Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Eva Petschull – Syndikat

Eva Petschull SyndikatWer ist Eva Petschull? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

SYNDIKAT und Fotoredakteurin bei Greenpeace Deutschland.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich positioniere gerne Dinge in einem bestimmten Winkel zueinander wenn ich in Gedanken ganz woanders oder besonders konzentriert bin. Magazinstapel, Bücher, Bilder und so was halt. Wenn mich dabei jemand beobachtet, pedantisch irgendetwas umzuräumen, ist mir das immer ziemlich peinlich, weil es verbissen wirken muss.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Unsere Superpower liegt ganz klar bei unseren Superkünstlern!

Wir repräsentieren mit Syndikat unglaublich talentierte Fotografen und Illustratoren mit einem jeweils sehr eigenem Look. Das zu verkaufen ist oft nicht schwer, aber ich denke auch bei Foto-und Videoproduktionen sind wir schnell, flexibel und vor allem in der Netzwelt gut aufgestellt.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Unsere Fotografen und Illustratoren sind mit ihren Bildern im Netz „digitale Persönlichkeiten“ und grade die Kommunikation mit unseren Künstlern, welche häufig quer durch die Welt reisen, läuft meistens über verschiedenste digitale Kanäle oder Plattformen; und produktionstechnisch ist das Netz eh unersetzlich. Ich kann heute live Locations oder Modelle auf der ganzen Welt scouten und casten, kann mit Satellitenbildern bis auf ein paar Meter auf eine bestimmte Location zoomen und zeitgleich mit Kreativen aus der ganzen Welt sprechen.

Mit einem handschriftlichen Telefonbuch und Fax wäre das Alles nicht zu bewältigen.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Die Flüchtlingskrise dominiert zur Zeit die digitalen und klassischen Medien und auch in meinem direkten Umfeld ist dieses Thema sehr präsent. Ich denke, dass das Meistern dieser Situation in den nächsten Jahren die zentrale Aufgabe für Gesellschaft und Politik sein wird und auch bei dieser Thematik spielen Bilder natürlich eine zentrale Rolle. Ich schaue mir daher auch die Bilder und Serien aus dem Mittelmeer, Ungarn und der Ägäis an, aber zur Zeit müsste ich das eigentlich noch nicht einmal weil ich die Situation in den Straßen von Hamburg-St.Georg zur Zeit fast täglich vor Augen und somit in meinem Leben habe. Wir haben aktuell einen Praktikanten aus Aleppo. Er fängt langsam erst an über ziemlich schreckliche Sachen in seiner Heimat zu sprechen. Das ist beängstigend und trotzdem irgendwie irreal, weil er wie ein ganz normaler Junge wirkt, der tendenziell überall auf der Welt wohnen könnte. Er macht seit Jahren tolle Fotos und möchte Fotojournalismus in Hannover studieren. Aber auch unsere Künstler setzen sich teilweise und sehr intensiv mit der Flüchtlings-Situation in Deutschland auseinander und portraitieren unter anderem Menschen auf der Durchreise am Hamburger Hauptbahnhof, welche in den nördlichen Teil Europas weiterziehen wollen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Die Monopolstellungen von einigen Netzunternehmen sehe ich sehr kritisch.

Wir brauchen eine faire, gleichberechtigte und tatsächlich auch kontrollierte Netzwirtschaft und eine Politik, die nicht der digitalen Entwicklung im Eilschritt hinterherrennt, sondern es schafft, zeitnah aufzuschließen und auf einem aktuellen Stand zu bleiben. Die Digitalisierung wartet die Jahre bis zu einem Generationswechsel nicht. Sie ist schneller.

Herausforderung für unseren Markt:

Eine große Herausforderung ist ganz bestimmt die Menge an und die kontinuierliche Flut von Bildern aller Art, welcher wir täglich ausgesetzt sind in dem Moment am Morgen, in dem wir unsere Augen öffnen. Diese Tausende von Bildern, die am Tag so auf mich einprasseln finde ich enorm und sind für mich bestenfalls zu einem visuellen „Grundrauschen“  geworden oder (an schlechten Tagen) zu einem Migräne-Anfall. Manchmal ist die Medienwelt einfach zu viel, zu hart, zu doll.

Andererseits finde ich es irgendwie auch logisch, dass in diesem gigantischen Bilder-Meer besonders gute Bilder und spannende Strecken doch auch immer wieder besonders stark herausstechen. Das sind die Perlen im digitalen Heuhaufen und diese zu suchen macht mir großen Spaß, ist aber eben auch immer wieder eine Herausforderung!

Herausforderung für unsere Firma:

Das ist immer wieder und genau diese Suche nach den Foto-Perlen in der Netzwelt. Die Plattformen, Foren und Looks ändern sich mit einer solchen Geschwindigkeit, als dass es wirklich immer herausfordernd bleibt, diese wirklich besonderen Bilder zu finden.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Die Troll-Kultur in sozialen Netzwerken finde ich einfach immer wieder unterirdisch und beängstigend. Ich hoffe mich niemals daran gewöhnen zu müssen.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Puh, das wäre eine lange Liste an abgelegten Lesezeichen, Favoriten und Profilen, denen ich auf unterschiedlichsten Kanälen in meinem digitalen Leben folge. Aber generell bin ich ein großer Fan von „Dazeddigital“, dem Magazin „Another“ und der Seite „Ignant „und folge verschiedenen Bildagenturen wie Magnum und Moor Images. Mein Medienverhalten ist im Alltag aber fast zu 100% digital und nur bei Sonntagsfrühstücken oder im Wartezimmer beim Arzt oder so habe ich überhaupt mal die Zeit und Ruhe mir ein tolles, gedrucktes Magazin oder Buch anzusehen. Das genieße ich dann aber meistens auch ganz besonders!

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

Artikel aus dem Guardian über das „Weihnachtsdorf“ Yiwu in China, in dem 60% der Weihnachtsdekorationen weltweit gefertigt werden. Die Bilder sind erschreckend und gut zugleich.

ein spannendes Buch, das Dich inspiriert hat

Ein Bekannter hat mir letztens das Buch „Schwarz & Weiß“ von Patricia Bosworth über das Leben von Diane Arbus geschenkt. Das Buch und ihre Lebensgeschichte hat mich sehr gefesselt.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast 

Mir hat dieses Jahr die „Triennale der Photographie“ in Hamburg sehr gefallen, aber ich denke die spannendste Veranstaltung in den letzten Wochen, bei der ich am meisten dazugelernt habe, war ein Skillshare in Kopenhagen mit 40 Greenpeace-Kollegen. Wir leben in über 30 verschiedenen Ländern und sind alle visuelle Menschen und arbeiten als Foto- und Video-Redakteure und Journalisten, allerdings unter den unterschiedlichsten politischen und kulturellen Bedingungen und Besonderheiten, andererseits haben wir wiederum so viele Gemeinsamkeiten und oft die selben „Ansichten“ der Welt gegenüber. Eine chinesische Kollegin und ebenfalls Fotoredakteurin berichtete uns dort zum Beispiel von der immensen Luftverschmutzung in China. In ihrer Wohnung in Peking kann sie am Tag maximal für fünf Minuten die Fenster öffnen, nirgends ohne Mundschutz hingehen und dass ihr in Europa die Landschaft so „brilliant“ vorkommt…

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Ich denke, dass ist unser programmiertes Planungs-, Kalkulations- und Buchhaltungsprogramm.

Nicht sehr sexy, aber überaus hilfreich:-).

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

In meiner Funktion als Bildredakteurin bei Greenpeace würde ich gerne einmal meinen ehemaligen Kollegen John Novis von Greenpeace kennenlernen.

Er hat 20 Jahre den sogenannten „Picture Desk“ bei Greenpeace International geleitet und ich kenne ihn leider nur aus Skype-Konferenzen und im Frühjahr diesen Jahres ist er dann in den Ruhestand gegangen. Er muss einige EINIGE spannende Bilder und Geschichten im Kopf haben!

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