Interview
Das Forschungszentrum

Interview mit André Hellmann – netzstrategen

André Hellmann netzstrategenWer ist André Hellmann? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

netzstrategen aus Karlsruhe. Ich beschäftige mich schon seit ewiger Zeit mit den klassischen und digitalen Medien und bin seit 2007 selbstständig und habe seither mehrere Firmen gegründet und zahlreiche Unternehmen bei ihrer Digitalisierung begleitet.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Ich bin total Auto-vernarrt – da bin ich aber auch familiär vorbelastet. Und daher stehe ich durchaus mal am Wochenende schon um 6 Uhr auf, um mit meinem Liebling ein paar Stunden ungestört durch den Schwarzwald düsen zu können – oder suche mir vor und nach Kundenterminen schöne Strecken aus, über die ich dann nach Hause fahren kann.

Die Highlights sind aber die paar Tage im Jahr, in denen ich dann richtig auf der Rennstrecke – am liebsten auf der Nordschleife oder in Spa-Francorchamps – mit dem Auto Spaß haben kann.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir begeistern für die digitale Welt, indem wir anwendbares Wissen vermitteln. Als Beratungsunternehmen für Digital-Strategie müssen wir bei vielen unserer Kunden erst einmal Wissen und Verständnis aufbauen, bevor wir gemeinsam teilweise grundlegende und existentielle Entscheidungen treffen können. Und diese sollten dann möglichst praktikabel und umsetzbar sein.

Genau das gleiche schätzen auch unsere versierten Kunden, die selbst tief in den Digital-Themen drin sind: Dass wir für jeden Fachbereich auch eine/n Fach-Strategen/in haben und gemeinsam schnell anwendbare Lösungen geschaffen werden.

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Ganz oft geht es in unseren Projekten zunächst darum, für Nutzer zum Beispiel auf Websites geeignete Ziele zu definieren. Einfach nur Nutzer zu haben ist ja schön, bringt aber nichts. Daher lautet die Frage: Wen wollen wir auf der Seite haben – und was genau sollen diese Menschen tun? Wenn das definiert ist, kann man auch die Erreichung der gesetzten Ziele messen. Erst wenn ich meine Zielgruppen sauber definiert und die entsprechenden Conversion-Pfade optimiert habe lohnt es sich, Nutzer auf eine Internetseite zu schaufeln. Das machen wir besonders gerne über die organische (also die nicht bezahlte) Google-Suche – genauer mit gutem, perfekt auf die Zielgruppen abgestimmten Content. Wenn Dir Google dann 143% mehr Besucher schickt (im Vergleich zum Vorjahr) ist das eine gute Bestätigung, dass man die Zielgruppe sauber definiert und richtig angesprochen hat. Das könnte man jetzt einfach auf “Suchmaschinenoptimierung” reduzieren – in Wirklichkeit steckt da aber viel strategische Arbeit dahinter. Denn wir wollen ja nicht (nur) die Suchmaschine glücklich machen, sondern in erster Linie die für den Kunden relevanten Nutzer. Ob auch dieser Plan aufgegangen ist, sieht man nicht an einer positiven Entwicklung der Nutzerzahlen, deren Verhalten muss sich ebenfalls verändern: Bleiben die Nutzer länger und klicken öfter, dann haben wir die richtigen Leute erreicht.

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Quelle: Google Analytics von outletstore-kaminoefen.de, August 2014 vs August 2013.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Wir haben keinen Bereich mehr, der nicht digital ist. Ein Fax schicken überfordert uns bereits. Um uns zu organisieren, zu kommunizieren und die Arbeit gemacht zu bekommen, nutzen wir ein webbasiertes Projektmanagement-Tool, wir chatten via Slack in Themen- und Projektgruppen – dort holen wir auch unsere Kunden hinein, damit wir hier schnell und strukturiert zusammenarbeiten können. Die meisten unserer Dokumente liegen in den Google Apps, wo wir auch Mails schreiben (solange es die noch gibt), Kalender pflegen oder über Google Sites unser Wissensmanagement betreiben.

Unsere Zeiterfassung läuft über mite, das wiederum mit Billomat verknüpft ist, worüber wir unsere Rechnungen als PDF erstellen und per Mail verschicken (in den aller aller aller meisten Fällen). Auch hier haben unsere Kunden Zugriff, damit unsere Arbeit transparent und fast in Echtzeit nachvollzogen werden kann – das spart uns sehr viele Rückfragen.

Alle diese Tools funktionieren auch mobil – was grundsätzlich Voraussetzung ist, da wir fast alle viel unterwegs sind.

Nun arbeiten wir noch an einem Ressourcenplanungstool, das wir mit dem Rest der Infrastruktur verheiraten können – dann sind wir rundum glücklich.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

In den digitalen Medien – und vor allem in den sozialen Kanälen – sprechen alle auf Augenhöhe. Und es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Zielgruppe unter 35 Nachrichten im Fernsehen schaut oder irgendwann dann doch die Zeitung abonniert. Daher ist die größte Herausforderung, dass alle relevanten Informationen zur Meinungsbildung überhaupt noch bei den Bürgern ankommen.

Da müssen die entsprechenden staatlichen Einrichtungen tatsächlich lernen, wie man hier wieder zum Volk durchdringt – und dazu muss man die Spielregeln lernen und den harten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit meistern.

Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Nach wie vor gibt es viel zu wenige Firmen in Deutschland, die sich ernsthaft und auf einem hohen, wettbewerbsfähigen bzw. zeitgemäßen Niveau damit beschäftigen. Da sich aber andere – vor allem ausländische – Unternehmen sehr intensiv damit befassen, wird der Abstand immer größer und das Konsumentenverhalten wird viel stärker von wenigen großen als von vielen mittleren und kleinen Playern beeinflusst – die sich dann an die großen anpassen müssen logischerweise.

Den eigenen Markt nicht selbst zu prägen und das Setzen der Erwartungshaltung anderen zu überlassen ist in meinen Augen wenig schlau und auch sehr teuer, da ich ins Hintertreffen gerate und meine Produkte ständig dem Maßstab anderer anpassen muss und nicht selbst entscheiden kann, an welchen Themen gearbeitet wird.

Herausforderung für unseren Markt:

Die Beratungsbranche muss noch viel tiefer in die Digital-Themen eindringen; die meisten unserer Kollegen beraten zu theoretisch oder zu wenig mit tiefgründigem Wissen. Das merken die Kunden.

Und die Agenturen müssen Beratung grundlegend lernen. Der Kunde kann im Digital-Umfeld oft seine Bedürfnisse und Anforderungen nicht formulieren – oder hat keine gute Wissensgrundlage für die Entscheidungen.

Werden diese großen Herausforderungen nicht gemeistert, wird es eng für die Firmen – aber auch für deren Kunden. Im Netz gehen so langsam die Fehlschüsse aus und die Marktanteile werden immer schneller und irreversibel verteilt.

Herausforderung für unsere Firma:

Für uns ist die größte Herausforderung, Wege zu finden, die unser hohen qualitatives Niveau erhalten, unsere Kunden begeistern – und gleichzeitig mit der steigenden Komplexität z.B. internationaler Projekte und der schieren Menge der Arbeit klar zu kommen ohne personell in den Himmel zu wachsen.

Wir haben uns dazu entschlossen, eine überschaubare Größe beizubehalten, damit wir die familiären und informellen Strukturen beibehalten können. Von daher müssen wir neue, schlaue Wege finden, wie wir unser Wissen begeisterungsfähig teilen…

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Ich ärgere mich nicht so schnell. Aber was mich öfter traurig stimmt, sind die vielen “Trolle” bzw. deren negative Kommentare im Netz – vor allem, wenn es um Fremdenfeindlichkeit oder Sexismus geht. Dass all das 2015 noch so ein gesellschaftliches Thema ist, irritiert mich einfach – und dass mein geliebtes Internet dafür genutzt wird, ist schade. Aber das ist eigentlich kein Problem mit dem Netz, sondern eines unserer Gesellschaft.

Freuen kann ich mich hingegen schnell und über vieles. Und was mich am meisten an der digitalen Welt freut ist, dass ich über sie ständig und überall Kontakt zu meinen Kindern, meiner Frau – aber auch mit Kunden, meinen Kollegen und Freunden halten kann. Ich fühle mich immer mit den Menschen eng verbunden, die mir wichtig sind. Und das ist ein tolles Gefühl und beflügelt einfach.

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Ein Service, mit dem ich mir überall von Leuten ein Auto, Motorrad oder Fahrrad leihen kann – also ein AirBnB für Fortbewegungsmittel. Das wäre cool.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

niemanlab. Erstere sind prima tief drin in allen Themen rund um Online-Marketing und bringen gute Impulse für Kennzahlen, Vorgehensweisen oder Projektvorschläge.

Das Nieman Lab hält mich über die wichtigsten, journalistischen Innovationen auf dem Laufenden – damit bin ich für die immer noch für uns wichtige Medienbranche auf dem neuesten Stand, was hier weltweit passiert.

einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

Tulsa Frontier auf Nieman Lab. Der Verleger einer Tageszeitung in Tulsa verkauft den Verlag an Newscorp und startet noch am gleichen Tag eine Online-Nachrichtenplattform mit mehreren Pulitzer-Preisträgern, die nur auf Leser-Erlösen basiert und keine Werbung beinhaltet. In dem Artikel wird das alles sehr gut ausgeführt. Wünsche denen viel Erfolg!

ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Rework von den Gründen von 37 Signals

Im Detail kann ich mich nicht mehr erinnern – aber es war faszinierend und wir haben einiges davon auch für die netzstrategen ernst genommen und so umgesetzt.

eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Wir machen monatlich in unserem Büro den “Digitalen Feierabend”, bei dem es immer drei Vorträge von Digitalos à ca. 15 Minunten gibt. Da ist jedes Mal was spannendes und lehrreiches dabei.

netzstrategen.com/machen/feierabend/

twitter.com/search?q=%23nmfka&src=typd&vertical=default&f=tweets

das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Für mich ist das die Summe der Tools, die ich nutze und die mich so ultra-produktiv machen. Und besonders faszinierend ist, dass ich diese alle von jedem netzverbundenen Endgerät der Welt nur mit meinem (super sicheren) Login nutzen kann. Das ist wirklich genial und verbindet mich zu jeder Zeit mit allem, was mir gerade wichtig ist und im Kopf herumgeistert – und es gibt die Freiheit immer genau das zu tun, was man gerade möchte und wozu man sich in der Lage fühlt.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Ehrlich gesagt arbeite ich jeden Tag mit den für mich faszinierendsten Experten zusammen – meinen Kollegen, die alle hervorragend in ihren Fachthemen drin sind und gerne um mehrere Ecken denken – sowie mit den Leuten bei unseren Kunden, die ebenfalls Experten für ihre Fachthemen in den Häusern sind und mit denen wir gemeinsam tolle Lösungen in der digitalen Welt entwickeln.