Interview
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Interview mit Jan Kurschewitz -Aysberg Web Development

Jan Kurschewitz Aysberg Web DevelopmentWer ist Jan Kurschewitz? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Internetagentur Aysberg. Von klein auf war ich kreativ unterwegs. Zeichnen, Airbrush, Comics schreiben waren meine Hobbys. Mit Mathe und Physik hatte ich zu Schulzeiten dagegen wenig am Hut. Was mich geritten hat, nach dem Abi einen Ingenieurstudiengang zu beginnen, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Allerdings lernte ich dort dann Technisches und Rationales zu schätzen. Nachdem ich mein Studium der Lebensmitteltechnologie 1995 erfolgreich abgeschlossen hatte, schwenkte ich rüber ins gerade aufkommende Internet, anstatt mich in der Lebensmittelindustrie nützlich zu machen.

1997 musste ich noch viel erklären, was „Internet“ und „Webdesign“ bedeuten.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich sehe mich schon immer als Schnittstelle zwischen Kreativität und Technik. Gerade mein Studium hat mir sehr geholfen, das an mir festzustellen. Um es etwas überspitzt zu formulieren: In den Anfangstagen des Internets gab es die klassischen Grafiker, die keine Ahnung vom Medium Internet und der Umsetzung ihrer Designs hatten und die Programmierer, die hervorragende Anwendungen entwickelten, die aber oft furchtbar hässlich waren und die eine Zumutung für normale Menschen waren. Als Mittler zwischen diesen Welten fahre ich seitdem sehr gut und versuche, beides unter einen Hut zu bekommen.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir sind eine Internetagentur in Freising. Wir haben uns rein auf Internetdienstleistungen spezialisiert – bewusst machen wir kaum Print. Unser Kerngebiet ist die Entwicklung von hochwertigen Internetauftritten für mittelständische Unternehmen, also die Gestaltung, Programmierung und inhaltliche Ausgestaltung.

Bei uns kommt nichts von der Stange, alles ist auf unsere Kunden und dessen Kunden abgestimmt. Darauf aufbauend beraten wir Unternehmen, wie sie ihre Website als Arbeitsmittel nutzen. Denn mit der einem hübschen Internetauftritt, der einfach im Internet herumsteht, ist es schon lange nicht mehr getan.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Die Website-Entwicklung ist natürlich unser Kerngeschäft. Viele Unternehmen – gerade die kleinen – gehen dann aber nicht weiter oder basteln selbst mit dem Internet herum. Beispiel AdWords: So viele Kunden versuchen sich selbst daran und geben irgendwann enttäuscht auf. Was ihnen keiner sagt: So einfach das Grundprinzip AdWords ist, so komplex ist es im Detail! Wir schlagen regelmäßig die Hände überm Kopf zusammen, wenn wir AdWords-Konten übernehmen, die Monate oder Jahre lang betrieben wurden mit einer Klickrate oft unter 0,4%. Mit ein paar Maßnahmen können wir die sofort erfolgreich machen und wünschten uns, diese Kunden wäre früher gekommen und hätten einige der tausend rausgeballerten Euro an uns gezahlt. Insofern ist bisher jede unserer AdWords-Kampagnen ein Erfolg gewesen.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Alles wandert ins Internet. Shopping, Information, Unterhaltung. Das ist der Lauf der Dinge, solche Umbrüche fanden auch früher statt. Dennoch ist es erschreckend zu sehen, wie schnell sich der Wandel vollzieht und wie ganze Branchen in die Knie gehen (werden) oder sich komplett umstellen (müssen). Ich denke da beispielsweise an den Einzelhandel oder Tageszeitungen. Aber auch die klassische Automobilindustrie, Aushängeschild für Deutschland, steht an der Klippe. Sie merkt es nur noch nicht – oder will es nicht wahrhaben.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Da das Internet immer mehr unser Leben bestimmt und auch für „ernsthafte“ Anwendungen unverzichtbar wird, müssen Netzwerke robust gemacht und Daten abgesichert werden. Wenn jemand gezielt Unterseekabel attackiert oder im großen Stil zentrale Punkte unserer Infrastruktur hackt, kann unser modernes, eigentlich sehr filigran aufgebautes Gesellschafts-System sehr schnell kollabieren. So könnte man ganz ohne Krieg und ohne großes Aufhebens ein ganzes Land lahmlegen.

Herausforderung für unseren Markt:

Die Schere zwischen billig und teuer bzw. minderwertig und hochwertig geht immer weiter auf. Auch im Bereich der Internetdienstleister. Wir schaffen es sehr gut, dagegenzuhalten. Wer allerdings im Premium-Segment mithalten will, muss sich täglich neu erfinden, um am Ball zu bleiben.

Wir machen das jetzt schon seit 15 Jahren, doch alles wird immer schneller, immer billiger immer kurzlebiger – und dabei eigentlich komplexer. Viele Leute verstehen einfach nicht, dass Qualität ihren Preis hat oder im Umkehrschluss „günstige“ Angebot einen Haken haben.

Herausforderung für unsere Firma:

Wir dürfen nicht nur an „schöne Websites“ denken, sondern müssen Unternehmen in allen Belangen auf ihrem Weg ins Internet begleiten und unterstützen. Da besteht der größte Handlungs- und Erklärungsbedarf. Es ist erschreckend, wie manch Unternehmer auch 2016 das Internet verteufelt, kein Interesse und Zeit dafür aufwendet oder einfach nur zu beschäftigt ist. Als ich 1997 als selbständiger Webdesigner begann, glaubte ich ganz schnell sein zu müssen, weil bald jedes Unternehmen eine top Website haben würde. Denkste: Inzwischen können viele Kleine ihren Rückstand gar nicht mehr aufholen. Uns wird also auch in Zukunft nicht langweilig werden.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Mich ärgert die Oberflächlichkeit in den geselligen Medien, verbunden mit Daumen rauf oder runter. Jeder ist auf Facebook, Twitter und Co ein Selbstdarsteller („mein Haus, mein Auto, mein Boot“) und kann sich in einer Weise darstellten, die er überhaupt nicht erfüllt. Zudem wird so viel Unsinn in die Welt gesetzt, den viele für bare Münze nehmen und unreflektiert nachplappern – „das stand doch so im Internet“.

Gefreut hat mich in der Anfangszeit (Neunzigerjahre) des Internets die Begeisterung und Offenheit des damals noch sehr kleinen Nutzerkreises – man kam schnell in Kontakt über Länder- und Unigrenzen hinweg. Noch kein Spam, kein Betrug in der verschworenen, kleinen Gemeinde.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest Du gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Auch wenn es anerkannter ist, zu lamentieren statt positiv zu denken: Ich bin privat und auch geschäftlich sehr zufrieden mit dem Erreichten. Wenn es allerdings ein Start-up gäbe, das für mehr Frieden sorgte und mehr Toleranz in die Köpfe der Menschen brächte, wäre das super.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Der Postillon: Zwar wiederholt sich die Masche ihrer Meldungen, aber es ist erfrischend und gleichzeitig erschreckend, wie Leute die satirischen Meldungen für bare Münze nehmen. Besser als die Beiträge sind oft die Kommentare darunter.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat 

https://magazin.jobmensa.de/warum-die-generation-y-yuppies-ungluecklich-sind/. Das Internet und die geselligen Medien machen es einfach, sich für was Besonderes zu halten und mit entsprechenden Ansprüchen durchs Leben zu gehen. „Es braucht einfach nur ein bisschen Zeit, bis sich rumgesprochen hat, wie großartig ich bin“.

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Ein uraltes Buch ist David Siegels „Creating Killer Websites“. Alles was darinsteht ist inzwischen natürlich völlig überholt. Er propagierte 1996 das Tabellenlayout mit unsichtbaren 1-Pixel-GIFs. Das Buch war in den Anfangstagen des grafischen WWW die Bibel für alle Webdesigner! David Siegel war meines Erachtens Auslöser dafür, dass sich der Trend der völlig verrückten Tabellenlayouts bald drehte und man immer stärker auf Cascading Stylesheets für das Layout von Webseiten setzte.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

1997 in der Existenzgründer-Seminarreihe der TUM und LMU hat der Marketing-Coach Paul Maisberger einen erfrischenden Vortrag gehalten, in dem ich förmlich jedes Wort aufgesogen habe. Da ging es um ganz klassische Ansätze des Marketing, nicht ums Internet. Er vertrat viele Standpunkte abseits des Üblichen und konnte diese hervorragend begründen. Kürzlich fielen mir die Unterlagen wieder in die Hände und ich war erstaunt, wie viel davon ich inzwischen selbst lebe. Herr Maisberger ist inzwischen im Ruhestand, seine Agentur, die Maisberger Gesellschaft für strategische Unternehmenskommunikation, gibt es aber weiterhin.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Asana. Ohne würde bei uns gar nichts mehr laufen. Asana kann genau das, was wir brauchen: Taskmanagement, Verteilen von Aufgaben, Kommunikation zu Tasks. So weiß jeder in der Agentur, was er wann tun muss, wie Stand der Dinge ist und kann produktiv an seinen Aufgaben arbeiten. Wir würden uns wünschen, dass das Tool zu einer vollen Agentursoftware mit Zeitverwaltung, Anbindung an Mail, etc. ausgebaut wird.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Ich war zwar vor/während meines Studiums zweimal für ein halbes Jahr in den USA. Aber jetzt würde ich gern einen Einblick in eine amerikanische Agentur unseres Zuschnitts bekommen und mich mit dem ganzen Team austauschen. In vielen Dingen sind uns die Amis voraus, gerade auch jenseits des Technischen. Wie arbeiten Mitarbeiter und Chef dort zusammen, wie gehen die mit den Kunden um? Diese Erkenntnissen könnte man auf deutsche Verhältnisse ummünzen und sich ganz anders aufstellen.

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