Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Helmut Binder -Materna

Helmut Binder MaternaWer ist Helmut Binder? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Materna gestoßen. Materna ist ein Familienunternehmen und war bislang inhabergeführt. Als ich angesprochen wurde, die Position des neuen CEO zu übernehmen, habe ich das sehr gerne getan, um das Traditionsunternehmen auch weiterhin zum Erfolg zu führen. Den Einstieg in meine berufliche Laufbahn machte ein Wirtschaftsstudium in Köln und Tokio. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ein wirklicher Spleen fällt mir da nicht ein. Ich würde sagen, dass meine Zeit in Japan schon recht prägend für mich war. So stammt meine Vorliebe für die japanische Ess- und Wohnkultur auch aus dieser Zeit, aber auch meine Affinität für Asien, wo ich bereits viele Länder bereist und viele Freunde gefunden habe.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Materna ist eine Unternehmensgruppe mit der Leidenschaft für innovative ICT-Technologie. Zu unseren Kunden gehört das „Who is Who“ der deutschen Unternehmen und Behörden. Mit unseren Lösungen kommen täglich Millionen Menschen in Kontakt, oft, ohne es zu wissen, beispielsweise wenn sie online oder am Flughafen einchecken und ihr Gepäck abgeben, im Internet ein Päckchen nachverfolgen, bei einem „Hidden Champion“ der deutschen Industrie global mit SAP arbeiten, eine Bundesbehörde im Internet besuchen oder eine elektronische Zollanmeldung abgeben. Bei vielen großen Konzernen stellen wir IT-Vernetzungen her. Wenn Unternehmen komplexe IT-Beratung benötigen, werden unsere Experten gerufen.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Ein schönes Beispiel ist die Automatisierung des Passagier-Prozesses an Flughäfen. Wir haben z. B. für den Flughafen London Gatwick die automatisierte Gepäckabgabe für die Passagiere eingeführt. Seit Mai 2015 können Tausende Passagiere täglich ihr Gepäck jetzt selbst einchecken. Die Wartezeiten haben sich dramatisch verkürzt und die Warteschlangen sind verschwunden.

Der Flughafen verfügt aktuell mit 60 Stationen über die weltweit größte Installation an Selbstbedienungsterminals für die Gepäckabgabe. Materna ist in diesem Projekt Generalunternehmer und liefert die Software auf Basis des internationalen IATA-Standards für die Aviation-Branche, integriert die „Departure Control Systeme“ der beteiligten Airlines und ist für Installation, Service und das Management der Systeme aus unserem eigenen Rechenzentrum in Deutschland verantwortlich. Innovativ und weltweit bisher einzigartig ist die integrierte Scanning- und Payment-Funktion, mit der Passagiere dort zusätzlich auch Übergepäck sowie Sport- und Sperrgepäck selbst bearbeiten und ohne Personal zeitsparend mit der Kreditkarte bezahlen können.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Wie viele andere in unserem Markt bin ich der Meinung, dass die digitale Transformation wie kaum ein anderes Thema unsere Gesellschaft und Wirtschaft verändert.

Wenn sich die Verantwortlichen in unserer Gesellschaft und den Unternehmen diesem Thema nicht viel schneller öffnen, werden wir im internationalen Wettbewerb überrollt werden und unsere Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Insofern ist es eine Kernaufgabe, die digitale Transformation in Gesellschaft und Unternehmen aktiv mitzugestalten. Das fängt bei Bildung und Ausbildung an, führt über die Schaffung von gesetzlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen bis hin zu unternehmerischem Mut, auch disruptive Änderungen in Technologien und Geschäftsmodellen konsequent anzugehen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Nach wie vor dominieren die großen amerikanischen Konzerne die Netzwirtschaft. Um nicht komplett abgehängt zu werden, müssen insbesondere Start-ups stark unterstützt werden. Der geförderte Aufbau von Digital Hubs ist hierbei ein wichtiges Instrument.

Herausforderung für unseren Markt:

Der ICT-Markt steht im Zentrum und ist Treiber der digitalen Transformation. Nach wie vor ist das Vorhandensein von ausreichend qualifizierten „digitalen Fachkräften“ eine der entscheidenden Herausforderung in unserem Markt. Der demografische Wandel wird diese Lücke weiter verschärfen.

Herausforderung für unsere Firma:

Auch Materna ist kontinuierlich auf der Suche nach IT-Fachkräften. Während wir vor Jahren nur gezielt nach einzelnen Positionen gesucht haben, ist das Recruiting neuer Mitarbeiter inzwischen eine Daueraufgabe und wir müssen uns permanent als attraktiver Arbeitgeber positionieren. Entsprechend verfolgen wir auch eine langfristige Personalentwicklungsstrategie mit dem gesamten Spektrum an Maßnahmen (u. a. Hochschulkooperationen, Ausbildung, Trainee-Programme, Duale Studien). Eine weitere Herausforderung für ein Dienstleistungsunternehmen wie Materna ist es, kontinuierlich zu wissen, wohin die technologische Reise geht und welche Themen für unsere Kunden einen echten Wertbeitrag liefern, um unser Beratungsangebot genau auf diese Bereiche auszurichten. Hierzu nutzen wir insbesondere Impulse aus unseren Kundenprojekten und entwickeln daraus Software- und Beratungs-Assets.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Leider gibt es noch zu viele Sicherheitslücken und Performance-Schwachstellen, die wir in Kauf nehmen müssen, wenn wir die Möglichkeiten des Internets intensiv nutzen. Dennoch ist auch für mich ein Leben ohne das Internet nicht mehr vorstellbar. Am meisten freut es mich, dass ich durch das Internet internationale Kontakte aufrechterhalten und verloren gegangene Kontakte wiederaufbauen kann.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Ich habe einige Newsletter zu spezifischen Branchen abonniert wie z. B. zu Government und Aviation. Auch Venture Capital News und die Digitalbereiche der großen Wirtschaftsmedien und Tageszeitungen sind hilfreich, um zu wissen, was in der Branche los ist.

ein spannendes Buch, das Dich inspiriert hat

Leider gibt es viel mehr spannende Bücher als ich Zeit habe, sie zu lesen. Auf meiner aktuellen Liste stehen „Schwarmdumm“ von Gunter Dueck und „Was-Google-wirklich-will“ von Thomas Schulz.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

Die Messe Future Travel Experience in Asien und Nordamerika hat mir letztes Jahr neue Einblicke in innovative Dienstleistungen gegeben. Ich nutze aber auch die Konferenz-Formate der großen Branchentreffs wie CeBIT und Mobile Word Congress, um spannende Themen weiter zu vertiefen. So habe ich mich dieses Jahr dort auf das industrieübergreifende Thema Internet of Things konzentriert.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Um mich zu organisieren, komme ich gut mit den Standard Office-Tools aus. Dazu White Boards und Mindmap – das reicht.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Sehr spannende Themen gibt es in unserem hoch dynamischen Markt reichlich und für einen Tag einen detaillierten Einblick in den aktuellen Stand der Forschung und Entwicklung zu bekommen und mitzuarbeiten, wäre schon klasse. Das Internet der Dinge oder der 3D-Druck gehören dazu. Diese Themen werden unsere Gesellschaft und die Wirtschaft in den nächsten Jahrzehnten noch stark beeinflussen. So würde mich ein Tag mit Forschern und Entwicklern, z. B. in einem der Fraunhofer Institute, sicherlich begeistern.

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