Interview mit Ludwig Wendt –
Ludwig Wendt Art Direction

Ludwig Wendt Ludwig Wendt Art DirectionWer ist Ludwig Wendt? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Creative Director und Gründer von Ludwig Wendt Art Direction, Berlin

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Jazz, aktiv und passiv – bin selbst Bassist, wenn zwischen meinem Hauptjob die Zeit dazu ist! Ausserdem: Interior design und Fahrräder in jeglicher Form.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Wir machen in erster Linie Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Editorial Design – ich bin seit 15 Jahren intensiv für Magazine und Verlage tätig, habe z.B. bei AD architectural digest (Condé Nast Verlag) als Art Director die Digitalisierung anhand von ipad Apps an vorderster Front mitgestalten dürfen. Seit einiger Zeit bin ich auch dabei, verstärkt als Creative Director mit Unternehmen, Brands oder Agenturen zusammenzuarbeiten, da ich das als Betätigungsfeld sehr fruchtbar finde. Die Designbranche ist manchmal ein wenig in sich gekehrt in Deutschland, mich haben aber immer schon die Jobs interessiert, bei dem es um die Gesamtsicht auf ein Unternehmen, Thema oder Produkt geht, dieser generalistische Blick. Oft wird man ja für einen Gestaltungsjob engagiert, beginnt dann aber während der Arbeit das Produkt zu hinterfragen und ist dann ruckzuck mittendrin in der Gesamt-DNA einer Marke. Das ist bei mir Reflex: Ich bin immer inhaltsmotiviert, ohne guten Content bringt auch ein sexy Design nichts, egal ob in Print oder Digital. Der Markt ist überschwemmt von Magazinen bzw. Medien, die zwar zum Teil schön gestaltet sind, aber inhaltlich einfach nichts zu sagen haben. Ich finde, Medien oder Unternehmen brauchen ein Haltung, inhaltlich wie visuell, Punkt. Dabei helfe ich gern!

Apropos Superpower: Verrätst Du uns ein „Best Practice“ Beispiel Deiner Firma, wo ihr besonders erfolgreich wart? Was waren Deiner Meinung nach die Erfolgsfaktoren?

Ich nenne immer wieder gern meine Arbeit für den Theaterverlag: Wir haben zusammen die Magazine Literaturen, Opernwelt und Theater heute gerelaunched, wobei ich in sehr enger Zusammenarbeit mit dem Verleger und den Redaktionen stand und dadurch auch viel Einfluss auf redaktionelle Strukturen und Herangehensweisen nehmen durfte.

Ich bin nicht der Typ Gestalter, der etwas nur schön verpacken will, ich interessiere mich immer für die Inhalte, deren Qualität und deren Darreichungsform. Ich denke, dass hier auch meine „Superpower“ liegt: Ehrliche, authentische und hochwertige stilistische Lösungen zu finden, die in den jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext passen. Leider muss man sagen, dass in Deutschland vielerorts immer noch eine ziemliche Unbeholfenheit im Umgang mit Design und Ästhetik herrscht: Man hat das größte technische Knowhow, gestaltet aber leider noch viel zu oft biedere Produkte mit noch biederer Kommunikation. Das muss ja nicht sein ;).

Apropos Superpower: Welches Best Practice Beispiel in Deiner Branche hat Dich besonders fasziniert und warum?

Um beim Thema Authentizität und Haltung zu bleiben: Ich fand die Harpers Bazaar unter Chefredakteurin Margit J. Mayer ein gelungenes Magazin – weil es geschafft hat, dem ausgelutschten Thema Frauenmagazin eine Haltung zu geben: Es war deutlich zu sehen und zu lesen, dass man sich dort bemüht hat, auch mal leise Kritik oder einen kritischen oder ironischen Unterton anzuschlagen; ein eigenes Frauenbild aufzubauen, welches über das öde und peinliche Klischee der passiven Konsum-Frau hinausgeht. Eine tolle Leistung, denn dieses Genre ist wie kein anderes von Anzeigen-Zwängen bestimmt und lässt dadurch wenig Spielraum für journalistische Haltung. Was ich wirklich noch als Best Practice-Beispiel nennen muss: Monocle, das Magazin-Imperium von Tyler Brulé. Er schafft es, auf gestalterisch wie journalistisch hohem Niveau eine sehr moderne Zielgruppe anzusprechen und dabei eine sehr entspannte uns authentische Verknüpfung von Anzeigenkunden und Editorial Content zu schaffen. Da könnten sich die großen Verlagshäuser in Deutschland doch etwas abschauen, anstatt verzweifelt ein eigenartiges Magazinkonzept nach dem anderen auf den Markt zu werfen. Inhalt und Design müssen beide gut sein, das redet man sich hier in Deutschland oft schön. Fantastic Man und The Gentlewomen sind weitere Beispiele, die das im Fashion-Bereich schaffen – und beide haben independent angefangen.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Meine persönlichen digitalen Highlights gestalterischer Art waren bisher die Magazin-Apps bei AD, mit denen wir schon recht früh am Markt waren – fast zu früh, denn vor ein paar Jahren hatten noch zu wenig Leute ein ipad. Ähnliche App-Projekte sind derzeit bei mir in Arbeit, darüber kann ich aber leider noch nicht sprechen. In der täglichen Arbeit sowie im Alltag hat sich durch die Smartphones in der Kommunikation vieles sehr vereinfacht und verschnellert, das ist sehr positiv und gibt einem als Selbstständiger viel Freiheit. Allerdings ist trotz der Smartphone-Epidemie das Magazin in digitaler Form immer noch nicht wirklich alltäglich, es bleibt eine Restdistanz durch den Bildschirm, da muss sich noch einiges bei der Akzeptanz tun in den kommenden Jahren. Nicht alle Menschen wollen ein „Gerät“ zum Lesen von Magazinen. Letztendlich geht es immer um Qualität. Die setzt sich durch, über das Medium hinweg.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein? 

  • Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Für jeden Einzelnen: Angesichts des riesigen Angebots und Überflusses an Informationen das Relevante und Wichtige für sich herauszufinden und vor allem eine eigene Haltung und gesundes Misstrauen gegenüber dem Präsentierten zu entwickeln. Das gilt besonders für Eltern, die ihren Kindern einen Weg aufzeigen müssen, wie sie in einer zunehmend digitalen Welt Orientierung finden. Für den Staat: Endlich digital so firm zu werden, dass gefährliche Tendenzen und kriminelle Energien im Web so gut es geht trotz Demokratiewillen gebannt werden können.

  • Herausforderung für unseren Markt:

Ganz in eigener Sache als Creative Director: Ich sehe momentan wieder eine starke Tendenz gerade bei kommerziellen, Investoren-getriebenen Startups, Unternehmenskommunikation und Design sehr stark in die Hände von monströsen Marketing-Abteilungen zu legen. Gutes Marketing ist wichtig und eine eigene Disziplin, ersetzt aber nicht erfahrene Designer und deren Kommunikations-, Gestaltungs- und Stil-Wissen.

In Print wie digital.

  • Herausforderung für unsere Firma:

Dadurch, dass Print trotz aller Etabliertheit immer weniger im Fokus steht und es bei 90% aller Jobs um digitale Lösungen geht, heisst es, sich auf die digitalen Medien einzustellen und sich ständig mitzuentwickeln. Ich finde es vor allem aus der Sicht als Creative Director interessant und irgendwie auch beruhigend zu sehen, dass es letztendlich immer um die gleichen Prinzipien von Gestaltung und Kommunikation geht, egal ob bei Print oder Digital, ob auf einer Papierseite oder einem Mini-Screen: Hierarchie, Komposition, Gewichtung, Dynamik, Stil, das spielt immer eine Rolle.

Was hat Dich bisher am meisten am Internet geärgert, was am meisten gefreut?

Worüber ich mich zuletzt immer wieder amüsiert habe, ist der Hype um UX-Design. Vor ein paar Jahren noch völlig unbekannt, hat man diese Disziplin gerade zum Trend der Stunde erklärt, als ob das etwas ganz Neues wäre. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, fundiertes UX-Design ist toll, aber plötzlich sprechen alle nur noch von User Experience, es kommen täglich neue Berufe hinzu, die sich damit beschäftigen, wie man am besten digital von A nach B kommt und jeder, der mal irgendwie etwas programmiert hat und mehr Jobs an Land ziehen möchte, schreibt „UX Designer“ in seine Berufsbeschreibung. Ich denke, aufgrund der enormen Komplexität digitaler Lösungen und dem monetären Druck dahinter hat sich jetzt eben ein Berufsbild etabliert, das logische Denkweise und den gesunden Menschenverstand wieder  als Kernkompetenz benennt – Fähigkeiten, die bei einem guten Designer eigentlich schon immer die Basis bilden sollten, aber bisher nie so in den Vordergrund gestellt wurden. Eigentlich doch eine gute Entwicklung, wenn ich darüber nachdenke…;)

Welches „Problem“ (privat oder im Unternehmen) würdest DU gerne von einem Start-up gelöst bekommen?

Deutschland mit mehr Sensibilität für Ästhetik und Gestaltung auszustatten! Im Internet kann man ja verrückt werden vor visuell kreativen und künstlerischen Höchstleistungen, im Alltag auf der Strasse und in den Mainstream-Medien sieht man von diesem Potenzial allerdings zu wenig. Ich würde mir in diesem Sinne ein Startup oder eine Firma wünschen, die auf ähnlich professionelle Weise wie Personalberater in der Wirtschaft Entscheider aus Unternehmen und Design unkompliziert zusammenzubringt, damit wieder mehr frische und auch für die Allgemeinheit sichtbare Gestaltung auch abseits von Screens entsteht.

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… 

Öfter mal wieder einen Marx Brothers-Film ansehen, ein Hauch elegante Anarchie und Selbstironie kann im Leben nie schaden! Nicht alles bierernst nehmen, einen eigenen Blickwinkel einnehmen. Die Fotostrecke „Landfluchten“ von Myrzik und Jarisch mit dem Hintergrund-Ton hat mich kürzlich sehr bewegt, unbedingt ansehen:

http://www.myrzikundjarisch.com/#/portfolio/145/landfluchten/?img=1

Ein riesiges, bisher in meinen Augen noch wenig genutztes Potenzial von Apps bzw. Internet: Education! Nur ein Beispiel für die unterschiedlichsten Unterrichts-Apps, die zur Zeit gerade entstehen: Die bald erscheinende App „grooveaday“des Bassisten Gary Willis, die es Musikern per ipad ermöglicht, die Kunst des sich stetig weiterentwickelnden, improvisierten Grooves zu perfektionieren:

www.grooveaday.com

  • einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin (auch Print), mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Nach wie vor eher Print: Monocle, AD, Fantastic Man, Gentlewomen, PAGE ist als Design-Fachmagazin wieder viel besser geworden!

Journalistisch Spiegel online und DIE ZEIT. Ansonsten verschlinge ich beruflich bedingt jede Menge Magazine aller Genres, aber erstaunlicherweise gibt es digital noch nicht viel, das mich wirklich überzeugt…Youtube ist allerdings großartig, weil man dort wirklich Sachen findet, für die man früher hätte endlos recherchieren müssen, z.B. im Musikbereich.

  • einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat (mit URL)

Die brand eins -Ausgabe April 2015, Schwerpunkt Handel. Habe selten so ein von vorne bis hinten spannendes Heft gelesen.Ganz toll, hochspannend und informativ.

  • ein spannendes Buch, das Dich für Dein Business inspiriert hat

Michael Caine, Weniger ist mehr. Ein Leitfaden für Schauspieler. Kein Scherz: Was Michael Caine hier ganz nüchtern und ungemein ironisch erklärt, ist pure Kommunikations- und Lebenshilfe im Umgang mit Menschen, total analog und übertragbar in jede Alltagssituation.

  • eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Leider habe ich eine solche bisher noch nicht besucht…learning on the Job ist bei mir der Standard! Viele Seminare oder Kurse sind schlichtweg zu teuer und erreichen dadurch die Kreativen nicht immer.

  • das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Immer noch Adobe InDesign bzw. die Creative Suite. Und da wir über UX gesprochen hatten: Ein Blatt Papier und ein Stift sind immer noch das beste Mittel, schnell und effektiv zu kommunizieren.

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? 

Mit dem Filmkomponisten Ennio Morricone würde ich mich gern einen Tag unterhalten. Er hat zwar mit meinem Berufsbild vordergründig nichts zu tun, aber er schafft etwas, das ich inspirierend finde und das eher selten geworden ist: Werke zu erschaffen, die gleichzeitig populär und avantgardistisch, zugänglich und dennoch anspruchsvoll und fordernd sind. Das Gleiche gilt für (Regisseur) Roman Polanski, mit ihm würde ich auch wirklich gern mal etwas Zeit verbringen! Generell inspirieren mich alle, die sich treu bleiben und eine eigene Haltung kultivieren!