Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit Kai Stalmann – qantr.com

Kai Stalmann qantr.comWer ist Kai Stalmann? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

qantr.com anfing, um Organisationen und Projekte technologisch zu beraten, bei denen kompliziertere Fachlichkeit im Vordergrund steht.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Da gibt es leider gar nicht so viel Aufregendes, keine Videogames, kein Basejumping, kein Channel auf Youtube. Zählt Lego? Spiele ich mit meinen Söhnen dauernd. Und ich bin ein Fan der Digital Concert Hall. Lego Ninjago und Ligetis Macabre sind für mich schon eine spannende Kombination.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Auch wir bewegen uns nun schon eine Weile mit dem Strom und haben daher einen gewissen Überblick, was mit vernünftigen Mitteln technologisch möglich ist. Ein Vorteil für uns ist unsere Unabhängigkeit. Sicher haben viele den Anspruch, möglichst sachlich fundierte Vorschläge zu machen, aber dann darf man sich nicht exklusiv binden. Unsere größte Stärke liegt darin, dass wir uns auf die Gegebenheiten sehr ernsthaft einlassen, intensiv über ein gutes Lösungsdesign nachdenken und dann den pragmatischen, gangbaren Weg suchen, also auch über Kompromisse reden. Bei vielen Anbietern im Digitalbereich steht der Lösungsweg schon fest, bevor man mit dem Kunden gesprochen hat. Die speziellen Inhalte, die fachlichen Details und die politischen Besonderheiten einer Kultureinrichtung oder eines Forschungsinstituts werden bestenfalls höflich abgenickt.

Im Moment haben wir zwei Kunden mit einem extrem elaborierten eigenen Serviceprofil. Der eine arbeitet im Wissenschaftssektor, der andere ist eine große Kultureinrichtung. Bei diesen Clienten kommt man weder mit agilen buzzwords noch mit Untergangsmenetekel sehr weit. Man muss sich einarbeiten und es spielt eine Rolle, ob man sich für die Materie interessiert. Und das ist genau unser Ding.

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum?

Gute Frage. Es gibt immer Projekte, die in-time oder in-budget bleiben oder sogar beides. Aber dass bei einem großen Projekt am Ende alle KPI’s im optimalen Wertebereich liegen, ist nicht wahrscheinlich.

Ein Erfolgsfaktor ist die richtige Kompromisslinie zu finden, die Interessen der verschiedenen Stakeholder zu verstehen und auszutarieren. Ein kleines Startup kann sich über ein Skillset definieren. Aber bei größeren Organisationen und großen, internationalen Projekten funktioniert das so nicht. Und es wird nicht einfacher, wenn einige Projektbeteiligte auf ihren aktuell gehypten Verfahren und Technologien oder ihren persönlichen Vorlieben als best practises beharren und ihren Ansatz um jeden Preis und auf Kosten der sozialen Chemie durchboxen. Dass große Beharrlichkeit nicht unbedingt der wahre Jakob ist, habe ich auch schon mal auf etwas unfeine Weise vermittelt bekommen. Es ist unglaublich wichtig, das Mindset eines Projekts zu verstehen, und das kann je nach Branche oder Produkt äußerst verschieden und innerhalb eines Projekts sehr heterogen sein. Wenn man zu den Getriebenen zählt, kommen einem Bestandsicherer und Besorgte leicht rückständig vor. Aber Bremser gehören eben dazu. Ohne Bremsen keine Beschleunigung.

Mein zweiter Punkt wäre, dass oft zu sehr mit Wasser gekocht wird, und kaum jemand sich die Mühe macht, zu schauen, ob und wie ein Problem schon mal ernsthaft analysiert wurde. Hier ein prominentes Beispiel: Das Google Cultural Institute. Die haben es geschafft, die digitalisierten Sammlungsinhalte von etlichen großen Kulturinstitutionen auf ihre Plattform zu bringen. Solche Institute sind normalerweise sehr zurückhaltend wenn es um die Herausgabe ihrer Digitalisate, bzw. die digitale Distribution ihres Contents geht. Aber Google hat es (klar, dank Reichweite) hinbekommen, eine sehr große Zahl hochauflösender Bilder auf der eigenen Plattform zeigen zu können und seit neuestem mit dem Performing Arts Project auch Video. Technisch ist das letztlich ein Projekt auf Basis von Google Maps bzw. Street View, also absolut exzellent. Umso bedauerlicher ist es, dass die Objekte praktisch ohne Metadaten kommen, obwohl die Einrichtungen mit der Weitergabe von Metadaten normalerweise gar kein Problem haben. In den Einrichtungen, z.B. Louvre, Britisch Museum etc., sind vielen der Objekte immense Wissensaggregationen im formaler Form zugeordnet. Manche dieser Museumsobjekte haben 100MB an Metadaten mit sehr präziser Semantik. Da sind Forschungsergebnisse aus Jahrhunderten in formaler Sprache modelliert, prozessierbar und navigierbar: Dinge, Leute, Ereignisse sind untereinander vielfältig und verstehbar verknüpft. Also Digital Humanities von seiner besten Seite. Offenbar hat sich Google aber gesagt, das ist uns egal und das vorhandene Wissen auf ein Bruchteil reduziert. Sehr schade. Dass das auch anders geht, sieht man bei den Online Collections des British Museum. Dort sind deutlich mehr deskriptive Metadaten zugänglich und es gibt zumindest einen Sparql-Endpoint, der die Kontexte navigierbar macht. Damit will ich nicht sagen, dass RDF und Sparql das Gelbe vom Ei seien. Aber generell ist es für verschiedene Anwendungszwecke eine interessante Option, Information bzw. Wissen in einem Graphen zu organisieren. Das kann für Forschungsergebnisse, für industrielle Daten, Stichwort Industrie 4.0, oder z.B. für das immense Wissen, das Verlage in ihren digitalen Archiven speichern, Sinn machen.

Um auf die Frage zurückzukommen, ein best practice mag zu einem bestimmten Zeitpunkt wertvoll sein, funktioniert aber immer nur in einem engen Definitionsbereich und kann auch zu einer gewissen Ignoranz gegenüber wichtigen Unterschieden verleiten. Heute stehen so viele ausgereifte Building Blocks für sehr spezifische Problemstellungen bereit, on Premise oder in der Cloud. Manche Anbieter stellen ganze Sammlungen von Komponenten als Services in einem Store und es gibt ausgereifte Bibliotheken und Frameworks für jeden Zweck. Es ist von daher so einfach wie noch nie, hochangepasste Lösungen in einem Bruchteil der Zeit zu realisieren, die man früher für wesentlich schwächere Lösungen brauchte. Dennoch schlagen viele in den Projekten einen schwierigeren, nur eben bekannten Weg ein. Vielleicht sollte man sich in einem objektiv so dynamischen Umfeld auf die best practices der Vergangenheit lieber mit einer gewissen Ironie bzw. mit etwas Distanz beziehen.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

Der Mathematiker John Conways hat 1970 eine Art Spiel namens Life entwickelt. Conways zellulärer Automat simuliert mittels bewegter Muster auf einer Matrix, wie Entwicklungslinien von Populationen verlaufen, wie ein winziges Etwas sich zu einem Schwarm auswachsen und ausdehnen kann, aber auch wie eine scheinbar stattliche dynamische Struktur nach ein paar Iterationen regelrecht einfriert und zerfällt. So ähnlich funktioniert auch unsere Netzwirtschaft, die digitale Transformation. Man sollte einfach nicht denken, dass die Digitalisierung vor der Digitalbranche respektvoll Halt macht. Viele fundamentale Konzepte, die wir heute nutzen, stammen aus den 80ern, den 70ern und davor, also der heute nicht mehr vorstellbaren Prähistorie des Web, Sprachkonzepte etwa, Protokolle, Algorithmen. Die letzten Jahrzehnte der Werkelei am Web hat aber unglaublich viele technische Verbesserungen hervorgebracht. Gleichzeitig ist der Innovationsdruck auch durch immer besser verstandene Anforderungen nur gestiegen. Asynchrone und ereignisbasierte Architekturen, die extrem effizient sind und auf einem Prozessorkern 10, 20 Millionen Requests verarbeiten, brauchte früher kein Mensch, außer vielleicht am LHC, am Cern, wo zufällig das Web auch herstammt. Extrem beeindruckend sind auch die inzwischen funktional und auch von der Bedienung her ausgereiften Machine Learning Umgebungen, die hergebrachte ETL- und Analytics-Lösungen ablösen und die Regressionsmodelle und Deep Learning so einfach machen wie klassische Crystal Reports. Hat früher jeder eShop alles vom ERP bis zur Türklinke von Hand gecodet, so sind heute die anspruchsvollsten Building Blocks da, das Sign-On ebenso wie der Recommendation-Engine. Und damit erübrigt sich eben auch schon eine Menge dessen, was früher als Dienstleistung angeboten werden konnte.

Die erste Herausforderung liegt heute vor allem darin, den Mehrwert der Beratungsdienstleistungen zu zeigen. Nicht nur sind die Werkzeuge ausgereifter, zugänglicher, funktionaler, auch ist sehr viel Kompetenz in die Unternehmen eingezogen: die brauchen vieles gar nicht mehr einzukaufen und man muss es ihnen nicht mehr erklären. Web-Analytics, Web-Marketing, Prediction – das ist bei manchen Kunden schon fast Commodity. Dazu kommt, dass die Managed-Service-Angebote wie Azure und andererseits Plattformen wie IBM Bluemix inklusive des Watson Spuks oder die SAP Hana Cloud sehr hohe Standards setzen, die praktisch jedes Softwarehaus zwingen, sich so oder so damit auseinanderzusetzen. Das ist die zweite Herausforderung. Kunden, die kein Problem mit Public Clouds und dem amerikanischen Rechtsrahmen haben, werden früher oder später auf den Public Cloud Managed Service Mix abfahren. Das könnte bedeuten, dass am Ende die CIOs der Unternehmen nur noch direkt mit dem halben Dutzend der ganz Großen und ihren Implementierungspartnern reden. Ich glaube aber nicht, dass es so kommen muss. Chancen sehe ich vor allem in Offenen Standards einerseits und einem, wie soll ich sagen, digitalen Mittelstandsverständnis, das die Fachlichkeit des konventionellen Mittelstands genauso tief versteht wie die zur Modellierung vernünftiger Lösungen geeigneten Technologien, die idealerweise auf offenen Standards beruhen. Lange Zeit war das Wie einer Lösung völlig egal, aber letztlich hängt der Erfolg, die Nachhaltigkeit der Branche davon ab, ob es gelingt, Standards zu etablieren, die Interoperablilität, Neutralität, Wartbarkeit der Lösungen und letztlich fortschreitende Spezialisierung fördern. Es ist ein echtes Problem, dass jede noch so kleine Branchenlösung am Liebsten das Kontaktmanagement mitbastelt, statt sich auf die Fachlichkeit zu konzentrieren und vorhandene Lösungen zu integrieren. So was wäre in anderen Industrien, sagen wir z.B. Automotive, undenkbar.

Bund und EU machen sicher keine besonders glückliche Figur. Die Behörden sind wahrscheinlich sehr gewillt, aber zu weit weg vom Geschehen. Die fördern mit großen Beträgen Projekte wie Theseus vor ein paar Jahren und neuerdings die Future Internet Inititative, aber leider profitieren davon vor allem die, die offene Standards zu Recht als Bedrohung ihrer Privilegien fürchten. Nach meinem Verständnis wäre es gut, wenn Bund und EU in eine Infrastruktur investieren, die Verkehrsregeln fördert, Standards, aber nicht einzelne privatisierte monströs-lethargische Telekommunikationsmonopolisten und dergleichen.

Die dritte Herausforderung liegt darin, dass die Unternehmen, die CIOs strategisch weiter sind als die meisten Berater. Gut aufgestellte mittelständische Unternehmen haben im Allgemeinen ihre betriebswirtschaftlichen Basisservices voll durchkonsolidiert, sie haben längst einen Zoo an differenzierenden branchenspezfischen Services eingerichtet, der perfekt auf die Basissysteme eingestellt ist, und sie entwicklen auf Grundlage ihrer Basislösungen in separaten ‚agilen’ Teams innovative Prototypen für zukünftige Komponenten oder Apps. Man kann diesen Unternehmen nur noch wünschen, dass sie sich nicht über den gesamten Stack hinweg an einen Vendor gekettet haben und beweglich bleiben.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Ich finde, der direkte Zugang zu Information und zu Kulturgütern, egal ob Bilder aus dem Louvre oder digitalisierte taxononische Erfassungen, sind das Stärkste am Internet.

listen.hatnote.com, ein Projekt, das die Änderungen auf Wikipedia akustisch wahrnehmbar macht. Es stimmt, dass das Internet zur Demokratisierung beiträgt. Aber genauso lässt es sich zur Durchsetzung entgegengesetzter Wertesysteme verwenden. Wertesysteme sind dem Web leider herzlich egal.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

Der Science Weekly Podcast des Guardian und die Entrepreneurial Thought Leader Lectures aus Stanford sind meine Favoriten, perfekte Unterhaltung für unterwegs, sehr cool, sehr inspirierend, interessante Themen.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Jogi Löw. Er arbeitet mir Stars, die erfolgreicher sind als er selbst war in seiner Zeit als Spieler, und schafft es, ein Team zu formen, dass an einem Strang zieht.

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