Interview mit Stefan Malter – nrwision / TU Dortmund

Stefan Malter nrwision TU DortmundWer ist Stefan Malter? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Guten Tach zusammen! Ich heiße Stefan Malter, bin ein Kind des Ruhrgebiets und liebe die Medienwelt. Aktuell bin ich als Chefredakteur für den landesweiten TV-Lernsender nrwision verantwortlich. Mittlerweile konnte ich mehr als 10 Jahre Führungserfahrung in verschiedensten Fernsehredaktionen und Produktionsfirmen sammeln. Außerdem war ich immer wieder auch als Medientrainer und Dozent im Einsatz, so dass ich bei nrwision wunderbar meine journalistische Kompetenz mit meinem didaktischen Know-How verbinden kann. Ein echter Traumjob!

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Als Vollzeit-Medienjunkie liegt es fast zu nahe: Ich liebe es, US-Serien zu verschlingen. Das muss nicht immer anspruchsvolle Kost sein, sondern darf gerne auch Trash-Charakter haben. Im Englischen gibt es dafür die wunderbare Formulierung „Guilty Pleasure“. Welche Serien ich hier konkret meine, verrate ich aber nur im persönlichen Gespräch! 😉

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Kurz gesagt: Wir bringen neue Farbe ins Fernsehen! Unser TV-Lernsender nrwision ist ein nicht-kommerzielles und einzigartiges Medienkompetenz-Projekt, das an der Technischen Universität Dortmund angesiedelt ist und von der Landesanstalt für Medien NRW gefördert wird. Jeder Bürger in Nordrhein-Westfalen kann sich an unserem Programm beteiligen und eigene Filme und Sendungen bei uns ausstrahlen – egal zu welchem Thema. Auch Lehrredaktionen und angehende Medienprofis machen mit und zeigen bei uns ihre Ideen und ihr Talent landesweit im Fernsehen.

Ein großer Mehrwert ist dabei unsere redaktionelle Betreuung: Anders als bei anonymen Video-Plattformen wie YouTube oder früher bei den sogenannten „Offenen Kanälen“ haben wir ein Team, das das Programm professionell betreut und jedem Produzenten ein persönliches Feedback mit inhaltlichen und technischen Verbesserungs-Tipps gibt. Die Redaktion wiederum besteht vorrangig aus Journalistik-Studenten, die bei uns lernen, wie man das Programm eines kompletten Fernsehsenders zusammenstellt und verantwortet. Lernen auf allen Ebenen also, sich ausprobieren, sich weiterentwickeln: Für das alles und vieles mehr steht nrwision!

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Ich bin ein großer Verfechter des „papierlosen Büros“ – aus ökologischen und auch ökonomischen Gründen. Wir können das aus rechtlichen Gründen zwar nicht immer zu hundert Prozent konsequent umsetzen, aber wir sind mit unseren Arbeitsabläufen und unseren Software-Tools ziemlich nah dran, anders als ich es aus vielen anderen Redaktionen kenne, in denen noch leidenschaftlich gerne E-Mails ausgedruckt werden. Vom Sendeablauf für die TV-Ausstrahlung bis hin zur Verwaltung der redaktionellen Feedbacks setzen wir auf eigens für unsere Zwecke eingerichtete Office-Programme und entsprechende Tools.

Dass wir als moderner Fernsehsender auch im Produktionsbereich von Beginn an auf einen komplett digitalen Workflow gesetzt haben, kommt mir heute fast selbstverständlich vor. So läuft die technische Abwicklung eines Beitrags von der Zulieferung bis hin zur Verbreitung in den Kabelnetzen und den Video-on-Demand-Angeboten bei uns längst komplett digital ab.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

  • Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Das Internet ist immer noch ein vergleichsweise junges Medium, auch wenn es mittlerweile in nahezu allen Gesellschaftsschichten angekommen ist. Wenn man aktuell die Informations- und Debattenkultur in den Sozialen Netzwerken oder Foren verfolgt, müssen wir als Gesellschaft aber offenbar noch den konstruktiven Umgang mit den vielfältigen Möglichkeiten lernen. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass wir schon in der Schule konsequenter ansetzen: Medienkompetenz darf nicht nur freiwilliges Beiwerk in anderen Fächern sein, sondern sollte endlich ein eigenes Schulfach werden.

  • Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa:

Aus meiner Sicht bestimmen ständig neue Trend-Themen und kurzfristige Mode-Begriffe zu häufig die Strategien der Netzwirtschaft. Es erscheint vielleicht einfacher und spannender, auf einen gerade vorbeifahrenden Zug aufzuspringen, statt langfristig einen sorgfältig durchdachten Plan zu verfolgen. Die größte Herausforderung besteht hier meines Erachtens darin, mutig Prioritäten zu setzen. Zur Erfolgskontrolle gehört außerdem eine aufrichtige und selbstkritische Auswertung von Strategien.

  • Herausforderung für unseren Markt:

Im Medienbereich verschwimmen die Berufsbilder schon seit einigen Jahren. Vor allem Journalisten können es sich heute nicht mehr leisten, sich nur auf ein Medium zu beschränken und technische Entwicklungen zu ignorieren. Gleichzeitig hinkt die Journalisten-Ausbildung bzw. -Fortbildung meines Erachtens hinterher und verpasst es, neben redaktionellem Handwerk auch zu vermitteln, welche Chancen und Risiken die digitale Welt mit sich bringt. „Content Marketing“, „Usability“ und „Suchmaschinenoptimierung“ sollten längst zum Pflichtprogramm gehören.

  • Herausforderung für unsere Firma:

Immer mehr Angebote buhlen im Internet um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Gerade ein nicht-kommerzielles Projekt wie unser TV-Lernsender kann dabei natürlich nicht mit den Budgets von mächtigen Verlagen und großen Sendern mithalten.

Umso wichtiger ist es für uns, mit originellen Ideen und relevanten Inhalten zu überzeugen. Wir wollen in den kommenden Jahren deshalb weiterhin gezielt auf attraktive Themen setzen, ein attraktives Programm anbieten, mit guter und kreativer Arbeit überzeugen und dabei unsere bescheidenen Mittel bestmöglich einsetzen. Ein Lernsender ist eben nie „fertig“, sondern muss immer weiter pulsieren.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Ich ärgere mich über reißerische Überschriften, die mehr versprechen als der Artikel dann hält. Diese unsinnige Unsitte, um jeden Preis Klicks zu generieren und die Content-Schraube zu Überdrehen, schadet meines Erachtens der generellen Glaubwürdigkeit von Journalismus im Internet.

Im Internet habe ich schon zahlreiche Schnäppchen gefunden und somit viel Geld gespart, vor allem bei Flugangeboten. Ohne Internet wäre ich also sicher nicht so viel gereist und hätte nicht so viel von der realen Welt gesehen.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für…

  • einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Das Medienmagazin DWDL.de ist für mich jeden Tag und seit vielen Jahren eine wichtige Anlaufstelle, um Neuigkeiten und Hintergründe aus der Medienbranche zu erfahren. Man merkt, wie viel Herzblut das Team in die Arbeit steckt. Zudem finde ich die Entstehungsgeschichte hinter dem Portal einfach ungemein sympathisch

  • einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

Das Ausmaß rechter Hetze im Internet hat mich in den vergangenen Monaten sehr bewegt und erschreckt – angefangen bei offen rassistischen Kommentaren auf News-Portalen bis hin zu offen ausländerfeindlichen Kommentaren von vermeintlichen Facebook-„Freunden“. Umso wichtiger finde ich es, öffentlich dagegen zu halten, so wie es der aktuelle Appell der Landesanstalt für Medien NRW fordert:

http://www.lfm-nrw.de/aktuelle-meldungen/fuer-meinungsfreiheit-gegen-hetze-im-internet.html

Die Aktion unterstütze ich übrigens nicht nur persönlich. Beim TV-Lernsender nrwision haben wir passend dazu zahlreiche Clips produziert:

https://www.nrwision.de/programm/sendungen/no-hate-speech.html

  • ein spannendes Buch, das Dich inspiriert hat

Fakten statt Vorurteile: TV-Journalistin Anja Reschke hat als Herausgeberin ein lesenswertes Buch veröffentlicht, dass grundlegende Hintergründe rund um die „Flüchtlingskrise“ verständlich zusammenstellt. Ich habe bei der Lektüre viel gelernt und fühle mich für weitere Diskussionen gestärkt.

http://www.rowohlt.de/paperback/und-das-ist-erst-der-anfang.html

  • das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Ich kann die digitale Notizbuch-Software OneNote von Microsoft wärmstens empfehlen. Das Tool macht der viel gewünschten „eierlegenden Wollmilchsau“ Konkurrenz und eine mächtige Plattform zum Sammeln von Artikeln und Dokumenten aller Art. Dank OneNote und der Synchronisierung per Cloud habe ich jederzeit alle Informationen auf nahezu jedem Endgerät verfügbar – ob PC, Smartphone oder Tablet. Beruflich und privat ein unverzichtbarer Begleiter!

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum?

Ich finde absolut grandios, was die TV-Produktionsfirma „btf – Bild- und Tonfabrik“ in Köln auf die Beine stellt – gemeinsam mit dem sehr geschätzten Jan Böhmermann, aber auch darüber hinaus. Das Team schafft es immer wieder, mich als Zuschauer zu überraschen und das Medium Fernsehen immer wieder neu zu denken, oft mit einfachen Mitteln und mit viel Liebe zum Detail. Diese Spielfreude und dieser Ideenreichtum begeistern mich sehr, und davon können sich nicht nur angehende Medienmacher mindestens eine Scheibe abschneiden.

Weitere exklusive Interviews aus der Netzwirtschaft gibt es hier.