeit gewünscht wird. Dabei spielt das Medium zunächst keine wichtige Rolle. Es zählt alleine die Information und wie man diese am besten so umsetzen kann, dass der Leser oder User diese versteht.

Zuletzt haben wir eine Microsite für das Schweizer Unternehmen Swissgrid produziert:

http://grid2025.swissgrid.ch

http://golden-section-graphics.com/swissgrid-ch/

So waren wir verantwortlich für das zum Teil responsive Webdesign, die Interaktivität, die Videos und natürlich auch für die vielen Infografiken.

Eigentlich ist die ganze Seite eine Scrollgrafik mit Visual Storytelling. Das Design für eine begleitende App kam ebenso von uns.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Der Staat muss uns kleinen Agenturen eindeutig mehr Möglichkeiten zur Entfaltung bieten. Es gab schon einige Momente, wo ich das Ganze aufgeben wollte. Das Steuersystem sollte vereinfacht werden. Viele Prozesse sind so dermaßen verkompliziert, dass man kaum noch kreativ sein kann, bzw. sich mit den wirklich relevanten Dingen beschäftigen kann. Sobald man Mitarbeiter hat, wird alles kompliziert – das darf nicht sein.

Die Infrastruktur muss noch stärker  ausgebaut werden. WLAN für alle und schnelle Glasfasernetze sollten oberste Priorität haben – bis in jeden kleinsten Winkel unseres Landes.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Wir brauchen dringend gut ausgebildeten Nachwuchs. Der Bereich Infografik ist so speziell, aber genau hier benötigen wir deutlich mehr Fachkräfte in den nächsten Jahren: Web-Developer, UX-Designer, DataViz und Interactive News Designer.

Hier müssen auch die Möglichkeiten der Zuwanderung verbessert werden. Wir haben schon mehrfach den Versuch gestartet, Menschen aus dem Ausland zu beschäftigen. Der hohe Bürokratieaufwand zwang uns dazu, einer jungen Spanierin die Chance zu einem festen Arbeitsplatz zu verwehren.

Wir brauchen aber auch mehr Mut zur Kreativität und das Vertrauen in unsere Arbeit. Businesspläne halte ich zum Beispiel für sinnlos.

Herausforderung für unseren Markt:

Der Markt ist ja da. Es gibt viel Spielraum und Optimierungsbedarf. Deutschland darf aber den Anschluss bei der Digitalisierung nicht verlieren. Bürokratie muss abgebaut werden. Es muss noch mehr Anreize für Firmengründer geben.

Herausforderung für unsere Firma:

Wir haben eine tolle Zeit vor uns. Die Nachfrage nach Infografiken steigt rasant. Wir können uns quasi den Weg selber gestalten, den wir zu nehmen haben. Es kündigen sich sehr interessante Projekte an.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Es gibt eine Sache die mich zugleich erfreut aber auch sehr ärgert: Jeder kann und darf alles machen. Auf der einen Seite ist es gut, das das Internet jedem Menschen auf der Erde die Möglichkeit gibt, an Informationen zu kommen, Dinge selbst zu veröffentlichen oder zu kommentieren. Auf der anderen Seite gibt es riesige Datenmüllberge, sinnlose Informationen und eben auch viele falsche. Die Menschheit zeigt sich hier von einer ekligen Seite: Shitstorms, anonymisierte Kommentare und viele Bilder, die man lieber nicht sehen möchte.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Unsere Infrastruktur und die Mobilität muss dringend neu durchdacht werden. Es muss neue Reise- und Transportkonzepte geben. Auf den Autobahnen stauen sich die Lkw, in den Häfen die Containerschiffe und in der Luft die Flugzeuge. Neulich wollte ich durch den Eurotunnel, der dann wegen der Immigrationsprobleme für kurze Zeit geschlossen war. Um all die Lkw, die durch dieses Nadelöhr hindurch wollen, zu parken, wurden 40 km der Autobahn M20 als Parkplatz umfunktioniert! Der restliche private Reiseverkehr kam zum Erliegen – ein einziges Chaos, was im übrigen auch bei schlechten Wetter vorkommen kann, wenn die Fähren nicht fahren können. Hier wurde mir bewusst, dass gerade die System Schiene und Lkw veraltet sind. Hier sollte nicht nur über die Digitalisierung sondern auch über neue Technologie nachgedacht werden. Es gibt immer mehr Menschen und Waren, die bewegt werden wollen, und das möglichst umweltfreundlich.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

http://www.designmadeingermany.de

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

SILICON VALLEY von Christop Keese

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Der ADC Kongress 2015 in Hamburg. Dort gab es von einigen Sprechern wirklich Impulse, die gezeigt haben, wohin die Reise in der digitalen Welt gehen kann. Insbesondere der Vortrag von Phillip Schröder (Tesla) ist mir nachhaltig in Erinnerung. Er hat aufgezeigt, wie ganzheitlich ein Unternehmen denken kann und dass Werbung auf die klassische Art nicht nötig sein wird.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Mein Gehirn und das Bauchgefühl

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Ich würde am liebsten mit Fernando Baptista von National Geographic zusammenarbeiten. Er ist einer, wenn nicht der beste Infografiker weltweit und hat bei National Geographic tolle Möglichkeiten, seinen Beruf auszuleben. Man sieht den Arbeiten an, dass sie mit viel Leidenschaft entstehen. Es muss eine schöne Erfahrung sein, wenn die Arbeit nicht an einem bestimmten Geschäftsmodell hängt. Die wirtschaftliche Abhängigkeit lässt uns doch manchmal sinnlose Arbeiten verrichten. Wir machen unter Umständen hin und wieder Arbeiten, die entweder sinnlos sind oder auch nie veröffentlicht werden. Ich sage dann immer, wir arbeiten nicht umsonst, aber vergebens.

Fernando hat offenbar keinen wirklichen Zeitdruck – sie können sich für eine große Infografik auch mal ein Jahr Zeit lassen. Das ist in unserer Welt fast undenkbar, wenn wir davon leben möchten. National Geographic lebt fast nur von Spenden und ist unabhängig. Die Arbeit ist nachhaltig und wissenschaftlich von großer Bedeutung. Das hat mich schon immer fasziniert.