Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Martin Sperling – VOTUM

Martin Sperling VOTUMWer ist Martin Sperling? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Ich bin Geschäftsführer der VOTUM GmbH in Berlin. Außerdem studierter Dipl. Designer, der sich in der Agentur aber schon lange nicht mehr um Design kümmert, weil andere das dort besser können. Dafür beschäftige ich mich umso intensiver mit neuen agilen Ansätzen und Umsetzungsstrategien im E-Commerce.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich würde es nicht Spleen nennen, aber ich bin stolzer Besitzer einer Moto Guzzi – ein Old-Timer-Motorrad, das ständig kaputt ist, aber trotzdem Riesenspaß macht. Jedes Frühjahr gehen ein Kumpel und ich mit einer Moto Guzzi und einer alten Ducati auf Tour – von Berlin über die Alpen.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

VOTUM ist eine E-Commerce-Agentur für B2B und B2C. Wir unterstützen Unternehmen dabei, digitale Vertriebswege aufzubauen und zu optimieren. Dabei haben wir einen neuen agilen Ansatz entwickelt, wie wir den Spirit und die Geschwindigkeit von Start-ups in Kunden-Projekten auf die Straße bringen.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren? 

Eins unser Best Practise-Beispiele ist unser Kunde CEP. Bei dem Hersteller medizinischer Sport-Textilien konnten wir seit 2011 das Online-Projekt auf verschiedenen Ebenen immer wieder sehr weit vorne weiterentwickeln – sowohl im Marketing, als auch im Design, als auch auf technischer Ebene. Am Anfang ging es bei CEP darum, einen Online-Shop zu launchen, mit dem sie ihre hochwertige Funktions-Sportswear verkaufen konnten. Im Laufe der Zeit veränderten sich die Anforderungen. Eine Corporate-Website musste her, die nahtlos mit dem Shop verbunden ist. Wir entwickelten eine Hybrid-Lösung mit einem Design, das eben auch als Aushängeschild für das Unternehmen CEP funktioniert. Dazu musste der Shop im Zuge der Internationalisierung schnell, unkompliziert und mit geringem Aufwand in verschiedene Länder ausgerollt werden können. Auch das haben wir gemeinsam mit dem Kunden realisiert. Innerhalb von einer Woche kann entweder der Shop plus die Corporate Website oder auch nur eins von beiden in einer neuen Sprache online gehen. Jedes einzelne Land kann durch einen Mandantenshop schnell und einfach das Corporate Design des deutschen Muttershops übernehmen plus gesamten Artikelstamm und automatischer Übersetzung. Die Zusammenarbeit mit CEP ist wunderbar, da der Kunde sehr innovativ ist und wir mit ihm immer neue Lösungen entwickeln konnten. Und das zahlt sich am Ende auch aus. CEP wurde für seinen Online-Auftritt mehrfach für Online-Awards nominiert. Im März 2015 haben sie den INTERNET WORLD Shop-Award für den besten Markenshop mit nach Hause genommen.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Unser ganzes Business ist digital, von daher sind nahezu alle Prozesse bei uns logischerweise digital. Allerdings gibt es auch Bereiche, die wir wieder analog machen, weil sie digital langsamer sind. So haben wir zum Beispiel bei Kanban-Boards für die Planung der Tasks auf Entwickler-Ebene alles wieder auf ein analoges Board umgestellt. Man schreibt eine Aufgabe auf einen Post-it, dieses hängt einen Tag und dann ist es wieder runter vom Board. Da ist ein digitaler Überbau unnötig. Das haptische Zettel-an-ein-Board-Kleben ist hier auch ein wichtiger Arbeitsschritt.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Ich merke bei unseren Mitarbeitern bis Mitte Zwanzig, dass sie neuen Angeboten am Markt wie Uber oder auch Airbnb recht kritiklos gegenüberstehen. Wir müssen uns aber solche Wirtschaftsformen auch unter sozial-kritischen Aspekten anschauen. Denn letztendlich stellen diese Unternehmen Tools oder Plattformen bereit für Inhalte, für die sie dann aber nicht verantwortlich sind. Und davon wird es ja in Zukunft noch viel mehr Unternehmen geben, die ihre Verantwortung komplett umgehen. Ich glaube, dass wir ein Bewusstsein insbesondere bei der jungen Generation schaffen müssen, Verantwortung zu übernehmen und bei neuen Geschäftsmodellen auch kritischer hinzuschauen.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Besonders mittelständische Unternehmen stehen aktuell vor den Herausforderungen, die die Digitalisierung der wirtschaftlichen Prozesse mit sich bringen: Dabei prallt oft Ratlosigkeit auf mangelnde Umsetzungsgeschwindigkeit. Die Unternehmen wissen zwar, dass sie handeln müssen und zwar möglichst schnell, aber nicht was und wie dies zu tun ist. Die Folge ist blinder Aktionismus verbunden mit hohem Risiko des Scheiterns oder die totale Starre. Beides ist suboptimal, da die großen Player weiter an Boden gewinnen und es immer schwerer werden wird, mitzuhalten. Allein, die passenden, kompetenten E-Commerce-Spezialisten zu finden, ist für viele Unternehmen eine große Herausforderung.

Herausforderung für unseren Markt:

Die immer höher werdenden Einstiegshürden im E-Commerce erfordern eine ausgeklügelte Strategie, hohe Flexibilität und neue Denkansätze in den Unternehmen. Die hohe Umsetzungsgeschwindigkeit, ein so genannter „Startup-Ansatz“ kann zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor bei der digitalen Transformation werden.

Herausforderung für unsere Firma:

Wir leben diesen Ansatz bereits und nutzen die Chance, uns mit innovativen Strategien und agilem Projektmanagement zu positionieren. Nicht nur technisch, sondern auch strukturell. Das betrifft also vor allem unsere Arbeitsweise, die dadurch extrem flexibel und schnell wird, ohne an Qualität einzubüßen.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Am meisten freut mich immer noch, dass das Internet ein sehr direkt-demokratisches Medium ist. Jeder kann schreiben, was er möchte und es wird veröffentlicht. Aber das, was wir gerade erleben, ist natürlich die Kehrseite der Medaille. Ich meine die Proteststürme von Leuten, die sich radikal gegen Flüchtlinge austoben können.

Auf der anderen Seite steht aber auch die Frage, wie demokratisch das Internet dann wirklich ist. Und da kommen natürlich die Monopolisten ins Spiel. Denn wenn Facebook dich zum Beispiel rausschmeißt, dann hast du kein Netzwerk mehr. Das ist schon eine irre Macht, die solche Dienste haben.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Ein Start-up, das sinnlose Start-up-Ideen in Luft auflöst und das viele investierte Geld dafür einem guten Zweck zukommen lässt.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Wenn es um E-Commerce geht, lese ich regelmäßig Etailment, Exciting Commerce oder auch das Blog von Alexander Graf, Kassenzone. Auf allen Seiten finde ich großes Expertenwissen und hilfreiche Empfehlungen, die für meine tägliche Arbeit nützlich sind. Ansonsten schaue ich gerne in die „Wired“ rein, weil ich die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Technik sehr mag.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

Auf Etailment habe ich kürzlich einen sehr fundierten und praxisnahen Artikel zum Thema Warenkorboptimierung gelesen:

http://etailment.de/thema/marketing/Optimierung-von-Warenkoerben-3-Schritte-fuer-die-Praxis-3466

dasFilter.com zu lesen. Eine etwas theoretische, aber interessante Reflexion über die Verbindung von Karl Marx und dem Digitalen Kapitalismus:
http://dasfilter.com/gesellschaft/introducing-understanding-digital-capitalism-in-was-fuer-zeiten-leben-wir

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Markus Fost: E-Commerce-Strategien für produzierende Unternehmen

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Oft sind Präsentationen von Best Cases am interessantesten, da sie Einblicke in die Praxis liefern. Gutes Edutainment bieten die Vorträge von Johannes Altmann.

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Trello – für agiles Arbeiten einfach perfekt.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Beeindruckt hat mich Henning Wolf. Bei ihm habe ich meine Scrum-Master-Schulung gemacht und ich hätte Lust, einmal ein Projekt mit ihm durchzuführen. Der hatte ein unfassbares Zeitmanagement. Er hat eine Agenda vorgelegt mit zwei Tagen Intensivworkshop und auf die Minute genau war alles immer abgearbeitet. Dabei war alles sehr interaktiv – es gab 12 Teilnehmer mit Beiträgen und trotzdem ließ sich alles exakt takten. Das war schon sehr beeindruckend.