Interview mit Bernd Mathieu –
Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten

Bernd Mathieu Aachener Zeitung / Aachener NachrichtenWer ist Bernd Mathieu? Bitte stell Dich doch mal kurz vor.

Der 61-Jährige ist einer der „Dinos“ unter Deutschlands Chefredakteuren, seit 20 Jahren leitet er die Aachener Zeitung, seit 2003 zusätzlich die Aachener Nachrichten. Dafür hat er das damals deutschlandweit noch einmalige Konzept „Eine Redaktion – zwei Zeitungen“ entwickelt. Und: Beide sind wirklich gute Zeitungen, weil sie von einem guten Team gemacht werden und in einem Verlag erscheinen, der Mut zu Experimenten hat, sie finanziert und jungen Leuten eine hervorragende Ausbildung zum Multi-Media-Redakteur bietet. Das passt dann auch zum Chefredakteur, der als Professor an der FH Aachen im Studiengang Media and Communications for Digital Business lehrt.

Damit wir Dich nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verrate uns doch auch einen kleinen Spleen von Dir.

Spleen? Da reicht der Singular gewiss nicht. Automodelle 1:18 und kleiner mit der Freude eines Kindes sammeln, Kirchenlieder aus der Weihnachts- und Osterzeit singen, obwohl ich gar nicht singen kann, aber sie sind so schön feierlich, Kitsch kaufen, zum Beispiel Schneekugeln und ganz besonders kitschigen Weihnachtsbaumschmuck in den Metropolen dieser Welt, und ganz altmodisch sein, nämlich: pünktlich, zuverlässig, einigermaßen perfekt, Letzteres im ständigen Versuch.

Elevator Pitch! Was macht Eure Firma? Und vor allem: was macht ihr am besten, wo liegt Eure Superpower?

Unsere Firma macht gute Tageszeitungen für die Region Aachen-Düren-Heinsberg, und sie hat eine moderne regionale digitale Abendzeitung mit dem schönen Titel „AmAbend“, die ab 19 Uhr abrufbar ist mit Fotogalerien, Videos etc.; und sie hat eine Menge anderer Publikationen, gut gemachte Wochenblätter mittwochs und sonntags, Sondereditionen von Lifestyle über Fußball bis zur Kinderzeitung „Karlo Clever“. Regional und lokal: Das ist die Superpower des Medienhauses, und diese Power reicht vom exzellent bedruckten Papier über aktuellste Online-Präsenz bis zur unterhaltsamen Kinder-Uni.

Wie lebt ihr Digitalisierung in Eurem Unternehmen? In welchem Bereich habt ihr Digitalisierung erfolgreich um- oder eingesetzt?

Selbstmitleid und Panik sind falsche Berater. Sie verbauen Perspektiven, verhindern Dynamik, die neue Techniken und Möglichkeiten bieten. Blogs, Social Media: Sie sind längst Alltag. Diese Vielfalt, die höhere Zahl an Angeboten, die Echtzeitkommunikation sollen der Untergang des Abendlandes sein? Unsinn. Gerade lokaler und regionaler Journalismus hat mit Kreativität gute Chancen, nicht mit Sparmaßnahmen als Selbstzweck. Digitalisierung leben heißt bei uns: Online das aktuellste Nachrichtenportal sein. Sich von der Illusion gedruckter Exklusivität verabschieden. Den Unterschied zwischen Print- und Online-Sprache kennen. Online professionell sein. Märkte ändern sich, daran mitwirken: Experimente wagen. Erfolg haben. Auch mal scheitern.

Wenn Du Dir die Netzwirtschaft insgesamt, Euren Markt, Eure Firma, Deine Position ansiehst, was werden die Haupt-Herausforderungen in den nächsten Monaten oder Jahren sein?

  • Herausforderung für die Gesellschaft, bzw. den Staat:

Welchem Journalismus traue ich? Wie glaubwürdig ist das Internet tatsächlich? Gehe ich damit richtig um? Wo informiere ich mich? Informiere ich mich überhaupt noch? Was muss ich wissen? Täuscht der Eindruck, dass immer mehr Menschen immer weniger wissen und darüber immer lauter mitreden?

  • Herausforderung für die Netzwirtschaft in Deutschland / Europa: (Investitionsstau? Zu viel Abhängigkeit von großen digitalen “Monopolisten”?  Zu viel Bürokratie? Bessere Ausbildung von Fachkräften?)

Investitionsstau: ja, vor allem in NRW, da leben wir. Fachkräfte? Bilden wir zum Beispiel an der FH aus, und die Absolventen haben beste Chancen: Das ist gewiss ein Beleg dafür, dass uns Fachkräfte in der digitalen Wirtschaft fehlen. Zu viel Abhängigkeit von digitalen Monopolisten: eindeutig. Aber wer soll das jetzt noch ändern? Zu Bürokratie kann ich nichts sagen, nur ahnen…

  • Herausforderung für unseren Markt:

Nischen besetzen. Kompetenz ausspielen. Selbstbewusstsein haben. Hier ist der Satz mal angebracht: Wir schaffen das!

  • Herausforderung für unsere Firma:

In den Lawinen von News und Aufregung, von Vermutungen, Selbstalarmierung, Skandalisierung und blendendem Einfachjournalismus gründlich und seriös bleiben. Nicht nervös werden. Qualität halten. Recherchieren, niemandem nach dem Mund reden oder schreiben. Unser Netzwerk nutzen. Sich mit guten Partnern verbünden, auch Bloggern. Social Media als Chance begreifen für Recherche, Marketing, Vertrieb etc.

Was hat Dich bisher am meisten „am Internet“ geärgert, was am meisten gefreut?

Geärgert? Die dämlichen Einträge einfallsloser Kommentar-Verfasser; die Anonymität der Aggression und teilweise Beleidigung. Diese unerträgliche Sinnleere.

Gefreut? Information in Echtzeit. Interessante Meinungen dazu von Menschen mit richtigen Vor- und Zunamen. Internationale Verbindungen, Analysen, Einschätzungen. Das Internet bietet eine grandiose Fülle an interessanten Fakten, Ereignissen, Bildern – wenn man es denn will!

Gib uns doch bitte eine Empfehlung für… (inklusive kurze Begründung, warum Du es empfiehlst)

  • einen Blog / eine Newsseite / ein Fachmagazin, mit dem/der Du Dich zu Fachthemen gerne informierst

Medium Magazin, hat eine gute Übersicht über Initiativen in Zeitungsverlagen, besonders auch regionalen.

http://www.osk.de/blog/; Content-Blogging, Marketing, aktuelle Trends, Tipps, Hinweise, Diskussionen

  • einen Artikel, der Dich in der letzten Zeit am meisten begeistert hat

Serie zur Zukunft des Journalismus auf:

http://www.osk.de/blog/acht-fragen-an-martin-giesler-zur-zukunft-des-journalismus

  • ein spannendes Buch, das Dich inspiriert hat

Alain de Botton: Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanweisung

  • eine Veranstaltung(-sreihe), auf der Du wirklich etwas dazugelernt hast (und was, bzw. von wem)

Eine Veranstaltung mit Prof. Franz-Josef Radermacher, Zukunftsforscher, Professor für Informatik an der Universität Ulm und Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung, zum Thema „Welt mit Zukunft, ökosoziale Perspektive“. Gute Erkenntnisse über Internationalität, Entwicklungshilfe, Wohlstand, Zielgruppenverhalten, Perspektiven für Großstädte.

  • das hilfreichste Tool / die hilfreichste Software für Deine Arbeit

Software: unser Redaktionsprogramm DTI natürlich!

Mit welchem Experten würdest Du am liebsten einmal 1 Tag zusammenarbeiten, und warum? Oder von welchem Experten aus Deinem Fachgebiet hast Du bisher am meisten gelernt? Und was war das?

Als Journalist mit den alten Hasen, die ich immer wieder mal kontaktiere bzw. treffe: Alfred Grosser, Klaus Harpprecht. Von denen lernt man den aufrechten Gang der publizistischen Unabhängigkeit und die brillante Analyse in der Form eleganter Sprache. Am meisten gelernt habe ich von meinem früheren, leider viel zu früh gestorbenen Kolumnisten Peter Glotz: in kurzer Zeit Dinge auf den Punkt bringen. Knapp, Klartext, ohne Firlefanz. Und: Konflikte aushalten. Ja: Ein Typ wie Glotz jeden Tag in der Redaktion – das wäre (m)ein Glücksfall!

 

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