Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Andrea Ramponi -Marin Software

Andrea Ramponi Marin Software Wer ist Andrea Ramponi? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Wie wird aus einem „Steinbock“ ein „Fischkop“? Ganz einfach – ein Bündner aus der Schweiz zieht nach Hamburg und bleibt. Geboren und aufgewachsen in der idyllischen Alpenkulisse das Engadins hat es mich nach Hamburg verschlagen, und dass nunmehr schon vor 18 Jahren. Endlich volljährig in Hamburg 🙂 . Angefangen an der Uni Hamburg mit einem LL.M. Abschluss in Jura zum Thema „Urheberrecht im Internet“ hat sich mein beruflicher Werdegang in die Internetwelt früh abgezeichnet. Verschiedene Stationen in der digitalen Wirtschaft in verschiedenen Bereichen – vornehmlich Agenturen und Softwarefirmen – haben mich nachhaltig geprägt. Die Geschwindigkeit, Agilität und Innovationskraft des digitalen Zeitalters haben mich von Anfang an fasziniert. Der Anspruch „ein Leben lang zu lernen“ ist etwas, was mir voll und ganz entspricht und mich antreibt. Lernen ist wie Schwimmen gegen den Strom – wenn du damit aufhörst, wirst du abgetrieben. Dafür ist Hamburg das perfekte Umfeld – das Herz der digitalen Wirtschaft in Deutschland schlägt hier. Berlin mag kreativ, arm und sexy sein, in Hamburg versammeln sich dafür die relevanten Player und damit auch viele nahestehende Dienstleister. Das macht Hamburg zu einem überaus spannenden Ort – abgesehen von den allgemeinen Vorzügen der schönsten Stadt Deutschlands.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ups – einen kleinen? Ich bin ein sehr kommunikatives und soziales Wesen. Ich mag Menschen und die Menschen mögen mich. Kombiniert mit meinem italienischen Naturell liebe ich es, Gastgeber zu sein. Gutes Essen und guter Wein im Kreise seiner Freunde, Bekannten und auch immer neuen Menschen ist, was das Leben spannend und lebenswert macht. Damit ich meine „Leidenschaft“ voll und ganz ausleben kann, habe ich einen riesigen „Schrebergarten“ mit Steinhaus und knapp 800 qm2 Fläche komplett renoviert und hergerichtet. So kann ich unumwunden behaupten, dass „Gardening und Barbecueing“ zu einem Spleen geworden ist. Abgesehen davon war und ist es auch ein willkommener Ausgleich zu meiner täglichen Arbeit. Körperlich arbeiten und sehen, was man gemacht hat – ein toller Ausgleich. Weiter bin ich ein großer Tennisfan und war in meiner Jugend ein leidenschaftlicher Eishockeyspieler und Skifahrer. Der jährliche Skiurlaub mit meiner Familie ist der große Luxus, den wir uns gönnen.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Viele Werbetechnologie-Unternehmen konzentrieren sich auf eine Disziplin – zum Beispiel Search Marketing oder Display Marketing – die sie dann perfekt beherrschen. Das ist im Prinzip richtig und gut. Jedoch setzen die Kunden fast immer mehrere Marketing-Technologien parallel ein und stehen dann vor der komplexen Herausforderung, die verschiedenen Anbieter zu synchronisieren und effizienter zu werden.

Marin Software hilft den Unternehmen, im digitalen Marketingmix den Überblick zu behalten und Multiplikatoreffekte zu realisieren. Das Stichwort hierbei heißt „Cross-Channel“. Das bedeutet, dass Werbekampagnen in verschiedenen Kanälen miteinander verbunden und abgestimmt werden können. Die Effekte aus solchen synchronisierten Marketingkampagnen sind um ein vielfaches wirkungsvoller, als wenn die Maßnahmen isoliert durchgeführt würden.

Unsere Kunden schätzen zudem besonders unsere Unabhängigkeit von den großen digitalen Werbeanbietern. Wir können prinzipiell mit jeder Plattform zusammenarbeiten und unseren Kunden dadurch eine neutrale Sicht auf seine Marketingaktivitäten vermitteln.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Insbesondere in einem internationalen Unternehmen ist es eine Herausforderung, dass die gesamte Firmenkommunikation einfach und transparent und für jeden nutzbar ist. Wir setzen dabei auf alle verfügbaren digitalen Kanäle: VoIP-Telefonie, Erreichbarkeit per Chat, Dokumenten-Sharing u.a. über Google Docs, Videokonferenzen und Webinare etc. Wir erreichen damit eine Nähe der zwölf Standorte weltweit, die sonst nicht möglich wäre.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Ein großes Fragezeichen ist für mich immer noch die besonders in Deutschland sehr starke Konzentration auf marktbeherrschende Unternehmen. Auf der einen Seite wird von allen Seiten – auch von den Verbrauchern und Internetnutzern – mehr Vielfalt und Auswahl gefordert und auf der anderen Seite hat ein Unternehmen wie zum Beispiel Google nirgendwo auf der Welt einen so durchdringenden Marktanteil wie in Deutschland. Da sind wir einfach nicht konsequent genug, dass wir das, was alle wollen und fordern, dann auch einfach mal umzusetzen. Innovation aus Deutschland (oder Europa) aus tiefer Überzeugung, ehrlich, nachhaltig und umfassend zu unterstützen, vor allem auch was Finanzmittel und Rahmenbedingungen angeht. Sich zu beklagen ist halt immer einfacher, als etwas anders zu machen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Gut ausgebildete Fachkräfte zu bekommen, ist sicher eine der größten Herausforderungen in der digitalen Wirtschaft. Wir alle beobachten, dass die Zeit, eine offene Stelle zu besetzen, in den letzten Jahren immer länger wird. Schwieriger ist es auch geworden, überhaupt geeignete Kandidaten zu finden.

Ich habe zwei Kinder, die zur Schule gehen. Wenn ich auf der einen Seite sehe, was in den Schulen heute noch unterrichtet wird und auf der anderen Seite, was wir an „Skills“ und „Attitudes“ in unserer Wirtschaft brauchen, da habe ich große und begründete Bedenken. Wir müssen unbedingt und schnell einen Weg finden, unser Bildungssystem den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechend anzupassen. Alle reden vom digitalen Transformationsprozess, aber keiner scheint die Schulen da miteinzubeziehen. Wir dürfen das nicht alleine der Politik überlassen – sonst sind wir verlassen und zwar schneller als wir das wahrhaben wollen.

Herausforderung für unseren Markt:

Insbesondere für uns, als Anbieter von Dienstleistungen für digitale Werbung, ist es von entscheidender Bedeutung, wie Werbung im Internet von den Nutzern wahrgenommen wird. Ist Werbung das nervige Pop-Up, das störende, blinkende Banner? Oder ist es die auf mich zugeschnittene, relevante Information zur richtigen Zeit? Hier sind die werbetreibenden Unternehmen gefragt, dieses zu fördern bzw. die neuen Technologien einzusetzen. Die Technologien, um nur noch relevante und sinnvolle Werbebotschaften zu platzieren sind alle einsatzbereit. Jetzt müssen die Marketingabteilungen in den Unternehmen diese noch flächendeckend einsetzen.

Wir brauchen Menschen, die das Thema Werbung neu denken, anpacken und umsetzen. Einfach die „alten Muster“ auf den digitalen Kanal anpassen, das reicht schon lange nicht mehr. Was wir dringend brauchen, sind Freigeister, die sich von den herkömmlichen Modellen, den Denkweisen und Herangehensweisen lösen und auf einem „weißen Blatt Papier“ anfangen, neu zu denken und nicht die vollgeschriebenen Papiere aus der Vergangenheit versuchen anzupassen. Bildlich gesprochen, brauchen wir Menschen, die bei „Wind of Change“ anfangen, Windmühlen zu bauen und sich nicht hinter Mauern verschanzen. Allen, die sich das nicht zutrauen, sein mit einer chinesischen Weisheit geantwortet: „Wer denkt, zu klein zu sein, etwas verändern zu können, der hat die Nacht noch nie mit einer Mücke verbracht“.

Herausforderung für unsere Firma:

Als unabhängiges, internationales und eher mittelständisches Unternehmen muss Marin Software trotzdem mit den großen der digitalen Branche mithalten. Wir sind deshalb immer wieder gefordert mit den Entwicklungen von Facebook, Google, Bing oder Yahoo! Schritt zu halten und unseren Kunden stets die neuesten Features auch in unserem Interface anzubieten. Hier kommt uns das Thema Cloud und Distributed Computing sehr entgegen: Es bietet uns dafür ganz neue Möglichkeiten und eine Skalierung, die es uns erlaubt, rasch auf Marktänderungen oder neue Anbieter im Markt zu reagieren. Wir haben unsere Infrastruktur entsprechend flexibel angepasst und können deshalb zum Beispiel als einer der ersten von Anfang an die API-Entwicklung für Werbung auf Instagram beeinflussen und anbieten.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Das Tollste am Internet allgemein ist die Möglichkeit, so einfach an so viele Informationen zu gelangen, wie es zuvor niemals möglich schien. Informationsquellen und Archive, die zuvor nicht zugänglich waren, sind von nahezu jedem Ort der Welt nutzbar. Das ist eindeutig ein ganz toller Nutzen des Internets.

Auf der anderen Seite ist man mit dem Überangebot an Informationen auch sehr schnell überfordert. Was sind seriöse Quellen? Welchen Angeboten kann man vertrauen? Ist das was auf Seite eins bei Google steht wirklich das relevanteste Ergebnis? Das sich so viele Menschen bei der Informationssuche in Abhängigkeit von nur einem Unternehmen – zurzeit Google – begeben, ist schon kritisch zu betrachten.

Was mich ganz ehrlich am Internet ärgert, ist die „Kostenlos-Mentalität“ – das hat auch dazu geführt, dass der Stellenwert von Urheber und deren Werken nachhaltig beschädigt wurde. Auch hier müssen wir neu denken und neue Möglichkeiten finden, Urheber und „Content Creation (im Sinne eines Werkes)“ ehrlich und ihrem Wert entsprechend zu entlohnen. Kultur darf seine Bedeutung für die Gesellschaft nicht verlieren. Wir müssen aufpassen, dass uns die „Seele unserer Gesellschaft“ nicht wegbricht, weil keiner für (anspruchsvolle) Inhalte den fairen Preis bezahlen will. Katzenbilder alleine reichen nicht aus.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Unser Bildungsproblem.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

TURI2 ist nach wie vor ein toller Service, um täglich über die deutsche Medienszene auf dem Laufenden zu bleiben. Simpel, unkompliziert und tagesaktuell für die Medienbranche. Das macht Spaß und ist sicher deshalb auch so erfolgreich. Weiter gehören natürlich Seiten und Newsletter von Anbietern wir TechCrunch, econsultancy, Lead Digital, Thomas Hutter und nicht zuletzt der Online Marketing Rockstars und viele weitere dazu. Das Thema „digital“ ist schlicht zu umfassend, dass es mit einer Seite, einem Blog, oder einem Newsletter abgedeckt werden könnte.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat 

Den einen Artikel, der mich vollends begeistert hat, gibt es nicht. Ich lese sehr viel und aus vielen verschiedenen Artikeln und Quellen. Aus den meisten kann man dann eine/zwei Sachen für sich mitnehmen – mein Wissen, meine Gedanken und meiner Vorstellungen setze ich eher wie ein Puzzle aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Artikel, die ich grundsätzlich immer sehr spannend finde, sind die, die nicht die „allgemeine Meinung wieder geben“ – ich mag Artikel, die mich aus meiner geistigen Komfortzone holen.

Ich bin leidenschaftlicher Generalist und gucke sehr gerne auch immer über den Tellerrand hinaus. Nur so kann ich mich davor schützen, zum „Nachplapperer“ zu werden und meinen Anspruch gerecht zu werden, aus verschiedenen Blickwinkeln heraus meine „eigenen Meinung zu bilden“. Daher – nein, den einen Artikel gibt es nicht.

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Aus vertrieblicher Sicht ist meiner Meinung ein absolut lohnenswertes Buch „Let’s Get Real or Let’s Not Play: Transforming the Buyer/Seller Relationship“ von Mahan Khalsa. Absolut lesenswert. Weitere Bücher, die durchaus inspirierend sind, sind die von Tim Taxis. Ich mag es, dass hier mit „herkömmlichen Herangehensweisen und Konventionen“ gebrochen wird. Nur weil alle es so machen, heißt das noch lange nicht, dass es richtig ist. Diese Einstellung steht meiner eigenen sehr nahe.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast 

Generell ist es nicht zwangsläufig so, dass es nur auf den großen, bekannten Konferenzen gute Inhalte und Sprecher gibt. Man muss nicht zu einer DMEXCO oder SMX gehen, um Insights über die Branche und gute Tipps zu bekommen. Gerade die kleineren und unabhängigen Veranstaltungen haben sich in Deutschland gut etabliert – zu Recht. Als Beispiele sind hier das SEA Camp in Jena oder die OMK in Lüneburg zu nennen.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Ich bin ein großer Fan von Cloud-Sharing-Diensten wie Dropbox, Google Drive oder dem kollaborativen Arbeiten mit Google Docs. Es ist immer wieder herrlich zu sehen, dass 20 Personen gleichzeitig eine Tabelle in Google Docs ausfüllen und man nicht mehr die leidigen Excel-Tabellen per E-Mail hin und her senden muss.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Auch hier habe ich Schwierigkeiten, den einen zu benennen. Sehr gerne würde ich einen Tag lang mit Leuten wie Mark Zuckerberg, Sergey Brin oder auch Jeff Bezos arbeiten, lernen und ganz viel fragen. Ja genau – mit den Besten der Besten. Wahnsinnig beeindruckt bin ich von Mark Zuckerberg – ich muss gestehen, ich war kein „Facebook-Fan“ vom ersten Tag an – je mehr ich aber gesehen und gelernt habe, desto größer wurde meine Respekt vor ihm, seiner Idee, seiner Weitsichtigkeit und vor allem der Architektur der Plattform(en).

Weitere exklusive Interviews aus der Netzwirtschaft gibt es hier.