Interview
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Interview mit Bodo Andrae – Verlag Deutsche Polizeiliteratur

Bodo Andrae Verlag Deutsche PolizeiliteraturWer ist Bodo Andrae? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin jetzt seit 20 Jahren im Verlagsgeschäft tätig, Anfangs noch beim Computerliteratur und -software Pionier DATA BECKER in Düsseldorf. Dort habe ich noch als Schüler meinen ersten Computer, einen Commodore 64 erworben. In der BASIC Programmierung bin ich jedoch nicht viel weiter als über „10 Print „Bodo“ / 20 Goto 10 / RUN“ hinausgekommen. Jobtechnisch hat alles mit der Tätigkeit als Produktmanager in der Auslandsabteilung angefangen, mit der Aufgabe Software für die ausländischen Zielmärkte zu lokalisieren, danach war es die Entwicklung kaufmännischer Software. Zum Glück haben Marketing und Kommunikation, meine Studienschwerpunkte, immer eine große Rolle gespielt und das ist auch heute noch so in meiner Tätigkeit als Geschäftsführer für den Verlag Deutsche Polizeiliteratur. Man höre und staune – ein Wirtschaftsunternehmen der Gewerkschaft der Polizei, die ich bis zum Studium der Stellenanzeige gar nicht kannte. Wir sind klein, aber fein, mit 23 Mitarbeitern und einem Außendienst bestehend aus ca. 100 Handelsvertretern. Wir müssen ohne Marketingabteilung und Produktmanagement auskommen, das liegt, neben der Nutzung von spezialisierten Dienstleistern, in den Händen meiner Anzeigenleiterin und den meinen. Kurze Entscheidungswege, aber auch jede Menge Verantwortung.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Schon nach einer sechswöchigen Interrail-Tour durch Europa hat mich als Jugendlicher der Reisevirus erwischt, vor dem BWL Studium reiste ich dann zwei Jahre als Backpacker durch den Nahen Osten und Afrika. Ich träume seitdem vom Trip um die Welt im eigenen Reisemobil und sammle dazu alles Erdenkliche an Material.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

forum kriminalprävention. Unser Schwerpunkt liegt jedoch auf regionalen Präventionsschriften, mit einem breiten kriminalpolizeilichen Präventionsspektrum, von der Kinderverkehrsziehung über Einbruchschutz bis zur Drogen- und Gewaltprävention. Wir bewegen uns mit den polizeilichen Themen in einer Nische. Der vom Unterstützungsgedanken geprägte Anzeigenverkauf ermöglicht es, uns gegen den Trend des rasanten Verfalls der Anzeigenerlöse der Printmedien zu stemmen. Natürlich wird auch für uns der Wind rauer. Die größte Herausforderung ist jedoch nicht die Zurückhaltung der Gewerbetreibenden bei der Printwerbung, sondern die Suche nach geeignetem Vertriebspersonal. Handelsvertreter im Anzeigenverkauf sind eine aussterbende Rasse. Ferner ist der Mediaberater offensichtlich kein attraktives Berufsbild für die nachrückenden Generationen.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Am erfolgreichsten sind wir seit Jahren im Bereich der Verkehrsprävention mit unseren Verkehrserziehungsmalheften. Die Zielgruppe sind je nach Malheft Kindergartenkinder und Schulanfänger. Leider können wir aus Kostengründen nicht so viele Hefte produzieren wie Sie in der Prävention durch Kindergärten, Schulen und Verkehrserzieher benötigt werden. Es handelt sich um regional beworbene Broschüren, die durch die Gewerbetreibenden vor Ort in Form von Anzeigen finanziert werden.

In 2013 lagen wir bei 205 Verkehrserziehungsmalheften in 2014 bereits bei 251, Tendenz steigend. Der Anzeigenumsatz konnte dadurch innerhalb eines Jahres um 15% gesteigert werden. Die Verkehrserzieher, welche in der Regel bei unserer Mutter der Gewerkschaft der Polizei organisiert sind, gewährleisten eine optimale Distribution und auch die entsprechende Nähe zur Polizei. Ferner erhalten wir so auch ein direktes Feedback. Leider hat dieser Erfolg eine Reihe von Trittbrettfahrern hervorgerufen, das ist nicht anders wie in anderen Branchen. Neben der optimalen Distribution, achten wir jedoch darauf, stets die qualitativ besten Produkte am Markt zu haben.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

PolizeiDeinPartner.de– ins Internet portiert. Mit dem bestehenden Auftritt haben wir eine solide Content Basis für alle Präventionsinteressierten geschaffen. Derzeit arbeiten wir an der Integration lokaler Präventionsprojekte in der ganzen Republik sowie an Präventionsvideos. Ideen haben wir noch viele, um die Attraktivität und Aktualität zu verbessern. Wir müssen jedoch auch auf die Kosten achten, die natürlich in einem Verhältnis zu den Erlösen stehen müssen. In einer ersten Online-Euphorie wollten wir das Konzept „Malheft“ schon vor Jahren mit einer App digitalisieren. Es hat sich jedoch gezeigt, dass dies für den Bereich Malheft, vor allem im Kindergarten noch zu früh ist. Aber die Zeit wird kommen, wo auch im Kindergarten Tablets selbstverständlich sein werden.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Wir befinden uns alle in einer permanenten Beschleunigungsphase. Gesellschaftliche Strukturen und staatliches Regelwerk halten hier jedoch nicht mit. Menschliche Evolution ist ein langsamer Prozess. Es nützt nichts, neben dem Second Screen Informationen auch noch auf einem Third Screen parallel konsumieren zu wollen. Dies wird zum digitalen Bumerang für uns alle werden. Nur weil Kleinkinder jetzt schon mit 2 Jahren auf dem Tablet rumwischen können heißt das nicht, dass Sie ihre Gehirnkapazität bereits zu 50% nutzen könnten. Das hat die Evolution offensichtlich irgendwann vorgesehen, jedoch nicht so schnell. Wir überhitzen quasi, wie ein billiger Wasserkocher aus China ohne TÜV.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Was die digitale Infrastruktur angeht haben wir jetzt schon enormen Nachholbedarf in Europa. Unsere Firma hängt beispielsweise noch nicht einmal am Glasfaserkabel, weil die Stadt die Kosten des Ausbaus der Infrastruktur scheut. Wir nutzen daher die LTE Cloud, so weit so gut, der Erfolg der Cloudvermarktung führt aber bereits zu spürbaren Engpässen im Datendurchsatz. In der bunten Streaming Welt sind Anbieter wie Amazon Prime in der Prime Time noch nicht in der Lage mir einen Film störungsfrei nach Hause zu streamen, schon gar nicht in HD. Das zu transferierende Datenvolumen steigt permanent an, das können auch die cleversten Kompressions-Algorithmen nicht regeln. In den USA wird störungsfreies Streamen bereits zum Luxus, für das nicht nur die Nutzer sondern auch die Anbieter immer mehr zahlen müssen. Bandbreite im Netz wird zunehmend monetarisiert. Ich hatte mich schon vor vielen Jahren gefragt, wie es sein kann, dass sich so viele Unternehmen zeckenartig an der von anderen geschaffenen Infrastruktur bedienen können.

In der Haut von Facebook und Google möchte ich eigentlich gar nicht stecken. Wir haben hier in Deutschland sehr hohe Datenschutzstandards. Die übertragen wir nur noch nicht einmal ansatzweise auf Daten- und Targetingkraken wie Google, Facebook und Co., die damit immer größere Werbebudgets aus den lokalen Märkten saugen. Warum nicht? Gute Frage, schon die Europäer können sich hier auf keine abgestimmte Strategie zum Datenschutz verständigen. Es wirkt wie eine Ohnmacht, oder sind die Lobbyisten der Kraken schon so mächtig? Durch wenige konsequente Regelungen ließe sich das Geschäftsmodell der Monopolisten empfindlich stören, ohne gleich zu handeln wie die Chinesen, die sich stets die totale Kontrolle im Netz vorbehalten.

Herausforderung für unseren Markt:

Verlage sind wohl am meisten gefordert, wenn es um die Digitalisierung geht. Die Printanzeigen und Vertriebserlöse werden weiter zurückgehen. Display-Werbung stagniert jetzt schon, mit Apps ist aufgrund der hohen Investitionskosten kaum Geld zu verdienen. Große Konzerne wie Axel Springer kaufen sich Immobilien- oder Partnervermittlungsportale, um ihre digitalen Erlöse zu generieren. Das nennt sich dann Erlöse aus eCommerce, mit Verlag hat das nichts mehr zu tun. Das liegt allerdings voll im Trend, anders ist es wohl nicht zu erklären, dass sich der Allianzkonzern eine Tankstellenkette gönnt oder die Beteiligung an einer Fußballmannschaft. Da haben es kleine und mittelständische Verlage mit ihrer dünneren Kapitaldecke deutlich schwerer neue Umsatzquellen zu erschließen. Heilsbringer im Verlagswesen scheinen u.a. Communities, Paid Content, Premium Content, Webinare oder klassisches Seminarwesen zu sein, doch die Erfolgsmodelle sind selten. Neben der Prozessoptimierung sind vor allem echte Innovationen notwendig.

Herausforderung für unsere Firma:

Es geht es zunächst einmal darum, uns in unserer Nische der kriminalpolizeilichen Prävention zu behaupten und die Marktführerschaft zu verteidigen. Das wird auch heißen, Nachahmer durch effektivere Prozesse und konstante Innovationen auf Distanz zu halten. Mittelfristig werden wir uns immer noch auf die Printprodukte konzentrieren, jedoch auch versuchen sinnhafte crossmediale Pakete für unsere Kunden zu schnüren. Wir haben beispielsweise kürzlich einen Einbruchschutzflyer entwickelt, der seine Contentverlängerung auf unserem Präventionsportal findet. Kunden können sich im regional eingesetzten Flyer präsentieren, aber auch mit zusätzlicher Reichweite im Web. Große Sorgen mache ich mir im Hinblick auf den Rückkanal, den Smart TVs in Zukunft bieten werden. Die TV Vermarkter werden so in einem ersten Schritt in der Lage sein, die Targeting-Profile ihrer Zuschauer zu schärfen und in einem zweiten Schritt werden sie spezifische und vor allem regionale Werbung ausliefern. Das wird uns wehtun, da die regionalen Werbetreibenden unsere Stütze sind.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Am meisten geärgert hat mich, dass das Internet einen neuen effektiven Weg für kriminelle Individuen geschaffen hat, um arglose Bürger und Unternehmen zu attackieren und zu schädigen. Cybercrime ist ein stetig wachsendes Thema. Es bietet uns jedoch auch die Chance, mit unseren Präventionsmedien diesem Problem entgegenzuwirken.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Ich hätte gerne einen Cloudbutler. Ich möchte nicht nur ein sich selbst aktualisierendes Bücherregal in meiner persönliche Cloud zu meinen persönlichen Interessen, sondern auch eine künstliche Intelligenz, die für mich stetig auf die Suche nach relevantem Content geht. Sei es der neue Reiseanbieter für Flusskreuzfahrten auf dem Irawadi in Myanmar, das geniale Solarpanel für das Expeditionsmobil oder eine neue Therapie für Hautkrebsvorstufen. Suchen in endlosen Datenweiten kann zwar Spaß machen, aber auch wertvolle Lebenszeit vergeuden.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Zu den Standards gehören für mich die Newsletter von Meedia.de und die W&V Printausgabe, auch wenn letztere für uns ein wenig zu agenturlastig ist. Sehr gut finde ich auch die Newsletter LocationInsider.de und Mobilbranche.de wg. der Aktualität und Themenvielfalt.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat 

Geld muss her – bloß wie? Verlage suchen den Internet-Heilsbringer
Schon ein älterer Artikel, beschreibt nüchtern wie schwer aber eben dennoch wichtig das Experimentieren ist.

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Cyber-Sicherheit (Studien zur Inneren Sicherheit) von Hans-Jürgen Lange (Herausgeber), Astrid Bötticher (Herausgeber) / Gibt einem ein umfassendes Bild zum Thema auf hohem wissenschaftlichem Niveau.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast

VDZ Kongress der Deutschen Fachpresse in Essen 2012. Hier ein Vortrag bei dem um neue Geschäftsmodelle für Verlage ging. Der Vortragsraum war übervoll. Es wurde eine sog. Vermarktungs-Kaskade der Online-Vermarktung in acht Stufen vorgestellt. Das war interessant. Dann kam die Frage ins Auditorium wer mit seinem neuen Geschäftsmodell im Internet schon Geld verdient. Einer von ca. 100 Zuhören zeigt auf, es war ein Dienstleister, der hoffnungsvollen Verlagen die Webinfrastruktur verkauft hat. Das war lustig, frustrierend aber auch beruhigend zugleich. Wären 50 Arme rauf gegangen, wären wir sehr klein mit Hut gewesen.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

http://www.regiograph.de/). Ein durchdachtes Tool zur Visualisierung von Daten, wie Kundenstandorte, Vertreterradius und vor allem auch Vertriebspotentialen. Man bekommt Denkanstöße und Erkenntnisse, die keine Tabelle oder Chart liefern kann.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Na ja, ich würde mich schon gern einmal mit Herrn Mathias Döpfner (Vorstandsvorsitzender des deutschen Medienunternehmens Axel Springer SE) austauschen. Er hat zwar den Vorteil, im Geld zu schwimmen und so besser experimentieren zu können, durch seinen breiten Erfahrungsschatz und Blick über den Tellerrand, auch international, könnte er uns aber sicher auch eine nachhaltige Überlebensstrategie aufzeigen.

 

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