Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Frederike Voss – orbyd

Frederike Voss orbydWer ist Frederike Voss? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin gebürtige Hamburgerin, also eine „waschechte Hamburger Deern“ wie man hier im Norden sagt. Seit nunmehr 15 Jahren bin ich in der Online und insbesondere AdTech Branche tätig. Eigentlich komme ich aus der Modebranche wo ich eine Zeit lang für Hugo Boss in New York gearbeitet habe. Nach Stationen in der Online-Vermarktung von Microsoft Advertising, Yahoo! und AOL wechselte ich mit AudienceScience zu einem amerikanischen Technologie-Anbieter, für den ich einige Jahre die Europa-Geschäfte geleitet habe. Im Anschluss war ich als Country Managerin Central Europe bei AppNexus, einem AdTech-Unternehmen aus New York, für die Geschäfte in Zentraleuropa verantwortlich.

Im März diesen Jahres habe ich mit Sebastian Sachs und Robert Scharni orbyd gegründet. Orbyd ist der erste unabhängige Publisher Trading Desk. Wir bieten Publishern und Vermarktern ein neues Tool, das es ermöglicht Werbeflächen über mehrere Technologien gleichzeitig für den automatisierten Mediahandel bereitzustellen. Als CEO verantworte ich die Bereiche Sales, Marketing / PR und HR.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Mein Hund Fiete. Er ist mein tierischer Gefährte und immer dort wo ich bin – Freizeit, Reisen und oft auch Geschäftstermine.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

orbyd ist der erste unabhängige Full Service Anbieter für Real Time Advertising Lösungen. Wir gestalten den Einstieg und die Anwendung komplexer Technologien für den automatisierten Mediahandel einfacher. Insbesondere Publishern und Vermarktern helfen wir bei der strategischen Ausrichtung und operativen Umsetzung einer individuellen Strategie. Wir begleiten unsere Kunden in jeder Phase der digitalen Transformation – von Beratung bis zu einem operativen Managed Service auf SSP Technologien. Darüber hinaus haben wir erst kürzlich unser Meta SSP Produkt gelaunched. Hier können die Anwender programmatische Strategien im Self Service über unsere Plattform umsetzen.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Ohne Digitalisierung würde es orbyd nicht geben. Wir kennen es daher gar nicht anders und sind mit der Digitalisierung aufgewachsen. Im täglichen Geschäft läuft der größte Teil der Kommunikation über digitale Kommunikationswege ab. Sei es der Austausch per E-Mail, die Videokonferenz oder ein kurzer Skype-Chat um Fragen zu klären. Die Digitalisierung vereinfacht unsere Kommunikation zu Kunden und Partnern. Für uns ermöglicht die Digitalisierung eine schnellere und effizientere Kommunikation. Auch der Austausch und die gemeinsame Arbeit an Dokumenten unter Kollegen ist durch die digitalen Medien stark vereinfacht worden. Es kann gemeinsam an derselben Präsentation in Echtzeit gearbeitet werden, Berichte werden per E-Mail verschickt oder auf einer Plattform abgelegt, die für alle zugänglich ist.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

In Deutschland ist Datenschutz nach wie vor ein großes Thema. Besonders für Programmatic Advertising stellen Nutzerdaten und deren Qualität einen entscheidenden Faktor für den Erfolg aller Beteiligten dar. Agenturen und Technologieanbieter sehen sich vor der Herausforderung den Ansprüchen ihrer Kunden, den Werbetreibende, gerecht zu werden und den datenschutzrechtlichen Vorgaben nachzukommen. Die Problematik auf nationaler und europäischer Ebene ist es aber, dass kein alleiniges Datenschutzrecht für diesen Bereich existiert. Viel mehr verteilt sich die Vorgaben für den Programmatic Advertising Bereich auf verschiedene Gesetze und Vorgaben. Als die beiden wichtigsten sind hier das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) und das Telemediengesetz (TMG) zu nennen, die wiederum zwischen unterschiedlichen Arten von Daten unterscheiden. Das führt nicht nur zu Unsicherheit auf Seiten der Marktteilnehmer, sondern auch auf Seiten der Nutzer von Online-Medien. Die Herausforderung für den Staat ist und wird es sein, in Zukunft seine Verordnungen und Richtlinien gebündelt in einem Gesetz für den Online-Markt zu erstellen. Dabei wird besonders die Zusammenarbeit mit US-Unternehmen eine weitere Herausforderung darstellen, da hier andere Datenschutz-Richtlinien vorherrschen. Insbesondere der erst kürzlich erfolgte Wegfall des Safe Harbor Abkommens wird hier ein Umdenken erfordern müssen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Eine Herausforderung für die Netzwirtschaft wird es sein, traditionellen Unternehmen, insbesondere auf Seiten der Vermarkter und Verlagshäuser, von den Vorteilen des programmatischen Handels über SSP Technologien zu überzeugen. Für viele ist diese Art des Verkaufs noch Neuland und gerade der deutsche Markt ist wenig risikobereit, wartet daher lieber ab was Vorreiter wie die USA oder UK machen. Hier wird die große Herausforderung sein, den Marktteilnehmer Ängste und Vorbehalte zu nehmen. Fakt ist aber, dass die Vorteile des automatisierten Mediahandels als weiterer Vertriebskanal für Inventare nicht mehr von der Hand zu weisen sind. Hier sehen wir von orbyd unsere Aufgabe. Wir betreuen unsere Kunden von Anfang an, klären Fragen und ebnen den Weg für einen langfristig erfolgreichen Einstieg in das RTA-Geschäft.

Ebenfalls wird eine weitere Herausforderung der aktuelle Mangel an Fachkräften sein. Die verantwortlichen Ein- und Verkäufer der marktteilnehmenden Unternehmen wissen oft gar nicht wo sie zuerst anfangen sollen und werden mit neuen Technologien, Begriffen und Anforderungen an die eigenen Systeme konfrontiert. Hier gilt es in das eigene Personal zu investieren und deren Wissen zu erweitern. Zur Zeit herrscht ein starker Mangel an Fachkräften und zu viele Fragezeichen bei den Zuständigen, die Programmatic Advertising in die Unternehmensstrategie implementieren sollen. Viele Weiterbildungsmaßnahmen gibt es noch nicht, da die Anzahl an entsprechenden Experten im Markt noch überschaubar ist. Um dieses Problem unserer Kunden zu lösen, haben wir neben Workshops und Schulungen den orbyd Expert Day ins Leben gerufen. Einen ganzen Tag lang laden wir interessierte Marktteilnehmer zu uns ein, um alle Fragezeichen zum Thema automatisierter Mediahandel zu beseitigen. Mit Gastrednern aus bereits erfolgreichen Unternehmen im automatisierten Handel wird das Thema von allen Seiten beleuchtet.

Herausforderung für unseren Markt:

Programmatic Advertising bringt Marktteilnehmer zusammen, die häufig sehr unterschiedlicher Natur sind. Da gibt’s das traditionelle Verlagshaus, Vermarkter, Agenturen, Werbetreibende und Start-Up Unternehmen aus dem Technologie Bereich. Hier liegt die Herausforderung darin, die Inventare der Vermarkter programmatisch bereitzustellen. Gerade was die Bereitstellung von Premium-Inventaren für den automatisierten Handel angeht, wird sich noch stark zurück gehalten. Dazu scheint es immer noch viel zu viele offene Fragen zu geben. Welche SSP nehme ich? Brauche ich nur eine oder muss ich mehrere einsetzen? Wie schütze ich meine Brand Safety?  Wie bewahre ich mein Premium-Inventar vor der Verramschung? Diese Unsicherheiten und Ängste müssen Inventaranbietern genommen werden, um den automatisierten Handel in Deutschland auf das nächste Level zu heben.

Herausforderung für unsere Firma:

Zum einen liegt die Herausforderung für orbyd darin Publishern und Vermarktern, also unsere Kunden, davon zu überzeugen, qualitativ hochwertige Inventare mit ausreichender Reichweite für den programmatischen Handel zur Verfügung zu stellen. Somit würde ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Markt herrschen und die Etablierung des programmatischen Handels in Deutschland weiter voranbringen. Wir wollen verdeutlichen, dass Programmatic Advertising kein theoretisches Geschäftsmodell ist, sondern Menschen eine Technologie bedienen, die viele Vorteile mit sich bringt. Hier ist es wichtig zu zeigen, dass die Kontrolle über die Vermarktung der Inventare nicht aus der Hand gegeben wird und nur einer Maschine obliegt. Wir zeigen unseren Kunden welche Möglichkeiten der Preisgestaltung und Nutzung von privaten Marktplätzen und Deals es gibt, wo und wie sie ihr Inventar richtig platzieren und welche RTA-Strategie langfristigen Erfolg bringt.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Am meisten ärgert mich das Thema AdFraud. Hier verdienen Unternehmen viel Geld mit Werbeflächen, die sie nicht produziert haben oder greifen Daten ab, die Ihnen nicht gehören. Das ist ein hochkriminelles Geschäft und muss eliminiert werden. Mittlerweise gibt es hier schon einige Anbieter, die sich der Bereinigung des Marktes und der Wertsteigerung von Online Werbung verschrieben haben. Das begrüße ich sehr.

Die AdBlocker Problematik erfreut mich hingegen. Die aktuelle Initiative von BILD veranschaulicht sehr gut, wie man Internetnutzern verdeutlichen kann, was die Implikationen sind, wenn es keine Werbeindustrie gäbe. Ohne Werbung kein Content. So einfach ist das. Die Nutzer und die Gesellschaft müssen verstehen, dass redaktionelle Inhalte ein Gut sind, die aufwendig produziert werden und dementsprechend auch vergütet werden müssen. Entweder direkt oder über Werbung.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest Du gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Eine Art Personal Assistant Service, der operative Alltagsaufgaben wie Reisebuchungen, Abrechnungen, Terminreservierungen, etc. für private und geschäftliche Zwecke preisgünstig und zuverlässig abnimmt. Das würde vielen Menschen – und mir persönlich ebenso – den Alltag erleichtern.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Gründerszene für Neuigkeiten aus der Start-Up Welt und Digital Media Women, um das Netzwerk unter Frauen in der digitalen Wirtschaft zu stärken.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeiste rt hat

Ich habe kürzlich ein Video einer TED Konferenz mit Dame Stephanie Shirley entdeckt. Sie hat in den 1960-er Jahren ein erfolgreiches Technologie-Unternehmen mit ausschließlich weiblichen Mitarbeitern aufgebaut. Das Video fand ich persönlich sehr inspirierend, weil Dame Stephanie Shirley humorvoll darstellt wie sie sich in einem von Männern dominierten Wirtschaftszweig erfolgreich positionieren konnte. Diese Spielregeln gelten zum Teil auch heute noch – fast 50 Jahre später:

https://www.ted.com/talks/dame_stephanie_shirley_why_do_ambitious_women_have_flat_heads?language=de

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Gender Codes: Why Women Are Leaving Computing von Thomas J. Misa. Das Buch hat mir geholfen zu verstehen, warum die Frauenquote in Technologieunternehmen auffällig gering ist. Nur wenn man die Herausforderungen eines bestimmten Wirtschaftszweiges versteht, kann man für sich persönlich Konsequenzen ziehen und vor allem als Arbeitgeber eines  Technologie-Unternehmens entsprechend auf die Bedürfnisse weiblicher Mitarbeiter eingehen und reagieren.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

DLD Konferenzen sind für mich persönlich sehr inspirierend, da ich hier nicht nur fachlich sondern vor allem motivatorisch und auf persönlicher Ebene von den Speakern profitiere.

Für meinen Beruf in der AdTech Industrie sind neben der dmexco auch der WebSummit in Dublin sowie die d3con in Hamburg Pflichttermine zum Networken und Business generieren.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Ich arbeite gerne mit Anbietern im Start-Up Bereich zusammen, die das operative Geschehen in Unternehmen effizienter machen. Hierzu gehören u.a. Hootsuite für das Managen sozialer Profile, aber auch Tools wie Mailchimp, Billomat und Slack.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Ich würde gerne mal mit Sheryl Sandberg von Facebook zusammen arbeiten. Sie ist Unternehmerin, Digitalexpertin und Vorbild für viele Frauen rund um den Globus. Auch für mich persönlich.

Weitere exklusive Interviews aus der Netzwirtschaft gibt es hier.