Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Christian Höferle – The Culture Mastery

Christian Höferle The Culture MasteryWer ist Christian Höferle? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

The Culture Mastery. Als Kulturdolmetscher bin ich ein großer Fan von Brücken. Von Mauern und Zäunen halte ich wenig – gerade als deutsches Kind der 80er habe ich gelernt, wie unbrauchbar die sind.

Seit ein paar Jahren bin ich auch als The Culture Guy bekannt. Den Spitznamen haben mir die Mitglieder meiner ersten Mastermind-Gruppe verpasst. If the shoe fits, wear it. Der Name wurde inzwischen auch zum Titel meines Podcasts.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Manchmal verdrehen Familienmitglieder und Freunde die Augen, wenn ich schwärmerisch von meinen Jahren in der Musikbranche erzähle. Das ist zwar inzwischen ganz schön lange her und dennoch hab ich in jenen Jahren viel über Menschen und ihr Selbstverständnis gelernt. Unterm Strich blieb die Erkenntnis, dass die sogenannten Superstars auch nur Menschen sind: Einige sind Superarschlöcher, viele einfach nur belanglos, und manche richtige Pfundstypen – wie im richtigen Leben.

Ach ja, und ich bin auf Lebzeiten Fan vom Monaco Franze, weil: A bisserl was geht immer!

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Unsere Kunden vertrauen uns, weil sie sich darauf verlassen können, dass wir ihren Teams zu mehr Erfolg bei der Arbeit über Kulturgrenzen hinweg verhelfen. Menschen, die wir coachen und auf ihren Wechsel zwischen Kulturen vorbereiten, erfahren mental und physisch, dass das Etikett normal völlig irrelevant ist. Es gibt tausende normals auf der Welt. Und diese Werte- und Normensysteme sind alle gleichberechtigt. Wir bauen die Brücken zwischen diesen Firmen- und Nationalkulturen und erweitern den Horizont von globalen Führungskräften. Nur wer das Wandeln zwischen den Kulturen kompetent meistert, wird in der globalen Wirtschaft erfolgreich sein.

Vorsicht übrigens mit Elevator Pitches im Ausland: In manchen Kulturen ist es verpönt, im Aufzug zu sprechen.

Was uns seit 2008 erfolgreich macht, ist unser Fokus auf praktische Anwendbarkeit von interkultureller Kompetenz. Vom Elfenbeinturm aus mit akademischem Wissen um uns zu werfen, ist nicht unser Ding. Unsere Superpower? Vulnerability – Authentizität gewinnt. Und wir haben verstanden, dass Sie die nur glaubhaft rüberbringen, wenn Sie sich von Ihrer verletzlichen Seite zeigen können. Wer sich seiner Fehler im Umgang mit anderen Kulturen nicht schämt, sondern von Fettnäpfchen und faux pas lernen will, wird im internationalen Geschäft weiter kommen als notorische Rechthaber.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren? 

Da fallen mir gleich drei Beispiele ein – zwei gute und eines, wo der Erfolg gerade nicht sichtbar ist:

Als wir den Auftrag erhielten, ein deutsches Chemieunternehmen beim Aufbau eines neuen Standorts im Südosten der USA zu unterstützen, standen wir vor der Aufgabe, hunderte amerikanische Facharbeiter auf ihre Entsendung nach Bayern und Sachsen vorzubereiten. Die meisten dieser frisch angeheuerten Team-Mitglieder stammten aus ländlichen Gegenden der Vereinigten Staaten und waren zum Teil noch nie vorher im Ausland. Manche hatten damals noch nicht einmal ihren eigenen Bundesstaat verlassen. Deutschkenntnisse waren vielleicht  bei drei oder vier dieser Südstaatler vorhanden. Vier Jahre später sind fast alle von ihnen zurück von ihren sechs- bis 18-monatigen Entsendungen und inzwischen schwer damit beschäftigt, ein brandneues, fast drei Milliarden Dollar teures Werk zu betreiben. Das einhellige Feedback dieser Expatriate-Truppe aus der US-Provinz: Unsere Trainingsprogramme haben sie genau so auf die Lebens- und Arbeitswirklichkeit in der deutschen Provinz vorbereitet, dass trotz aller Sprach- und Mentalitätshürden von der ersten Woche an ein effizientes Arbeiten mit den neuen deutschen Kollegen möglich war. Enorm hilfreich war dabei, das ich als Lead Trainer sowohl Heimat- als auch Gastland intim kenne und dabei vor allem die Bedeutung von regionalen kulturellen Identitäten in den Vordergrund stellen konnte. Oft beschränken sich Kulturtrainings auf nationale Verhaltensnormen, was natürlich bei Ländern mit kulturell nuancierten Regionen wie den Vereinigten Staaten oder Deutschland nicht ausreicht.

Ein anderes Beispiel ist unsere Arbeit mit einem globalen Automobilzulieferer. Dort betreuen wir keine Gruppen, sondern einzelne Führungskräfte, die ihre multinationalen Teams managen, anleiten, inspirieren, und motivieren müssen. Hier schaffen wir Resultate mit unserem individualisierten Coaching-Ansatz: Die Executives werden von ihrem Coach mindestens ein Jahr lang regelmäßig gefordert und dazu angehalten, ihre Komfortzone zu verlassen. Das trainiert die interkulturellen Muskeln und Übung macht den Meister.

Das Beispiel, bei dem ich womöglich nicht so gut aussehe (hey, vulnerability!) ist meine Arbeit mit einem deutschen Automobilkonzern, der in die Schlagzeilen geriet, weil manche Entscheidungsträger dort es für eine gute Idee hielten, Verbraucher und Behörden mit getürkten Abgaswerten zu täuschen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass sich meine Arbeit auf das Kulturtraining von Expats beschränkt hat. Rückblickend muss ich mir jedoch vorwerfen, nicht stärker auf eine strategisch beratende Rolle gedrängt zu haben. Vieles von dem, was dort in die Hose ging, hätte das Unternehmen vermeiden können, wenn die Führungsebene die US-Kultur besser verstehen würde. 

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Den Zugang zum Netz für alle gerecht zu gestalten, dürfte eine Riesenherausforderung werden. Solange nicht alle Weltregionen und alle sozio-ökonomischen Gruppen den Anschluss gefunden haben, bleibt Netzwirtschaft in den Kinderschuhen.

Zudem gilt es, gesellschaftsübergreifend für Netzkompetenz zu sorgen. Dabei geht es unter anderem auch um sich wandelnde Kommunikationsstile. Womit wir wieder beim Thema Kultur wären…

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Wie wär’s denn mit mehr Wettbewerb und weniger Marktregulierung? Kann Europa das?

Herausforderung für unseren Markt:

Ich bin zuversichtlich, dass agile Mittelständler wie wir uns in unserer relativ kleinen Beratungsnische gerade deshalb gegen die großen Consulting-Firmen behaupten werden, weil sich unsere Thought Leadership mithilfe von digitalem und sozialem Marketing ebenbürtig präsentieren lässt.

Herausforderung für unsere Firma:

Wir haben in den letzten Jahren gelernt, remote zu arbeiten. Für manche in unserem kleinen Team sind die damit verbundenen Prozesse erstmal mit Anpassung verbunden. Das trifft inzwischen vor allem auf mich selbst zu. Meine Millennial-Kollegen tun sich da oft leichter. Aber wir essen das gleiche, was wir auch unseren Kunden auftischen: Sich an ein neues normal zu gewöhnen, ist unser Geschäft. Und nichts ist so konstant wie der Wandel.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Geärgert: Am Netz an sich ärgert mich nichts. Das, was manche damit anstellen, kann mitunter nerven. Der Drecks-Spam, zum Beispiel. Und die unsäglichen Versuche von Politik und Lobbyisten, die Neutralität des Netzes einzuschränken.

Gefreut: Die Demokratisierung von Information.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Gastautor zum Zug kommen lässt.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat 

Getting to Si, Ja, Oui, Hai, and Da – von Prof. Erin Meyer. Erin hat enorme Praxiserfahrung: sie unterrichtet an der INSEAD-Universität in Paris und reist als Beraterin seit Jahren durch die Welt. Wer will, kann sich das auch anhören. Sie war vor kurzem zu Gast in meinem Podcast:

http://theculturemastery.com/2016/03/03/learning-to-read-the-culture-map-with-erin-meyer-the-culture-guy-podcast/

ein spannendes Buch, das Dich inspiriert hat

Global Dexterity – von Prof. Andy Molinsky. Praxisorientiert, Konzepte schlüssig dargestellt, unmittelbar anwendbare Ratschläge.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

Alle Kurse von New Peaks. Man muss dabei gewesen sein, um zu verstehen, was die Warrior und Wizard Camps aus einem herausholen.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit 

Weder Tool, noch Software: Das hilfreichste für meine Arbeit ist mein Team!

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Ach ja, Experten. Meiner Ansicht nach sind wir alle Experten – jeder auf seine Art, jede auf ihrem Gebiet. Deshalb bin ich ein so großer Fan von Mastermind-Gruppen. Wenn sich mehrere Menschen zusammenschließen, um gemeinsam an ihren Ideen, Geschäftsmodellen, oder Karrieren zu arbeiten, kann magisches entstehen.

hier zum Thema Masterminding einlesen.

Weitere exklusive Interviews aus der Netzwirtschaft gibt es hier.