Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Christian Koch – businessview.ruhr / entronauten.com

Christian Koch businessview.ruhr / entronauten.comWer ist Christian Koch? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Mein Name ist Christian Koch, ich bin Fotograf und Medienschaffender mit künstlerischer Ader seit vielen Jahren. Dabei stehe ich mit den Beinen in den analogen 70ern und habe den Kopf in der digitalen Zukunft. Mein Revier ist das Ruhrgebiet, in dem ich gerne lebe und arbeite. Ich habe zwei wunderbare Kinder, bin Netzwerker und Vorkämpfer für kollegiale Zusammenarbeit – ob mit Kunden oder Kooperationspartnern.

Im Alltag erscheinen mir allzu glatte perfekte Gegenstände und Designs uninteressant und sogar unmenschlich. Erst durch die Patina des persönlichen täglichen Gebrauchs werden Dinge greifbar und  einen Charakter. In meiner Arbeit versuche ich das zu integrieren.

Ich liebe die Verbindung von archaischem Charme und digitaler Modernität. Archäologie und Raumfahrt sind zwei Themen, die mich seit der Kindheit begeistern. Die Archäologie erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall großer Kulturen und zeigt uns, dass alle Generationen brillante Lösungen für Probleme ihrer Zeit gefunden haben. Das erweckt in mir großen Respekt vor den Vorfahren und schafft das Bewusstsein, dass es nichts wirklich Stabiles in unserer Welt gibt. Die Raumfahrt mit glatter kühler Ästhetik entspricht meinem menschlichen Forschergeist und der Abenteuerlust – neue Welten entdecken wollte ich immer.

Sprachsteuerung, digitale Assistenz, Mobilität, Genetik, künstliche Intelligenz, Robotik, Mensch-Maschine Kooperation bis hin zur Verschmelzung von Mensch und Technik – das sind Themen, die mich seit dem Ende der 90er Jahre faszinieren. Der Mensch erfindet sich neu und wird sein eigener Gott. Das stellt uns zunehmend vor enorme Herausforderungen und Entscheidungen. Leider haben wir in der Begeisterung für die neue Zeit solide weltanschauliche Positionen – ob politisch, humanistisch oder religiös –  oft gleich mit über Bord geworfen. Dadurch fehlt uns ein Standpunkt, von dem wir Dinge bewerten können – und das macht uns angreifbar. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir vieles nicht mehr steuern, sondern es einfach laufen lassen, weil sich eine eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber dieser rasanten und nicht mehr überschaubaren Entwicklung breit gemacht hat.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Wenn Dinge vor mir liegen, fange ich an, sie zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzen. Was sich vielleicht meditativ anhört, treibt meine Frau manchmal in den Wahnsinn, wenn ich beim Einräumen der Geschirrspülmaschine das Besteck exakt parallel zueinander einordne und dabei über mein Vier-Zonen-System der Besteckschublade doziere. Puh – bin ich ein Pedant?

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Virtuelle Rundgänge par excellence! Als zertifizierter Google-Partner haben wir die Nase im Wind und machen Räume von Unternehmen virtuell erlebbar. Ob einfach oder im dreidimensional mit Brille im VR-Modus, mit Sound, mit Videos, Infopunkten, RSS-Feeds und vielem mehr. Herzblut gewinnt! Wir machen das aus Begeisterung und bei aller Professionalität nicht nur als Job.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Sehr schön war der erste größere Auftrag für die Darstellung einer Immobilie mit Eigentumswohnungen in Dortmund. Dabei wurde das komplette Haus mit Garten, Tiefgarage und Wohnungen fotografiert und einzelne Bereiche mit der passenden Geräuschkulisse hinterlegt. Wodurch der Auftrag zustande kam? Durch einen begeisterten Kunden :-).

Erfolgsfaktoren sind: Netzwerken an erster Stelle, Begeisterung verströmen, austauschen, informieren, aus Fehlern lernen, kontinuierlich am Ball bleiben, hart arbeiten, an sich glauben, alle Leute verrückt machen mit einer Idee, durchhalten!

http://vr.immoview24.com/de/vt/QCK3X7kCXf/lp/1

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum?

Vielleicht die Marketingseite für absolut Wodka 2014, bei der der virtuelle Rundgang zusätzlich aufgebohrt und verschiedene Medien gekonnt miteinander verbunden wurden.

https://absolutsymposium.it/theexperience/

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Wir haben in grenzenloser Begeisterung alle analogen und bewährten Systeme gekappt und komplett auf die digitale Technik gesetzt. Die Argumente sind ja auch überzeugend. Allerdings haben wir uns damit auch sehr verwundbar gemacht. Auf der einen Seite durch Angriffe auf lebenswichtige Systeme wie Kraftwerke, Stromnetze, Datenleitungen und Server. Auf der anderen Seite werden wir durch die intelligente Analyse unseres Verhaltens kontrollierbar. So lange wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben, ist das eine Sache. Aber für totalitäre Regimes ist dies ein wirksames Mittel der Unterdrückung. Wir sind mittendrin im technisch/wirtschaftlich/gesellschaftlichen Umbruch. Die Aufgabe des Staates ist es, die Menschen vor Ort persönlich und lokal zu stärken und eigenverantwortliches Denken und Handeln zu fördern. Dabei sollte der Schutz der Grundrechte allererste Priorität haben.

Eigeninitiative und unternehmerische Selbstständigkeit sollten weiter gefördert werden. Dabei wünsche ich mir, dass verstärkter Wert auf die Absicherung von Freiberuflern gelegt wird, damit Selbstständigkeit nicht zum Risikofaktor für Armut und Selbstausbeutung wird.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Dazu kann ich erstmal wenig sagen. Technisch ist die Netzabdeckung in den Städten gut, in ländlichen Gebieten manchmal erschreckend katastrophal. Auch unterwegs auf Autobahnen und Bahnlinien ist die Verbindung oft gestört oder unterbrochen. Das hat mich schon sehr gewundert, wie schlecht die Anbindungen teilweise sind. Hier herrscht definitiv Nachholbedarf.

Herausforderung für unseren Markt:

Google hat im September mit dem Rebranding von „Google Maps Business View“ zu „Google Street View | trusted“ auch die Strategie umgestellt. Ziel ist es noch mehr als vorher, an Masse im Bereich virtuelle Rundgänge zuzulegen. Das wird zum einen durch die Öffnung für Amateurfotografen erreicht, die mit ihren Smartphones Panoramen erstellen können und zum anderen durch die Automatisierung der Erstellung von Rundgängen für zertifizierte Fotografen durch spezielle Kameras.

Dadurch kommt eine Differenzierung in den Markt in kleine Low-Budget-Produktionen für Kunden, die erst einmal nur dabei sein wollen und denen die Qualität nicht so wichtig ist und hochwertige Rundgänge für Kunden, die auf Qualität achten. Vorteil für alle ist, dass wir eine bessere Durchsättigung hinbekommen. Ich kann mir vorstellen, dass virtuelle Rundgänge ein guter Standard für alle Geschäfte werden, die öffentliche und repräsentative Räume haben: dazu gehören Hotels, Restaurants, Autohäuser, aber auch Museen und Kirchen.

Herausforderung für unsere Firma:

Cool bleiben – weitermachen, wir sind auf einem guten Weg, bestens vernetzt und haben einiges eingestielt, was wir weiter entwickeln wollen. Wir werden weiter die agile Entwicklung beobachten und sehen, was für uns passend ist. Der nächste Schritt sind die virtuellen Brillen, die nächstes Jahr auf den Markt kommen. Damit ist es dann möglich, sich viel realitätsnäher in virtuellen Räumen mit einer ganz neuen Qualität zu bewegen. Derzeit kann man sich schon für kleines Geld mit Google Cardboards eine gute Vorstellung davon machen, wohin die Reise geht. 3d-Videos sind im Kommen. Videographie mit kleinen Drohnen. Auch Augmented Reality ist ein Thema, was wir intensiv beobachten.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Die Entwicklung im Internet ist atemlos. Man kommt nicht mehr hinterher, oder wenn, dann nur mit großem Aufwand. Ich wünsche mir manchmal ein entspannteres Internet, in dem auch ein langsameres und ruhigeres Verweilen mit Tiefgang gefördert wird. Weg von kurz geposteten belanglosen Informationsschnipseln. Im Bereich der Fotografie haben wir Milliarden von Fotos aber nur wenig Bilder, die zählen. Mal wieder ein Bild ausbelichten in 50×60, einrahmen, an die Wand hängen. Verweilen, einatmen, ausatmen, konzentriert bei einer Sache bleiben, Ruhe finden.

Wir verlernen viele Fertigkeiten und entsorgen viele Dinge, die nicht mehr aktuell scheinen. Vielleicht wäre es manchmal gut, weniger schnell vorzugehen und mehr zu bewahren. Schön z.B., dass es die Schallplatte noch gibt. So können Anachronismen zu Luxusartikeln werden – und manchmal auch zum neuen Hype. Vielleicht ein Archiv der vergessenen Talente.

Ansonsten ärgert es mich immer, wenn Dinge nicht funktionieren, Leitungen langsam sind, Browserinkompatibilitäten und Webmessis, lautstarke Beschimpfungen und Trolle in den Foren, die alles zumüllen mit Geschwätz. Die digitale Kommunikation kann auch zum süchtig machenden Zeitfresser werden. Da tut es manchmal gut, alles abzulegen und z.B. raus in die Natur zu gehen. Auch dort kann man schließlich spannende Sachen erleben – und nicht für alles braucht man eine App.

Am meisten gefreut hat mich mal ein Fehler in der Newslettersoftware eines weltweiten Netzwerkes. Jede Mail, die man zurück an die Absenderadresse des Newsletters schrieb, wurde sofort an alle Empfänger weitergeleitet – und das waren eine ganze Menge Leute. Das hat bei mir den anarchistischen Nerv getroffen. Die eMail-Flut führte schließlich zu wüsten Beschimpfungen, gut gemeinten Antworten und lustigen Empfehlungen und schließlich zu einer wilden Kommunikation über den ganzen Erdball. Dabei hatte ich Kontakt zu interessanten Menschen, die ich sonst nie kennen gelernt hätte.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Anonym und sicher im Netz unterwegs zu sein, Kontrolle über meine Identität und meine Daten zurück zu bekommen, das wäre klasse. In meiner Jugend gab es noch große Proteste gegen die damals durchgeführte Volkszählung. Heute geben wir freiwillig intimste Daten preis, die zudem wesentlich besser interpretiert werden können, als das damals der Fall war.

http://aesopstoryengine.com What the hell is that? Geschichten erzählen ohne Code zu schreiben?

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

www.spiegel.de, bestimmt nicht die beste Newsseite, die es gibt, aber zur Info zwischendurch ganz ok.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

Harald Martenstein sorgt mit seiner intelligenten, authentischen und humorvollen Art für ein intellektuelles Durchatmen frei von allen klebrigen Etiketten. Das tut gut. Beispiel gefällig?

www.zeit.de/zeit-magazin/2015/42/harald-martenstein-literatur-engagement

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

entronauten.com inspiriert, in dem ich arbeite.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

Video2Brain – immer gut, strukturiert und kompetent aufbereitetes Wissen. Keine Schleichwerbung, ist einfach so.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

PTgui Stitching Software, Photoshop, Lightroom, view3.com

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

view3.com und seinen Kollegen. Sie haben eine Menge Erfahrung, teilen ihr Wissen gerne und sind immer eine gute Anlaufstelle für alle Fragen rund um virtuelle Rundgänge. Bei einem gemeinsamen Arbeitstag würde ich bestimmt noch eine Menge lernen können.

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